Die Normalität des Bösen. Der Fall Natascha Kampusch: Wer war W. Priklopil?

Dann ließ er sie eine Sekunde lang aus den Augen – und sie flüchtete aus einer bizarren Parallelwelt. Die Anatomie eines Verbrechens.

Von Mittag bis Sonnenuntergang. Acht Stunden. Zu guter Letzt brauchte es nicht mehr, um eine Beziehung zu zerreißen, die zuvor schier endlose achteinhalb Jahre mit Drohungen, Gewalt und Freiheitsentzug erzwungen worden war: Am Mittwoch, den 23. August 2006, knapp vor 13 Uhr, taumelte aus dem Einfamilienhaus Heinestraße 60 in Strasshof an der Nordbahn, Bezirk Gänserndorf, eine junge Frau in einem abgetragenen, orangefarbenen Kleid mit Spaghettiträgern. Im Alter von zehn Jahren war sie verschleppt und seither in einem Verlies unter der Garage festgehalten worden.

Wenige Minuten später raste ihr Entführer in einem 300 PS starken, roten BMW 850i Richtung Wien – gehetzt von Streifenwagen und Polizeihubschraubern.
Kurz vor 19 Uhr umarmte Natascha Kampusch, 18, in der Wiener Kriminaldirektion 1 an der Rossauer Lände einen in Tränen aufgelösten Mann, den sie seit Anfang März 1998 nicht mehr gesehen hatte. Sie sagte: „Papa, ich hab dich lieb.“ Und er: „Ich dich auch.“
Um 20.59 Uhr legte Wolfgang Priklopil, 44, in der Nähe des Nordbahnhofes seinen Kopf auf die Schienen der Schnellbahnstrecke Richtung Floridsdorf und ließ sich von einer Zuggarnitur überrollen.
Es war ein Ende. Und ein Anfang. Nataschas Entführer ist tot. Sie lebt.
So plötzlich, wie sie verschwunden war, so plötzlich tauchte sie wieder auf. Ein verklemmter, penibler Nachrichtentechniker aus Niederösterreich hatte das Mädchen am Morgen des 2. März 1998 auf dem Schulweg abgepasst und in seinen weißen Mercedes-Kastenwagen gezerrt. Und so jäh, wie er sie damals aus ihrem Kinderleben riss, so jäh beendete er vergangene Woche sein eigenes Leben.

„Jetzt wissen alle, wie es wirklich war“, sagte Nataschas Mutter vergangene Woche. Eine Weile hatte man sie öffentlich verdächtigt, ihrer Tochter etwas angetan zu haben. Doch sie klammerte sich an die Hoffnung wie eine Ertrinkende an einen Strohhalm und beließ im Kinderzimmer alles, wie es an dem Tag gewesen ist, als die Kleine nicht mehr von der Schule nach Hause kam.
Es war der spektakulärste ungeklärte Fall eines verschwundenen Kindes, der sich in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich ereignet hatte. Eine schwelende Wunde der jüngeren Kriminalgeschichte, die sich nicht schließen wollte. Immer wieder tauchten Hinweise auf, die ins Nichts führten. Immer wieder wandten sich die Eltern an die Öffentlichkeit und an mögliche Entführer. Immer wieder starteten die Ermittler Versuche, zumindest die Leiche des Kindes zu finden. Immer wieder wurde das gleiche Bild des schüchtern lächelnden Mädchens im roten Walkjanker, das Kinn in die linke Hand gestützt, die hellbraunen Stirnfransen adrett gekämmt, in Zeitungen veröffentlicht, immer wieder wurde es im Fernsehen ausgestrahlt und auf Vermissten-Homepages im Internet platziert.

Vergangene Woche gab es plötzlich ein neues Bild: Eine blaue Wolldecke, darunter eine 18-jährige Frau, von der nur die blassen, nackten Beine in grünen Ballerinas zu sehen waren. Es war dieses Bild, welches das Ende eines der spektakulärsten Entführungsfälle, die weltweit bekannt sind, symbolisierte – und das Geheimnis dennoch vorerst bewahrte.
Jetzt müssen die österreichischen Behörden, die es nicht geschafft hatten, Natascha zu finden, von vorne zu ermitteln beginnen. Der Täter ist gefunden, aber tot. Sein Leben und seine Geschichte bleiben vorerst ein Rätsel. Wer dieser Mann war und was ihn zu seiner Tat getrieben hat, darüber kann nur sein Opfer Auskunft geben – und die Erkenntnisse der Polizeipsychologen und der Spurensicherer, die seit vergangenen Mittwoch jeden Millimeter seines Hauses unter die Lupe nehmen, um zu rekonstruieren, was sich in den vergangenen acht Jahren dort abgespielt hat.

