Abgefärbt

Die Grünen werden 25 und kämpfen mit Selbstzweifeln, Orientierungsschwierigkeiten und Ermüdungserscheinungen. Fünf Antworten auf die Frage, was Grün heute noch bedeutet.

Eine ausgelassene Party ist nicht geplant. Die Grünen, die vor 25 Jahren mit dem Anspruch in den Nationalrat einzogen, alles anders und besser zu machen, begehen ihr Jubiläum am 23. November recht steif und recht staatstragend. Ein Festakt am Vormittag im Parlament, feierliche Reden von Freda Meissner-Blau und Eva Glawischnig, eine Diskussion, eine Präsentation von 25 Wahlplakaten und 25 Erfolgen. Acht Parteichefs haben sie in den letzten 25 Jahren verschlissen, so viele wie keine andere Partei, alle werden zum Festakt kommen. Wie man halt einen Geburtstag zelebriert, wenn einen das Älterwerden eigentlich nicht mehr so recht freut.

"Wir waren eine Protestbewegung. Heute sind wir Establishment“, fasst Michel Reimon, der einzige grüne Landtagsabgeordnete im Burgenland, die Stimmungslage zum Jubiläum zusammen. Die Grünen haben in 25 Jahren viele "Erste“ produziert: den ersten behinderten Abgeordneten, die erste mit Migrationshintergrund, die erste lesbische Abgeordnete, die erste Frau als Parteichefin. Mittlerweile haben sie viele Langzeitabgeordnete und einen Altersschnitt im Parlamentsklub von 48,3 Jahren, knapp unter dem Durchschnittsalter aller Parteien, das bei 50,8 Jahren liegt.

Nicht nur die Tabubrüche, auch Erfolgserlebnisse waren in den vergangenen Jahren rar: Quer durch alle Bundesländer konnten die Grünen bei keiner Landtagswahl Mandate dazugewinnen, auch bei den Nationalratswahlen stand ein Minus vor dem Ergebnis. Während die deutschen Ökos immer wieder zu Höhenflügen ansetzen, dümpeln ihre österreichischen Kollegen in den Umfragen dahin.

Der Querkopf
Hans Arsenovic

Sein Vater war serbischer Kommunist, seine Mutter katholische Wiener Weinbäuerin, und Hans Arsenovic ist eine ähnlich originelle Mischung. Er war Offizier beim Heer und Direktor einer Raiffeisenbank. Heute ist der 43-Jährige Geschäftsführer einer Sonnenstudiokette, fährt gern SUVs - und investiert viel Energie, um zu beweisen, dass Grün und Wirtschaft ideal zusammenpassen. Dazu war auch in den eigenen Reihen Überzeugungsarbeit notwendig: "Vor sechs, sieben Jahren galten wir von der Grünen Wirtschaft als Klassenfeind im eigenen Lager. Dabei sind Selbstständige ein Zukunftsmarkt für die Grünen.“

Ökologie war der Frohnatur Arsenovic nie so wichtig. Er verbrachte zwar als 16-Jähriger eine Nacht in der Hainburger Au, aber vor allem, wie er grinsend erzählt, "weil ich mit der Karin aus der Nachbarklasse im Zelt schlafen wollte“. Heute betreibt er seine Solarien mit Ökostrom, seine Triebfeder ist aber nicht die Umwelt: "Ich bin ein linker Sozialkämpfer und extrem gesellschaftsliberal.“ Arsenovic ist überzeugt, dass die Wirtschaftskammer Politik für Großunternehmer macht. Vor sechs Jahren tingelte er für die Wirtschaftskammerwahl von Geschäft zu Geschäft, wurde prompt zum ersten grünen Innungsmeister gewählt und muss heute noch lachen, wenn er sich an die erste Sitzung erinnert: "Da sind die 70-jährigen Kammerräte gekommen, um sich den Grünen anzuschauen.“ Seither bringt er im Wirtschaftsparlament unverdrossen Anträge ein, warum Vermögensteuern für Kleinunternehmer gut wären, und redet gegen Gier und Gewinnstreben an.

