Die Lorbeeren des Cäsar: Silvio Berlusconis Macht scheint auf Jahre gefestigt

Ausgerechnet Silvio Berlusconi, Europas größter Rüpel, ist in Krisenzeiten gefestigter denn je. Oder doch nicht?

Von Gunther Müller

So überschwänglich hat man Italiens Premierminister schon lange nicht mehr gesehen. Silvio Berlusconi betrat die Bühne, riss die Arme in die Luft und strahlte wie ­einer, der nun am Höhepunkt seiner Macht angelangt ist. Auf dem Kongress seines neu gegründeten Parteienbündnisses Popolo ­della libertà (Volk der Freiheit) Sonntag vergangener Woche haben sich mit Ausnahme der Lega Nord die elf Rechtsparteien des Landes Berlusconis Führung untergeordnet.

Ohne auch nur eine Gegenstimme votierten 6000 Delegierte für ihren Cavaliere als Parteichef. „Das ist ein partito padronale – eine Ein-Mann-Partei“, befand der „Corriere della Sera“. „Fini hat die Flamme gelöscht“, kommentierte die Zeitung „la ­Repubblica“ die Selbstaufgabe der post­faschistischen Alleanza Nazionale (AN) von Gianfranco Fini, Berlusconis bislang größtem Konkurrenten. Ist Silvio Berlusconi, die konstanteste und erfolgreichste Erscheinung in Italiens Politik seit vielen Jahrzehnten, also politisch tatsächlich unanfechtbar geworden? Mitnichten.

Hinter den Kulissen zerbröselt das gewaltige Wirtschaftsimperium, die Basis seines politischen Erfolgs: Das Vermögen des Cavaliere, wie die Italiener ihren Premier nennen, ist im Vorjahr um fast 90 Prozent eingebrochen, sein Fußballclub AC Mailand hat kaum Spieler unter 30 Jahren, liegt in der Meisterschaft weit abgeschlagen auf dem dritten Platz. In die Champions League hat es der Verein heuer gar nicht geschafft. Was aber noch viel schlimmer wiegt: Ausgerechnet sein TV-Geschäft, die Basis des politischen Erfolgs, droht ihm unter den Füßen zusammenzubrechen.

Auf dem Parteigründungsfest in Rom war davon freilich nichts zu spüren. Bei seiner Abschlussrede gab Berlusconi, der sich gerne als „Gesalbter des Herrn“ ­bezeichnet, auch gleich seine politischen ­Zukunftsideen preis: Der Premierminister Italiens, also Berlusconi selbst, Besitzer der wichtigsten TV-Privatkanäle sowie mehrerer Verlage, solle in Zeiten der Wirtschaftskrise „noch mehr Macht“ bekommen.

Autokrat. Kein Politiker mit Ausnahme von George W. Bush steht seit Beginn seiner politischen Karriere 1994 mehr am Pranger. Romane über die dunklen Machenschaften Berlusconis füllen mittlerweile ganze Bibliotheken. Und das Urteil ist jedes Mal verheerend: Der Mann sei ein Autokrat ohne jeglichen Respekt vor dem Rechtsstaat und der Demokratie, ein skrupelloser Antipolitiker, der das Land zugrunde richte. Die Mehrheit der Italiener traut ihrem Berlusconi hingegen viel zu. Und das, obwohl der Cavaliere die Krise im rekordverschuldeten Italien – das Bruttoinlandsprodukt wird im nächsten Jahr laut Prognosen um weitere 2,5 Prozent schrumpfen – bis vor Kurzem noch kategorisch kleinredete. „Stoppt die Miesmacher, die Lage ist schwerwiegend, aber nicht tragisch“, sagte er noch Anfang März beschwichtigend.

Jede vierte Familie im Süden Italiens lebt mittlerweile unterhalb der Armutsgrenze, hunderttausende Joblose strömen gen Norden auf der Suche nach Arbeit wie zuletzt in den siebziger Jahren. Alles kein Problem für den Strahlemann: Demonstrativ ging der Ministerpräsident mit einer Riege von Bodyguards zuletzt im Zentrum von Rom shoppen und sagte lächelnd in die Kameras, dass im Fernsehen immer alles übertrieben dargestellt und aus Prinzip schlechtgemacht werde.