Kauzig, harmlos. Der bizarre Wunsch, sich des Lebens eines zehnjährigen Mädchens zu bemächtigen, muss lange in Wolfgang Priklopil gewachsen sein, vielleicht von Jugend an. Als unauffällig und zurückgezogen beschreiben ihn die Leute in der Siedlung, in der er wohnte – der Kleinbürger von nebenan. Ein bisschen kauzig, aber scheinbar harmlos. Ein Einzelgänger, aber umgänglich.
Die „schweren Defizite in der Beziehung zu anderen Menschen“, die der Polizeipsychologe Manfred Krampl nun an Wolfgang Priklopil erkennt, scheint in dessen Umgebung niemand bemerkt zu haben. Für die Nachbarn war er ein Mann, der selten Besuch und nie eine Freundin hatte; der manchmal an seinem BMW herumbastelte und am Gartenzaun über Belanglosigkeiten plauderte. Verborgen blieb, dass er, wie Krampl vermutet, „gleichzeitig ein immer stärkeres Bedürfnis entwickelte, jemanden zu haben, mit dem er kommunizieren konnte, jemanden, der immer in seiner Nähe ist“ – ein kleines Mädchen, das ganz ihm gehört.
Krampl geht davon aus, dass Priklopil diese Vorstellung zuerst in seiner Fantasie durchspielte und in Tagträumen immer weiter ausschmückte. Dass er dann damit begann, Schritt für Schritt an ihre Realisierung heranzugehen. Und dass er sich mit der vollzogenen Tat schließlich eine Art Parallelwelt schuf: ein abgeschottetes, kleines Reich, von dem niemand etwas ahnt und in dem er alleine herrscht – vor allem über Natascha.

Die Vorbereitungen für die Entführung müssen Monate, wenn nicht Jahre in Anspruch genommen haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass Priklopil das unterirdische Gefängnis, in dem er das Mädchen wegsperrte, bereits Anfang der neunziger Jahre gebaut hat. Dann begann er, nach einem geeigneten Opfer zu suchen. Fand es. Und legte sich auf die Lauer.
„Er hat zu mir gesagt, wenn es nicht an diesem Tag gewesen wäre, wäre es am nächsten Tag gewesen“, erzählte Natascha Kampusch der Polizistin Sabine Freudenberger, die nach der Flucht als Erste länger mit ihr gesprochen hat. Auf das zu Tode geängstigte Mädchen muss diese Aussage eine ungeheure Wirkung ausgeübt haben, sagt die Wiener Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin: „Das bedeutete ja: Sie war eine Auserwählte, unter allen Mädchen, die er hätte wählen können, hat er ausgerechnet sie herausgepickt“.

Ein pummeliges Mädchen. Am Montag, 2. März 1998, um 7 Uhr früh parkt Wolfgang Priklopil seinen weißen Kastenwagen, einen Mercedes MB-100, in der Nähe des Kreisverkehrs Melangasse in Wien-Floridsdorf. Natascha Kampusch ist wie jeden Morgen unterwegs in die Schule am Brioschiweg, wegen einer Förderstunde allerdings wesentlich früher als sonst: Ein pummeliges Mädchen, etwa 1,45 groß, 42 Kilogramm schwer, mit mittellangen braunen Haaren und ovaler Brille. Sie trägt ein blaues Kleid, am Rücken hat sie eine türkisfarbene Schultasche mit gelbem Deckel.