Wenn es nach Arsenovic ginge, würden die Grünen radikal auftreten: "Der Kampf gegen die Banken ist im Moment mein Hauptgebiet.“ Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Partei von einem Anti-Banken-Volksbegehren zu überzeugen. Und von mehr Hedonismus: "Es ist ein grundlegender Fehler, dass wir uns als Spaßbremsen verkaufen.“ Wie er sich den grünen Zug zum Tor vorstellt, demonstriert Arsenovic auch als Vorstandsvorsitzender des Fußballclubs "Wiener Viktoria“. Der Fünftligist, trainiert von Toni Polster, beherbergt im Winter Obdachlose in den Mannschaftskabinen und bietet Deutschkurse für Eltern und Kicker. Das Sozialengagement könne aber kein Selbstzweck sein: "Wir sind auch Nummer eins der Liga.“

Die Ruhige
Jennifer Kickert

Es war Mitte der neunziger Jahre. Schick war gerade das Liberale Forum, die Grünen hingegen hatten bei den Nationalratswahlen verloren und mussten, wieder einmal, zittern, aus dem Parlament zu fliegen. "Gesudert habe ich eh die letzten zehn Jahre“, dachte sich Jennifer Kickert und ging zu einer grünen Info-Veranstaltung in ihrem Bezirk. Sie war die einzige Interessentin, dadurch kam man schneller ins Plaudern. Kickert sagte nicht viel, und wenn, war sie anderer Meinung - etwa flammend für einen EU-Beitritt Österreichs. Trotzdem wurde sie wenig später Spitzenkandidatin im Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus: "Die Grünen sind in bestimmten Dingen halb wahnsinnig. Die kannten mich ja gar nicht.“

Die 49-jährige Kickert war schon in vielen Funktionen, sitzt neuerdings im Wiener Gemeinderat und entspricht in vieler Hinsicht dem Klischeebild einer Grünen: Sie ist passionierte Radfahrerin, bekennende Lesbe, als Biologin von vornherein umweltaffin, ihre Ausgaben für modisches Styling dürften sich in überschaubaren Grenzen halten. Trotzdem sieht sie sich selbst als "konservativer als die meisten Grünen“: "Meine jugendliche Begeisterung für die Revolution war nur kurz. Ich hatte nie den Anspruch, die Welt zu retten.“

Konsequenterweise ist ihr liebstes politisches Betätigungsfeld die kleine kommunale Ebene und ihre Motivation eine zutiefst unspektakuläre: "Grüne Politik bedeutet, basisdemokratisch die Menschen einzubeziehen. Das heißt auch, Macht abzugeben.“ Konkret meint Kickert etwa, bei der Umgestaltung von Plätzen oder Straßen die Anwohner mitbestimmen zu lassen - "auch wenn dann Sachen herauskommen, die mir vielleicht nicht so taugen“. Schillernde Erfolge kann man mit diesem Faible für gediegene Detailarbeit selten feiern, das weiß selbst die uneitle Kickert: "Für eine solche Politik braucht man einen wahnsinnig langen Atem.“ Ihr ist auch bewusst, dass mancher Wähler nicht derart viel Geduld aufbringt - hält das aber für unauflösbar: "Wir waren immer die Musterschüler und wussten alles besser. Dass wir jetzt brav geworden sind, ist die logische Entwicklung. Das System prägt.“

Der Zuspitzer
Michel Reimon

Michel Reimon zappelt. Bloggt. Twittert. Ginge es nach dem 40-jährigen Technologiefreak, dürfte eine netzaffine Partei wie die Piraten, die in Deutschland den Grünen veritable Konkurrenz macht und sie plötzlich alt aussehen lässt, in Österreich gar nicht erst aufkommen. Um das zu verhindern, müsse seine Partei, davon ist Burgenlands Ober-Grüner überzeugt, aber viel schärfere Oppositionspolitik machen: "Wir Grüne haben einen irrsinnigen Volksbildungsanspruch und wollen immer unsere 50-seitigen Konzepte erklären. Wir müssen aber viel mehr zuspitzen.“ Das sei nicht leicht, das gibt Reimon, ein ehemaliger Kommunikationsberater und Autor, schon zu: "Wir sind bis an die Basis voll mit konstruktiven Menschen.“ Dennoch sind ihm die Grünen schlicht zu bieder und brav: "Wir treten zu staatstragend auf und wollen ständig beweisen, dass wir regierungsfähig sind. Dabei sind wir im Bund zahlenmäßig weit von einer Regierungsbeteiligung entfernt.“

