Die abgezockten Zocker: Sportwetten- Anbieter bwin kaufte gefälschte Lizenzen

Millionenschwindel um bwin: Der börsennotierte Sportwettenanbieter soll in der Türkei einer Bande von Betrügern aufgesessen sein: Anstelle einer Wettlizenz kaufte man im Vorjahr für 2,25 Millionen Euro ein wertloses Stück Papier.

Die Aktenberge wachsen: Am Fürstlichen Landgericht in Vaduz, Liechtenstein; bei der Staatsanwaltschaft in Ankara, Türkei; im Zimmer von Untersuchungsrichterin Silvia Liebetreu am Landesgericht in Wien; in Anwaltskanzleien zwischen Gibraltar, Istanbul und Wien; auf den Schreibtischen von „Privatdetektiven“ in mehreren Ländern Europas; bei Beschuldigten, Verdächtigen und Zeugen. Und niemand, nicht einmal die handelnden Personen selbst, scheint gänzlich begriffen zu haben, was da am Bosporus an der Pforte zur türkischen Halbwelt nun wirklich abgelaufen ist. Sicher ist: Mindestens 2,25 Euro-Millionen des Anbieters von Online-Sportwetten und -Spielen bwin Interactive Entertainment AG, mit denen in der Türkei eine Wettlizenz erstanden werden sollte, sind verschwunden. Verflüchtigt im orientalischen Spiel zwischen Schein und Sein. Peinlich auch, da es sich doch um Geld handelt, das den handelnden Personen nicht selbst gehört, weil es eine an der Wiener Börse gelistete Aktiengesellschaft ist. Einige der handelnden „Manager“, das kann konstatiert werden, haben sich wohl überschätzt und sind wie unbedarfte Touristen in die Bazar-Falle getappt. Jetzt laufen Ermittlungen nicht nur gegen vermeintliche Betrüger, sondern auch gegen den vermeintlich Betrogenen. In der Türkei soll erst kürzlich ein Haftbefehl gegen einen bwin-Manager erlassen worden sein.

Wettverbot
Die Glückssträhne für bwin war im März 2007 gerissen. Bis dahin hatte das Wiener Unternehmen mit Steuersitz in Gibraltar jahrelang mit den sportbegeisterten und als wettsüchtig geltenden Türken im kaum oder gar nicht geregelten Online-Bereich gespielt und dabei viel Geld gewonnen. Nun trat aber ein Gesetz in Kraft, das derlei leichtes Spiel untersagte und lizenzpflichtig machte. Über Nacht war bwin gezwungen, sich vom türkischen Markt zurückzuziehen. Um den damit verbundenen Umsatzeinbruch aufzufangen, beschloss man, sich möglichst schnell eine Lizenz zu beschaffen.

bwin-Mann Kevin O’Neal, 44, damals noch Business Development Manager, heute Press Officer, übernahm die Sache. Sein Ziel: eine sehr langfristige und sehr kosten- und steuergünstige Lizenz in sehr kurzer Zeit zu erlangen. Und tatsächlich hatte er gleich Kontakt zur richtigen Person: zu Bekir Ucar, dem Geschäftsführer von Spor Toto, der für die Vergabe von Sportwettenlizenzen zuständigen Körperschaft des türkischen Sportministeriums. Und hätte O’Neal Herrn Ucar genau zugehört, wäre das folgende Chaos vielleicht ausgeblieben. Am 16. Mai 2008 gab Kevin O’Neal im Rahmen einer Zeugeneinvernahme am Wiener Landesgericht zu Protokoll: „Er (Bekir Ucar, Anm.) war prinzipiell offen für weitere Gespräche, meinte aber, dass lediglich die IDDAA-Lizenz (eine Erlaubnis zur Eröffnung einer Toto-Annahmestelle, Anm.) von Spor Toto vergeben werden konnte. Für eine erweiterte Lizenz hätte er keine Befugnis.“

Eine Lizenz über zehn Jahre und fast steuerfrei, wie bwin sie sich wünschte, sei nicht möglich.

Kobra hinzugezogen
O’Neal weiter in seiner Einvernahme: „Das war uns jedenfalls zu wenig. Deshalb haben wir dann Kontakt zu Voerman aufgenommen.“
Eric Voerman wiederum war Mitarbeiter der Sicherheitsberatungsfirma Bachler & Partners des ehemaligen Chefs der Polizei-Sondereinheit Cobra, Wolfgang Bachler. Jenes Unternehmen also, welches in die von profil vergangene Woche aufgedeckte Affäre um die mutmaßliche Bespitzelung eines bwin-Gegenspielers verstrickt sein soll (Nr. 36/08).