Entführung. Um 7.20 Uhr sieht eine zwölfjährige Schülerin, wie ein ihr unbekanntes Mädchen in einen weißen Kastenwagen gezerrt wird. Die Augenzeugin will zwei Männer bemerkt haben – einen, der das Mädchen packt, einen weiteren, der das Auto fährt. Die Beschreibung des Fahrzeugs wird sich mit acht Jahren Verspätung als korrekt erweisen. Die Aussage, dass ein weiterer Täter beteiligt gewesen sei, ist noch Gegenstand von Ermittlungen.
Die Minuten nach der Entführung hingegen sind rekonstruierbar: Priklopil fährt in eine Seitengasse und dann über die Breitenleerstraße auf die Bundesstraße 8, durch Süßenbrunn, durch Deutsch-Wagram, hinaus nach Strasshof. Er darf sich keine Geschwindigkeitsübertretung leisten: Die Strecke führt durch Ortsgebiet und wird von Radarfallen überwacht. Ein paar hundert Meter hinter der Ortstafel von Strasshof biegt er rechts in die Heinestraße ab.
Wenige Meter vor seinem Haus nimmt er die Blaselgasse nach rechts, dann nach links den Wirtschaftsweg, der zur Rückseite des Familienanwesens führt. Im Jahr 1998 ist die Siedlung noch deutlich kleiner als jetzt. Die Blaselgasse wird auf der einen Seite von der ÖBB-Kleingartensiedlung „Föhrenwald“ gesäumt, auf der anderen Seite befindet sich damals noch eine Brache. Erst in den letzten Jahren wurde dort gebaut. Priklopil muss den kaum einsehbaren Hintereingang genommen haben: Ein Kastenwagen passt nicht in die Garage, deren Einfahrt sich vorne an der Heinestraße befindet.
Wolfgang Priklopil hat in den 44 Jahren seines Lebens nur wenig Eindruck hinterlassen: geboren am 14. Mai 1962, aufgewachsen in Strasshof an der Nordbahn. Sein Vater, ein Vertreter der Cognacmarke Scharlachberg, baut Ende der siebziger Jahre in der Heinestraße ein Haus mit 161 Quadratmeter Grundfläche – für damalige Verhältnisse und die Gegend ist es relativ groß. Dann stirbt er, wenig älter als 40 Jahre, an Krebs. Die Nachbarn in der Siedlung kennen den Buben von klein auf.

Vorgekochtes Essen. Nach dem Tod des Vaters lebt Wolfgang Priklopil mit seiner Mutter einige Zeit lang in einer Wohnung in der Rugierstraße im 22. Wiener Gemeindebezirk, ein paar Minuten von jener Schule entfernt, die Natascha Kampusch später besucht. Dann zieht er allerdings in das Haus nach Strasshof, vorerst alleine. An den Wochenenden besucht ihn regelmäßig seine Mutter Waltraud. Sie bringt vorgekochtes Essen mit. Manchmal übernachtet sie auch bei ihm.
Das Grundstück der Familie ist ein lang gestrecktes Rechteck mit 1160 Quadratmetern, das an der Südseite an das Anwesen von Priklopils Onkel Johann S. grenzt. Rundum verwehren dichte Hecken den Blick auf das Haus und den perfekt gepflegten Garten, zur Heinestraße hin sind es Thujen. Neben der Garage wachsen Nadelbäume. Wolfgang Priklopil verbirgt sein Privatleben hinter einer blickdichten, immergrünen Mauer.
Sie markiert die Grenze zwischen der Außenwelt und der Welt des Nachrichtentechnikers, er überwacht sie sorgsam mit Alarmanlagen. „Ein paarmal war ich im Garten, ich glaubte, dass er gar nicht da ist“, erzählt eine Nachbarin. „Als ich den Zaun berührt habe, ist er aber plötzlich vor mir gestanden.“

Als Macy, der Yorkshire-Terrier seiner Nachbarin Ingeborg Kozisek, in seinen Garten läuft, besteht er darauf, ihn selbst zu holen – und das, obwohl er vor Hunden dem Vernehmen nach Angst hat. Jetzt, im Nachhinein, fragen sich die Leute, ob sie all das nicht hätte stutzig machen sollen. Wenn die Garagentür offen gewesen sei, habe sie manchmal einen „komischen Geruch, so nach Mensch“, wahrgenommen, will sich eine Frau erinnern.

Weil Priklopil nie eine Freundin hat, raunt man sich in der Siedlung zu, er sei womöglich ein „Bachener“, also homosexuell. „Pass auf, dass du nicht übrig bleibst“, zieht ihn ein Nachbar einmal auf. Ein einziges Mal gibt es Streit mit dem Junggesellen. Es geht um den Wirtschaftsweg an der Rückseite seines Grundstücks, der weder gepflastert noch geteert ist. Als Priklopil Ende der neunziger Jahre eine zweite Garage errichtet, verwandelt sich die Gasse durch das ständige Zu- und Abfahren von Lieferwägen auf halber Länge in eine Schlammlacke. Die Nachbarn grüßen ihn eine Weile nicht, er nimmt das hin. Dass auch seine Mutter mit Ignoranz gestraft wird, findet er ungerecht: „Die Frau kann ja nichts dafür, wenn wir einen Streit miteinander haben“, beschwerte er sich bei seinen Widersachern. Dann bessert er den Weg aus, der Friede kehrt in die Siedlung und Wolfgang Priklopil wieder in die Unauffälligkeit zurück.
Sie schützt ihn vor unliebsamen Kontakten und wird nur selten gestört. Einmal wird Priklopil angezeigt, weil er mit dem Gewehr auf Tauben und Spatzen geschossen hat. Der Mann, der ihn meldet, ist ein pensionierter Polizeibeamter, der in der Siedlung gerne seine Runden dreht und „nach dem Rechten sieht“. Ein anderes Mal steigt er zu heftig aufs Gas und fasst ein Strafmandat aus. Einmal wird er in einen Verkehrsunfall verwickelt. Abgesehen davon ist bei den Behörden über Wolfgang Priklopil nichts aktenkundig.

