Die Biber-Frau: Am 9. Jänner wäre Simone de Beauvoir hundert Jahre alt geworden

Und: Auszüge aus Gesprächen mit ihrer Weggefährtin Alice Schwarzer über die freie Beziehung mit Sartre, ihre Sexualität und das Alter.

„In der Debatte über den Feminismus ist genug Tinte geflossen“, schreibt Simone de Beauvoir im ersten Absatz ihrer 900 Seiten starken Analyse und Historie der weiblichen Unterdrückung „Das andere Geschlecht“, „jetzt ist sie nahezu abgeschlossen: Reden wir nicht mehr darüber.“ Im Jänner wäre Simone de Beauvoir 100 Jahre alt geworden.

Ihre Thesen haben an Relevanz nichts verloren. Lange vor dem Skandal, den die Publikation 1949 auslöste, war Simone de Beauvoir schon längst das Pin-up der linken Intelligenz. In ihrem Romandebüt „Sie kam und blieb“ („L’invitée“) 1943 hatte sie tabulos und explizit die freie Liebe in Pariser Künstlerkreisen beschrieben; als „Zwilling“ an der Seite des revolutionären Philosophen und Schriftstellers Jean-Paul Sartre war die ehemalige Philosophieprofessorin umschwärmter Bestandteil der Pariser Kulturelite.

Ihre über fünfzig Jahre dauernde Beziehung zu Sartre – er nannte sie aufgrund ihrer kreativen Unermüdlichkeit „Castor“, also Biber, sie ihn „mein lieber Kleiner“ – bezeichnete Beauvoir als ihren „einzigen wirklich unbestreitbaren Erfolg“, den sie weit über ihr schreiberisches Œuvre stellte.

Davon, dass sie als junge Frau oft als Appendix des existenzialistischen Denkers punziert wurde, nahm ihr Selbstverständnis keinen Schaden: „Das war nicht Sartres Schuld. Er ermunterte mich ständig: Aber Castor, warum denken Sie nicht mehr, warum arbeiten Sie nicht mehr …“

Erregung in allen Lagern. Beauvoirs Vision der Frauen schlug ein wie eine Bombe. Bei seinem Erscheinen provozierte das feministische Schlüsselwerk „Das andere Geschlecht“ („Le Deuxième Sexe“) Hass, Verachtung und Irritation – auch in den eigenen Reihen. Der Existenzialist Albert Camus kündigte Beauvoir die Freundschaft; Professoren fetzten das Buch durch die Hörsäle, der Vatikan setzte Beauvoirs rebellische Abrechnung mit den Theorien von der „Natur der Frau“ auf den Index; die Linke stempelte ihre als „Marquise von St.-Germain-des-Prés“ amtierende Tochter „aus gutem Haus“ aufgrund ihrer Thesen zur bourgeoisen Verräterin.

Die üppige Phänomenologie des Sexismus und der daraus resultierenden Unterdrückung quer durch alle Epochen demontierte das Geschichtsverständnis des Patriarchats mit schonungsloser wie schockierende Radikalität.

In der Ehe ortete Beauvoir eine Knechtschaft, der es unter allen Umständen zu entrinnen galt.

Als größte Gefahr für Sklaverei hielt sie jedoch die Mutterschaft – aufgrund der gängigen Umstände, „unter denen Frauen heute Mütter sein müssen (siehe auch Interview Seite 45). Sie selbst kultivierte mit Jean-Paul Sartre seit 1929 – die Beziehung sollte 51 Jahre dauern – eine Liebe jenseits von jeglichen konventionellen Zwängen: getrennte Wohnungen, freie Sexualpartnerwahl, gemeinsames Denken.