„Risikoabwägung“
Voerman war abgestellt worden, bwin beim Türkei-Projekt „behilflich“ zu sein. Nach eigenen Angaben hat er für bwin „Risikoabwägungen“ durchgeführt, „sich die 100 einflussreichsten Türken angeschaut“ und ähnlich diffizile Serviceleistungen erbracht. Voerman machte sich auf, die Türkei durch die Hintertür zu betreten: Er kenne Gerda Binder, eine Österreicherin und alte Freundin, die in der Türkei lebe und Geschäfte mit Müllverpackungsanlagen mache und beste Kontakte zu den Richtigen und Wichtigen am Bosporus unterhalte. Mit ihr gehe alles schnell und koste nicht viel. Als Sicherheitsberater Wolfgang Bachler erkannte, in welche Richtung sich das „Projekt“ entwickelte, stieg er auf die Bremse, weil „das nicht unser Kerngeschäft ist“. Doch Voerman sah mehrere hunderttausend Euro Lizenz-Vermittlungsprovision winken und wechselte die Seiten: Er ließ sich von Bachler beurlauben und machte weiter. Im Juni 2007 flog er zum ersten Mal mit bwin-Vertreter O’Neal in die Türkei. Die blonde Gerda aus Wien hatte ein Treffen arrangiert, an dem diskrete Personen mit denkenden schwarzen Augen über schwarzen Oberlippenbärten teilnahmen. O’Neal und Voerman lernten Ahmed und Rashid kennen, Ali, Seref und die anderen. Allesamt angeblich „Banker“, „Geheimdienstler“ oder sonstige Auskenner mit Zugang zu allem und jedem. Kevin O’Neal war beeindruckt. In seiner Zeugeneinvernahme vor der U-Richterin sagte er: „Von Rashid hatten wir gehört, dass er Kontakte zum türkischen Militär hat.“ Und da sei ihm, O’Neal, klar gewesen, „dass diese Personen als Kontaktleute richtig sind“. Aber schuld an allem sei Voerman, denn, so O’Neal, „ich habe den Informationen von Voerman vertraut“.

Die „Kontaktleute“ kamen bald zur Sache
O’Neal: „Es wurden Erfolgszahlungen besprochen.“ Sechs- und siebenstellige Eurobeträge für die Vermittlung der Lizenz sowie für deren „Aufrechterhaltung“. Aber das dauere ein bisschen. Am 12. Juli um 19.53 Uhr Ortszeit erging ein E-Mail von Voerman, der sich in Ankara aufhielt, an O’Neal. Mittelsfrau Gerda könne mit ihren „Geheimdienstlern“ alles noch viel schneller abwickeln. Am 22. Juli stünden die türkischen Parlamentswahlen an und niemand wisse, wer danach an den Trögen Platz nehme. Und Voerman nannte in dem E-Mail den Preis für eine „10-Jahres-Lizenz“: 3,25 Millionen Euro. 2,25 Millionen sofort für die Erteilung der Lizenz und 100.000 Euro jährlich für die „Aufrechterhaltung“. Der Betrag sei wie folgt aufzuteilen: eine Million gehe an eine „Rechtsabteilung des Ministeriums“, eine Million persönlich an den „Minister und Boss von Mr. Ocak“ (ein Vermittler, Anm.). 250.000 für „Mr. Ocak“ selbst und danach einmal jährlich 50.000 Euro zehn Jahre lang ebenfalls an „Mr. Ocak“. Wie viel Voerman und Binder erhalten sollten, geht aus der Aufstellung freilich nicht hervor.

O’Neal später zur U-Richterin in Wien: „Ich war daran natürlich interessiert und habe mir dazu das Okay vom Vorstand der bwin eingeholt.“ Gerda Binder ließ mitteilen, dass die 2,25 Millionen sofort, also noch vor Ausstellung der Lizenz, überwiesen werden müssten. bwin solle sich an den Wiener Friedrich Jarosch wenden (einem ehemaligen Lebensgefährten von Binder), der die Firma Cort International Establishment in Liechtenstein betreibe und die Überweisung des Geldes abwickeln könne. Was auch geschah. bwin überwies die geforderte Summe auf ein Liechtensteiner Konto.