Es hätte in den vergangenen acht Jahren mehrere Möglichkeiten gegeben, die entführte Frau zu entdecken. Unmittelbar nach der Entführung ist die Polizei ganz nahe dran, Priklopil zu erwischen – ohne es zu wissen. Sein Mercedes-Bus wird im Zuge der Suche nach Natascha Kampusch von Ermittlern überprüft. Die Beamten finden nichts Auffälliges, Priklopil wird als Verdächtiger ausgeschieden.
Später muss er den Behörden mehrfach Zugang zu seinem Haus gewähren. Im Jahr 1999 beantragt er Umbauten am Dachstuhl, 2001 werden die Arbeiten überprüft und abgenommen. 1999 und 2004 wird der Wasserzähler ausgetauscht. Dass in der Garage eine steile Treppe in die Tiefe führte – dorthin, wo Natascha gefangen gehalten wird –, fällt niemandem auf. Die Stiege ist unter Holzplanken verborgen.

Belanglosigkeiten. Und oben unterhält sich der Entführer manchmal mit den Nachbarn. Über das Wetter, die Gartenpflege und darüber, warum er seinen undichten Swimmingpool nicht reparieren lässt, sondern Paradeiser darin anbaut. Belanglosigkeiten. Nichts, woraus man darauf schließen könnte, dass Wolfgang Priklopil der Täter in einem der spektakulärsten Fälle der österreichischen Kriminalgeschichte sein könnte. Im Winter macht er sich erbötig, für die Nachbarn den Schnee vom Garagendach zu schaufeln. Er habe eigentlich ständig gearbeitet, heißt es in der Siedlung.

Die Leute dort haben sich daran gewöhnt, dass er oft mehrmals am Tag mit dem Auto wegfährt. Er braust vorbei, grüßt freundlich und winkt. Wenn er in seinem BMW 850i sitzt, lässt er manchmal den Motor aufjaulen. Dann kann man sehen, was zwölf Zylinder so draufhaben.
Für Autos hatte er etwas übrig, scheint es. Neben dem BMW besaß er einen blauen Mercedes 124 und zeitweise mehrere Kleinbusse – unter anderem einen VW-Transporter und einen Mercedes-Lieferwagen. „Er liebte es, über Feldwege zu brettern“, erinnert sich ein ehemaliger Arbeitskollege. Als sich Priklopil das mutmaßliche Tatfahrzeug gebraucht zulegt, bestellt er neue, besonders exklusive Sitzbezüge. Der weiße Mercedes MB-100 muss für diese Extravaganz eigens nach Linz gebracht werden.

All das kostet Geld. Wie er das verdient hat, ist seiner Umgebung und den Ermittlern bislang unklar. Nach der Pflichtschule beginnt Priklopil 1977 bei Siemens in Wien eine Lehre als Nachrichtentechniker. Sein Führungszeugnis aus dieser Zeit weist ihn als „weder besonders gut noch besonders schlecht“ aus, sagt ein Sprecher des Unternehmens. 1981 schließt er die Lehre ab und wird als Schaltmechaniker angestellt. Sein Ex-Kollege Ernst W. sagt über Priklopil, er sei „in keiner Weise auffällig“ gewesen: „Er hat die normalen Späßchen mitgemacht – Fehler in Schaltungen eingebaut, die man nicht findet; einen Elektrolyt-Kondensator krachen lassen, wenn der Ausbildner vorbeigeht.“ Aus besserem Haus sei er gekommen, habe im Gegensatz zu den anderen immer Geld gehabt.