Was hat dieser Silvio Berlusconi also , was andere Staatschefs nicht haben? Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sitzt mit ihren Strategen tagtäglich über neuen Konzepten zur Bekämpfung der Krise und steckt dennoch in einem Umfragetief. Frankreichs Nicolas Sarkozy geht es nicht viel besser, und Gordon Brown scheinen die Briten als Premier ohnehin schon abgeschrieben zu haben. Nur Berlusconi genießt mehr Rückhalt denn je. Über 40 Prozent Zustimmung hat die PDL derzeit in den landesweiten Umfragen.

Unsterblich. Beim Vorbereitungstreffen zum G20-Gipfel in Berlin Ende Februar staunten die Staats- und Regierungschefs auch nicht schlecht, als Berlusconi ihnen wohlmeinende Ratschläge zum Krisenmanagement gab. Erstens: dem Volk keine allzu schlechten Nachrichten zumuten. Und zweitens: sich möglichst oft im Fernsehen zeigen und den Landsleuten Gutes verkünden, auf dass sich die Laune hebt. Das ist das Geheimrezept Berlusconis: Pose und Show werden bei ihm konsequent zur Staatsräson erhoben und die Politik zur Reality-Show degradiert. Wie andere über Steuerreformen redet er öffentlich über Schönheitsoperationen und das Stehvermögen seines kleinen Freundes. Vergangenen Oktober wurde Berlusconi um sechs Uhr morgens in einer Mailänder Disco von schönen Damen umringt gesichtet. „Wenn ich drei Stunden schlafe, habe ich danach genug Energie, um noch drei Stunden Liebe zu machen“, sagte er damals den Reportern stolz.

Immer öfter beschäftigt sich die Literatur mit der Ästhetik und Sexualität Berlusconis, der schon dutzende Schönheitsoperationen und Haartransplantationen über sich ergehen ließ. In seinem neuesten Buch „Die Phänomenologie Berlusconis“ beschreibt der liberale Publizist und Meinungsforscher Pierfranco Pellizzetti Berlusconi als einen Cyborg, also ein Mischwesen aus Organismus und Maschine, und vergleicht ihn mit Oscar Pistorius, einem südafrikanischen Sprinter mit Hightech-Beinprothesen.
Was in der stets perfekt inszenierten Show Berlusconis oft übersehen wird: ­Ausgerechnet das Fernsehspektakel, die ­wesentliche Säule seines ­Triumphs, droht Berlusconi aus den Fingern zu rutschen. Schuld ­daran hat der australisch-amerikanische Medienmogul Rupert Murdoch. Murdoch gründete 2003 das Pay-TV-Netzwerk Sky Italia. Anfangs von Berlusconi be­lächelt, ­erzielt Sky Italia derzeit ­beachtliche Erfolge. Einer der beliebtesten Showmänner des Stiefellandes, Rosario Fiorello, kurz Fiorello, wechselte jüngst zu Sky Uno, dem ­neuen Unterhaltungskanal des Sky-Italia-Netzwerks. Ihm folgten die bekannte Moderatorin Ilaria D’Amico, später sogar der ­Erfinder des Glücksrads, Mike Buon­giorno, eine Kultfigur im italienischen Fernsehen. Sky Italia hat heute fünf Millionen Abonnenten, und Medienexperten sagen voraus, dass Sky in diesem Jahr mehr als die staat­liche RAI sowie Berlusconis Privatsender lukrieren wird.

Seit vergangener Woche ist Sky Italia sogar frei empfangbar und damit eine zusätzliche Konkurrenz für Berlusconi, der zunächst versuchte, den Mehrwertsteuersatz für Abo-Fernsehen zu verdoppeln. Anmerken lassen wird sich der frisch gekürte Chef des Volks der Freiheit von all dem freilich nichts. Glaubt man Berlusconis Leibarzt, bleibt dem 72-Jährigen ohnehin noch genügend Zeit, sein Imperium wieder zurückzu­erobern. Der erklärte seinen Lieblingspatienten unlängst für „technisch nahezu unsterblich“: „Berlusconis Physis und sein Geist haben eine schon übermenschliche Widerstandskraft bewiesen.“