Backlash. An den Umständen, unter denen Frauen Mütter sein müssen, hat sich bis heute wenig geändert. Im harten Gegenwind des Backlash, dessen unappetitliche Spitzen Eva Hermans Krippen- und Herdtrieb sowie die Renaissance eines inzwischen auf RTL-Niveau verblödelten Biologismus markieren, würde Simone de Beauvoir heute als radikale Abmahnerin durchaus Sinn machen. Besonders jener neuen Form des Mutterkults, dessen katholisch-konservative Proponenten berufstätige Frauen als egomanische Karrieristinnen abzuwerten suchen, würde ihre ganze Abscheu gehören. Der mit Abstand am häufigsten zitierte Satz aus „Das andere Geschlecht“ lautet: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht.“

Beauvoirs Überzeugung, dass die Verschiedenheit der Geschlechter mehr mit Kultur und Sozialisierung als mit Chromosomen zu tun hat, könnte der heute so fröhlich grassierenden Frauen-können-nicht-einparken-und-Männer-essen-blutiges-Fleisch-Ideologie den dringend notwendigen Widerstand bieten.

Dass Simone de Beauvoir mit ihrem – zeitlebens gepflogenen – mondänen Styling und den blutrot lackierten Fingernägeln ihre eigene Weiblichkeit nicht nur nicht verleugnete, sondern sie durchaus auch mit Kalkül zum Einsatz zu bringen wusste, erscheint nur beim ersten Hinsehen als gelebter Widerspruch.

Sie selbst, erklärt Beauvoir im Gespräch mit Alice Schwarzer, hätte ihre physische Weiblichkeit durchaus gerne akzeptiert und keinerlei Sinn in ihrer Unterdrückung gesehen. „Die Frau kann nur dann ein vollständiges Individuum sein“, schreibt sie, „wenn sie auch ein geschlechtlicher Mensch ist.“ Denn „auf ihre Weiblichkeit zu verzichten hieße, auf einen Teil ihrer Menschlichkeit zu verzichten“.

Wichtig bei der „hartnäckigen Versteifung auf das eigene Glück“, wie die Tochter eines verarmten Pariser Anwalts und einer Bibliothekarin ihr Lebensmotto bezeichnete, wäre vor allem die Verweigerung der gesellschaftlich vorgesehenen Fallen wie eben Mutterschaft, Ehe und selbst eine Lebensgemeinschaft unter einem Dach, in der die Frau „wie selbstverständlich auch den Part der Hausfrau“ übernehmen werde.

Beauvoir war sich jedoch sowohl bewusst, dass ihr Lebensweg nur mithilfe von gewissen Privilegien realisierbar gewesen ist. Der finanzielle Absturz der Familie hatte sich insofern bezahlt gemacht, als dass den Mädchen aus gutem Haus früh Zugang zu Bildung und Literatur ermöglicht wurde. Aus Mangel einer Mitgift hatte der streng katholische Vater nämlich seine Töchter schon früh in Richtung Berufstätigkeit getrimmt.

„Reizender Castor“. Ein Mann wie Sartre als Partner, der sie auf Augenhöhe und ohne Besitzansprüche forderte und förderte, besaß ebenfalls Seltenheitswert.

Trotz Hinterlassung eines weitläufigen Werks, das theoretischen Schriften wie „Das Alter“ („La Vieillesse“), mehrere Memoirenbände und Romane wie „Die Mandarins von Paris“ („Les Mandarins“) beinhaltet, definierte „der reizende Castor“, wie sie ihre Briefe an Sartre zu unterschreiben pflegte, die heutige Ikone des Feminismus ihr Leben für ihr eigentliches Meisterwerk. Paradoxon am Rande: Jahrelang hatte sich Beauvoir geweigert, als Feministin etikettiert zu werden. Ihr Vertrauen, dass die Konflikte der Frauen auf einer politischen Ebene, nämlich im Sozialismus, gelöst werden würden, sollte sie erst Anfang der siebziger Jahre endgültig verlieren. Ab diesem Zeitpunkt stellte sie sich „der Frauenbewegung zur Verfügung“. Sie nahm Partei, ohne je auf eine zu setzen, ihre Waffe war die intellektuelle Intervention. In ihrem letzten Memoiren-Band „Alles in allem“ schrieb Beauvoir 1972 den poetischen Satz: „Ich hielt mich nicht für eine Frau. Ich war ich.“

Von Angelika Hager