Auf und ab. 1983 wird Wolfgang Priklopil als Folge von Personalreduktionen gekündigt. Danach bestreitet er mit Vertreterjobs für Alarmanlagen, Gelegenheitsarbeiten und Wohnungsrenovierungen seinen Lebensunterhalt. Es gibt immer wieder Phasen, in denen er keine Arbeit hat. Auch im Frühling 1998, als er Natascha entführt, steht er gerade ohne Job da. Den Nachbarn fällt das Auf und Ab in seinem Leben nicht auf.

Im Firmenbuch des Handelsgerichts Wien ist Priklopil seit 1995 als Minderheitsgesellschafter eines Bauunternehmens im 20. Bezirk eingetragen: Er hält 24 Prozent der Resan BaugmbH, die auf Altbausanierungen spezialisiert ist. Inzwischen residiert das Unternehmen in der Perfektastraße 88 im 23. Bezirk. Das Gelände wirkt wie ein kleiner, heruntergekommener Industriepark. Die Resan GmbH beschäftigte sich zuletzt aber nicht ausschließlich mit Bauarbeiten: In einer angemieteten, aufwändig renovierten Halle wurden Feste und Hochzeiten ausgerichtet. „Im Juli war noch reger Betrieb, drüben wurde ständig gekocht“, sagt ein Anrainer. Seit ein paar Wochen habe er aber niemanden mehr gesehen.
Der Geschäftsführer des Unternehmens, einer von lediglich zwei bekannten Freunden Priklopils, wurde Ende vergangener Woche von der Polizei einvernommen. „Wir fangen erst an, sein Arbeitsumfeld zu durchleuchten“, sagt Erich Zwettler vom Bundeskriminalamt.
Die Beweissicherung im Einfamilienhaus in Strasshof ist inzwischen nahezu abgeschlossen. Dort, in der Heinestraße, wo pastellfarbene Fertighausträume dicht an dicht stehen, mit akkurat gepflegten Vorgärten, Geranien und Begonien an den Fenstern, tummeln sich derzeit Tatortspezialisten in weißen Overalls. So eine aufgeräumte, blitzblanke Wohnung hätten sie noch nie gesehen, berichten sie verblüfft dem Bundeskriminalamt in Wien.

Immer wieder steigen die Spurensicherer in den fensterlosen Raum hinunter, in dem Natascha Kampusch den Großteil der vergangenen acht Jahre zubrachte. Er hat eine Grundfläche von gerade einmal fünf Quadratmetern und ist 2,37 Meter hoch. In 1,60 Meter Höhe befindet sich ein Hochbett, zu dem eine Aluminiumleiter hinaufführt. Schräg darunter steht ein kleiner Schreibtisch mit einem Plastiksessel. Es gibt eine Waschgelegenheit und ein WC. In das Gefängnis muss man sich durch ein fünfzig mal fünfzig Zentimeter großes Loch zwingen, das mit einer schweren Stahltüre verschlossen ist.

Gebieter. 3096 Tage lang war das Nataschas Welt. Und zu dieser hatte außer ihr ein einziger Mensch Zutritt – ihr „Gebieter“, wie sich Wolfgang Priklopil lange Zeit ansprechen ließ. Erst nach einigen Jahren verriet er der Gefangenen seinen Namen und erlaubte ihr die vertrauliche Anrede „Wolfgang“.
Als er das Mädchen in seine Gewalt bekommt, ist es noch nicht einmal in der Pubertät. Es wird unter seinen Augen zur Frau. Unter seiner Kontrolle. Niemand sonst bekommt es in der Phase des Heranwachsens, der Identitätsfindung zu sehen. Natascha Kampusch ist völlig isoliert von der Außenwelt, von ihren Eltern, Freundinnen und ehemaligen Schulkollegen. Ihr Gebieter bestimmt, welche Informationen in ihr Gefängnis dringen dürfen. Er erlaubt ihr, Radio zu hören. Er beschafft ihr Jugendlexika zur Fortbildung. Sie darf Zeitungen lesen und Videos sehen, die er zuvor zensuriert.