Der Pragmatische
Klaus Werner-Lobo

Vor zwei Jahren war das Leben von Klaus Werner-Lobo leichter. Damals attestierte ihm das deutsche Magazin "Der Spiegel“, "Star der alternativen Globalisierung“ zu sein, er schrieb Bestseller und wetterte gegen Macht und Markt. Heute sitzt der 44-Jährige im Gemeinderat, leidet als Jungvater unter Schlaf- und als Ex-Ich-AG unter Liebesentzug und kann nicht mehr nur das Wahre und Schöne vertreten: "Ich arbeite doppelt so viel wie früher und werde von meinem Publikum dafür nicht mehr nur geliebt.“

Plötzlich mitzuregieren und in der rot-grünen Koalition in Wien Kompromisse mittragen zu müssen fällt vielen Grünen nicht leicht. Werner-Lobo, nach Selbstdefinition ein "liberaler Linksradikaler“, tut sich besonders schwer: "Ich habe ein Problem damit, nicht dauernd öffentlich sagen zu dürfen, was ich mir denke.“ Seine Ausbildung als Clown hilft, über manche Kränkung zu lachen. Im Grunde ist er der lebende Beweis, dass man binnen Jahresfrist vom Anarchisten zum Pragmatiker mutieren kann: "Wir wollen die Spielregeln der Macht ändern. Das geht während des Spiels nur zäh. Wir kratzen mit einem Löffel am Beton.“ Das kann zehren, aber auch motivieren. Werner-Lobo gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er berichtet, wie er und seine Kollegen darum ringen, sich nicht von der Macht korrumpieren zu lassen: "Was die Grünen von allen anderen unterscheidet, ist die Ethik. Werte wie etwa Menschenrecht sind nicht verhandelbar.“

Früher war Werner-Lobo "überzeugt, dass es am besten ist, alle fünf Jahre den Job zu wechseln“. Das waren die Grünen einmal auch. Das Rotationsprinzip wurde aber schnell ad acta gelegt. Wie alle Parteien rekrutierten sich die Grünen vor allem aus Beamten wie Madeleine Petrovic und sammelten über die Jahre viele Langzeitmandatare an: Peter Pilz sitzt seit 1986 im Parlament, Sozialsprecher Karl Öllinger seit 1994, selbst Unscheinbare wie Landwirtschaftssprecher Wolfgang Pirklhuber seit 1999. Mittlerweile versteht Feuerkopf Werner-Lobo die Tendenz zu den ewig Gleichen: "Gut, dass wir langjährige, hartgesottene Profis haben. Es kann nicht nur naive Träumer wie mich geben.“

Die Wählerische
Maxie Klein

Was Alexander Van der Bellen im Wahlkampf 2006 sagte, weiß Maxie Klein nicht mehr. Vielleicht etwas über Studiengebühren. Sicher ist, dass sich Studentin Klein fürchterlich aufregte: "Ich dachte mir, Scheiße, die kann man auch nicht mehr wählen. Da sagte ein Freund: Mach es besser.“ Ein Mail später blies Klein Luftballons für Wahlkampftermine auf. Heute organisiert die Theaterwissenschafterin beruflich Filmpremieren und ist heilfroh, dass sie schon 28 ist: "Jung zu sein ist in der Politik etwas Fürchterliches. Man wird so übergepusht.“ Wie alle Parteien kämpfen die Grünen mit Nachwuchssorgen und stellen gern Junge nach vorne.

Klein ließ sich nicht drängen, dazu ist sie viel zu ruhig-intellektuell, diskutiert lieber über neue Statuten und Gender-Budgeting mit. Gleichberechtigung ist für sie ein grüner Vorzug, "Selbstbestimmung“ der wichtigste Grundwert der Grünen, und ihre politische Motivation beschreibt sie so: "Ich habe das Gefühl, dass alle Menschen gleich sind und das Gleiche verdient haben.“ Das sind wenig massentaugliche Themen, aber Klein hält es auch für "gefährlich, der Masse gefallen zu wollen“. Für sie hat das Dasein als Kleinpartei durchaus Charme: "Ich mochte am liebsten den Slogan, Wir sind nicht für alle da‘.“