Die herbe Mischung von Michelle Obama

Mit Michelle Obama könnte die erste schwarze First Lady ins Weiße Haus einziehen. Sie hält ihren Mann Barack am Boden und hat im Wahlkampf ihre eigene Rolle gefunden.

An einem Abend im Herbst 2006 kam Barack Obama von der Arbeit nach Hause und sagte zu seiner Frau, dass er gerne der 44. Präsident der USA werden und im demokratischen Vorwahlkampf Hillary Clinton herausfordern möchte. Michelle Obama, das erzählt sie gerne in ihren Reden, war zunächst alles andere als begeistert. Es lief doch alles sehr gut in ihrem Leben: Sie ist seit 15 Jahren verheiratet; sie hat zwei gesunde Kinder, Nata­sha, 6, und Maila, 9; sie hat einen renommierten Job als Vizepräsidentin der Verwaltung des Krankenhauses der Universität von Chicago und verdient 220.000 Dollar im Jahr; ihre Mutter und die besten Freunde leben in Chicago.

Und schließlich ist Michelle eine Frau, die hart für ihre eigene Karriere arbeiten musste und sich nie von ihrem Mann abhängig machen wollte. „Mit Barack haben wir die Chance, dieses Land in eine positive Richtung zu verändern. Ich will nicht, dass meine Kinder in einem Klima der Angst aufwachsen“, sagt sie heute über ­ihre Entscheidung. Bevor Michelle Obama einwilligte, rang sie ihrem Mann noch zwei Versprechen ab. Erstens: Mindestens einmal die Woche muss er sich Zeit für die Kinder nehmen. Und zweitens: Er musste umgehend das Rauchen aufgeben. Noch am gleichen Abend schmiss Barack seine Zigarettenpackung weg und griff seither nicht einmal mehr zum Glimmstängel. Seit über einem Jahr kämpfen die beiden Seite an Seite. Und wenn Michelle Obama im November tatsächlich die erste schwarze Gattin eines halbschwarzen Präsidenten wird, dann hat sie einen entscheidenden Anteil daran.

Ehekrach. Die 44-Jährige ist heute in alle strategischen Sitzungen der Obama-Wahlkampfkampagne eingebunden. Sie ist die wichtigste Beraterin ihres Mannes und redigiert fast alle seine Reden. „Ohne meine Frau wäre ich nicht so weit gekommen. Nur mithilfe von Michelle konnte ich meine politischen Visionen entwickeln“, betont der demokratische Präsidentschaftskandidat immer wieder. Wer Michelle Obama sprechen gesehen hat, der weiß, dass das keine Übertreibung ist. Wenn sie einen Raum betritt, ist sie nicht zu übersehen: 1,82 groß, durchtrainiert und ziemlich laut. In ihren Reden gibt sie sich erdiger und ruppiger als ihr Ehemann. Sie schimpft, wenn ihr danach ist, und sie lacht – manchmal auch alleine – über ihre eigenen Witze. Das kommt gut an bei den Wählern, und auch die Berater Obamas sind zufrieden. Der Eindruck, er sei zu elitär, wird dadurch zerstreut. „The Closer“ wird sie im Wahlkampfteam gerne genannt, weil sie es besser als Barack Obama verstehe, den Kontakt mit den Menschen herzu­stellen.
Michelle LaVaughn Robinson, so ihr Mädchenname, kann bisweilen mitreißend sein. Etwa, wenn sie von ihrer schwierigen Kindheit in South Side Chicago erzählt. Darüber, wie ihr Vater an multipler Skle­­­­ro­­se erkrankte, sich täglich in die Arbeit bei den lokalen Wasserversorgungswerken schleppte, während die Mutter zu Hause bei den Kindern blieb; wie sie gemeinsam mit ihrem Bruder Craig in einem Zimmer aufwuchs, das nicht viel größer als eine Toilette war. „Man hat mir immer gesagt, dass so etwas nicht möglich ist“, faucht die wuchtige Dame ins Mikrofon.

Dass sie es geschafft hat, muss sie dann gar nicht erst erwähnen. Das kleine Mädchen aus den Arbeitervierteln Chicagos schloss nicht nur cum laude das ­Princeton-College ab. Sie war auch eine der wenigen Schwarzen, die in Harvard aufgenommen wurden. Nach dem Abschluss 1988 begann sie in der Anwaltskanzlei ­Sidney & Austin in Chicago als Juristin zu arbeiten. „Es gefiel ihr nicht wirklich, sie hatte Angst, sich zu verkaufen, aber sie musste die Studiengebühren ab­bezahlen“, erinnert sich eine ehemalige Kollegin. Dennoch sollte der Job ihr Leben verändern: Sie lernte Barack Obama kennen, der als Sommervertretung einsprang. Zwei Monate ließ Michelle Obama abblitzen, bevor sie sich zu einem Date überreden ließ. Anfangs hielt sie ihn für abgehoben und arrogant. Als es letztlich doch klappte, war sie überwältigt von ihm. 1992 heirateten die beiden. Die Ehe verlief nicht ganz ohne Komplikationen, vor allem als Barack Obama Senator von Illinois wurde und ständig nach Washington pendelte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Kinder alleine aufziehen muss“, zitiert Barack Obama seine Frau in seinem Bestseller „Hoffnungen wagen“.

Mundgeruch. Michelle Obama neigt bisweilen zu Ironie und Sarkasmus. Das kommt nicht überall gut an. Kritiker wie die bissige „New York Times“-Kolumnis­tin Maureen Dowd bezeichneten ihren Wahlkampfstil vor einiger Zeit als „entmannend“. Es sei nun mal nicht angemessen, darüber zu sprechen, dass ihr Mann morgens Mundgeruch habe und er seine schmutzigen Socken ständig liegen lasse. „Ich zwinge ihn, im Haushalt mitzuhelfen. Mit mir klarzukommen ist einer der Gründe, warum er zum Präsidenten taugt“, sagt Michelle Obama. Mit solchen Bonmots und ihrem selbstbewussten Auftreten bricht sie mit der üblichen Rolle von First Ladies, die im Regelfall die loyale, nette Frau hinter dem starken Mann mimen und freundlich in die Kameras lächeln. In Michelle Obama steckt ein bisschen Hillary Clinton. Sie spricht zwar weniger von weiblicher Selbstverwirklichung. Aber es gibt keinen Zweifel, dass Michelle Obama ihre Ehe genau wie Clinton als eine Partnerschaft ohne Hierarchien sieht. Etiketten wie Feministin oder progressiv lässt sie sich dennoch nicht aufdrängen. „Mein Mann“, sagte sie einmal bei einer Rede, „muss seine Socken selbst wegräumen. Und das wird auch weiterhin so ­bleiben."

Von Gunther Müller