Er kleidet die junge Frau nach seinen Vorstellungen, er gibt ihr Essen. Jedes Mal, wenn er die Tresortür zumacht, könnte es für sie das letzte Mal gewesen sein.
Denkt sie daran, dass Wolfgang Priklopil in seinem BMW-Flitzer gegen einen Baum fahren und tot sein könnte, und sie, Natascha, dann in seiner Garage verhungern würde? Auch ein Arbeitsunfall Priklopils oder ein Sturz von der Treppe, die in den ersten Stock des Hauses in der Heinestraße führt, könnten, wenn ein längerer Spitalsaufenthalt die Folge ist, das Ende für Natascha bedeuten. Jeder Tag ist ein Tag in Lebensgefahr.
Sollte sie versuchen, ihn zu verlassen, werde ihrer Familie etwas zustoßen, droht er dem Mädchen. Das Haus sei dutzendfach abgesichert und voller Sprengfallen. Jeder Eindringling werde sofort „gegrillt“. Sollte sie jemals entkommen, werde er sich umbringen: „Lebend kriegen mich die nie.“ Eine perfide Doppelmühle: Ihre Freiheit ist sowohl mit dem Tod ihrer leiblichen Eltern bedroht als auch mit dem der einzigen Bezugsperson, die ihr geblieben ist.

Um zu überleben, arrangiert sich Natascha mit ihrer völlig aussichtslosen Lage. Ein Überlebensmechnismus der menschlichen Psyche, der bei Kindern noch besser funktioniert als bei Erwachsenen, tritt in Aktion. Wolfgang Priklopil merkt, dass das Kind sich immer mehr fügt, das gibt ihm Sicherheit. „Der Täter hat am Anfang ja auch Ängste, dass das alles schief gehen könnte“, sagt Polizeipsychologe Krampl.
Mit der Zeit schleicht sich in die klaustrophobe Zwangsgemeinschaft eine Art von Alltag ein. Wenn Natascha in der Früh aufsteht, wird gemeinsam gefrühstückt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine unter normalen Bedingungen schwer nachvollziehbare Verbindung: Entführer und Opfer, Vater und Tochter, Lehrer und Schülerin – mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Liebhaber und Geliebte.
Wahrscheinlich habe Priklopil seine Geisel sexuell missbraucht, deutet jene Polizistin an, die unmittelbar nach Nataschas Flucht mit ihr gesprochen hat. Ob dem Mädchen dieser Missbrauch bewusst wurde, ist unklar. Sie habe alles freiwillig gemacht, gab die junge Frau in einer ersten Einvernahme an.

Freiwilligkeit ist ein relativer Begriff für eine Frau, die einem einzigen Menschen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Erst in den vergangenen Monaten hat Wolfgang Priklopil den eisernen Griff ein wenig gelockert. Immer öfter hatte er Natascha aus ihrem kleinen Gefängnis in der Garage herausgelassen und sie dazu herangezogen, ihm beim Hausputz zu helfen. Zweimal soll er die junge Frau sogar im Auto nach draußen mitgenommen haben. Eine Nachbarin will die beiden bei der Ausfahrt beobachtet haben. „Aha, jetzt hat er eine Freundin, so eine ganz junge“, hat sie zu ihrem Mann gesagt.

Machtfantasien. Vor Kurzem erst hatte der 44-jährige Nachrichtentechniker dem Mädchen, das unter seinem totalitären Regime zur Frau herangewachsen war, versprochen, es einmal ins Wiener Donauzentrum mitzunehmen. Vielleicht fühlte er sich ihrer so sicher, dass er die Expansion seiner Machtfantasien wagte. Wollte er seine Parallelwelt mit der realen Welt draußen verbinden?
Am Mittwoch vergangener Woche steht Natascha Kampusch in der Garage und reinigt den Fonds seines roten BMW mit dem Staubsauger. Er steht dicht neben ihr, lässt sie nicht aus den Augen. Da läutet das Handy. Er hebt ab. Sie saugt weiter. Bei dem Lärm versteht er nicht, was der Anrufer sagt, und tritt einige Schritte zur Seite. Das Garagentor ist offen. Da rennt sie los.

Es ist ein Anfang. Und ein Ende.

Um 13.04 Uhr geht beim Posten Deutsch-Wagram ein Notruf ein. „Bei mir im Garten steht eine Frau, die sagt, sie sei Natascha Kampusch“, meldet eine ältere Dame.
Als Natascha Kampusch entführt wurde, war sie 1,45 Meter groß und wog 42 Kilogramm. Heute ist sie 1,60 groß und wiegt genauso viel wie damals. Das Erste, worum sie die Polizisten bittet, ist etwas zu trinken. Ein Beamter fragt sie, ob sie auch etwas aus der Naschlade wolle.
„Schokolade“, sagt sie: „Schokolade habe ich nie bekommen".

Von Emil Bobi, Marianne Enigl, Martina Lettner, Edith Meinhart und Martin Staudinger

Mitarbeit: Reinhard Binder und Nicola Löwenstein