Hoffnung auf weltweite Lizenzen
Und bwin erhoffte sich von Jarosch offenbar die Vermittlung von Sportwettenlizenzen nicht nur in der Türkei, sondern auch in vielen anderen Ländern wie China, Indien und im Kaukasus, ja sogar in Ländern wie dem Iran, wo verbotenes Glücksspiel mit überaus harten Strafen bedroht ist. bwin legte Jarosch gleich einen – profil vorliegenden – Vertrag zur Unterschrift vor, in dem ihm für das bloße Knüpfen von Kontakten, die zu einer Lizenz-Erteilung führen, Summen jenseits der 50 Millionen Euro versprochen werden. Jarosch zu profil: „Bevor ich mich schlagen lasse, habe ich das unterschrieben.“

Nun begann die Zeit knapp zu werden
Die Wahlen kamen näher, die Türkei-Flüge von bwin-Leuten wurden häufiger, die Telefonate wurden gereizter, immer neue Gründe für Verzögerungen trieben die Spannung in die Höhe. Da hieß es plötzlich, bwin müsse in der Türkei eine Firma gründen – und Kevin O’Neal machte auch das. Gemeinsam mit seinem neuen türkischen Bekannten Serif Hökelekli gründete er bwin Türkei. Als Firmenadresse wurde das Büro von Mehmet Mete Satoglu gewählt, der angeblich ein Neffe des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül sein soll. O’Neal wurde als „General Manager“ mit 49 Prozent beteiligt, Partner Hökelekli mit 51 Prozent.

Keine Lizenz
Doch die Lizenz wollte nicht kommen. Die Wahlen gingen vorbei und nichts geschah. Immer neue Versprechungen hielten eine zunehmend verzweifelte Hoffnung am Leben, dass es doch noch klappen sollte. Unterdessen war Voerman längst von der Bildfläche verschwunden, auch Gerda Binder war nicht mehr mit von der Partie. Neue „private Vermittler“ brachten sich ein um herauszufinden, was da im Gange war. Die Lizenz komme jeden Augenblick, beruhigten sie. Eine Pressekonferenz wurde ins Auge gefasst und wieder abgesagt. Am Abend des 12. September 2007 schließlich wurde die vermeintliche Lizenz übergeben. Doch die Spannung ließ auch jetzt nicht nach, denn das Dokument war in türkischer Sprache verfasst und daher völlig unverständlich. Eilig wurde ein Übersetzer ans Werk gerufen. Dann die große Enttäuschung: Es handelte sich um eine IDDAA-Lizenz. Keine Berechtigung, mit Wetten Millionen zu verdienen, sondern eine Erlaubnis, eine Lotto-Annahmestelle zu eröffnen – also genau das, was die Gesellschaft nicht wollte.

„Ali und Co geben vor“, so wird in einer bwin-internen Chronologie festgehalten, „jetzt erst den Unterschied zwischen den beiden Lizenzen zu begreifen und versprechen, das in Ordnung zu bringen“. Irgendwann in den Tagen danach tauchte eine neue „Lizenz“ auf. Doch die Echtheit dieses Papiers hielt keiner Überprüfung stand. Die zuständige Behörde erklärte, dieses Dokument weder ausgestellt zu haben noch es zu kennen. bwin forderte daraufhin die bereits bezahlten Provisionen wieder ein. Doch das Geld war längst verschwunden. Gerda Binder erklärt jetzt gegenüber profil, dass „eine Million in Liechtenstein cash behoben und an bestimmte Personen verteilt“ worden sei, der Rest sei tatsächlich in die Türkei überwiesen und ebenfalls „für Spesen verwendet“ worden. Eigentlich sei die Lizenz ja erteilt worden, jedoch letztlich am Unwillen von bwin gescheitert, noch etwas tiefer in die Tasche zu greifen.

bwin hat Gerda Binder, Eric Voerman und Friedrich Jarosch wegen des Verdachts des Betrugs angezeigt. Man sei einer „gut organisierten“ Betrügerbande auf den Leim gegangen. Durch Einsicht in den Strafakt in Liechtenstein habe man eruieren können, dass „bereits einen Tag nach der Überweisung des Erfolgshonorars etwa die Hälfte in die Türkei weitergeleitet wurde. Weiters wurde ein beträchtlicher Betrag an Frau Binder überwiesen, die wiederum einen Teil „an eine arabische Gesellschaft weitergeleitet hat“, sowie an Frau Sylvia O., die Lebensgefährtin von Voerman. Das erklärte bwin in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber profil. Voerman weist das alles im profil-Gespräch zurück. Er habe nichts genommen und nichts bekommen. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Der Anwalt Fethi Yildiz aus Istanbul, der Gerda Binder vertritt, erklärt im profil-Gespräch, die türkische Lizenzbehörde Spor Toto habe die beiden Repräsentanten von bwin Türkei, O’Neal und Serif Hökelekli, wegen mehrerer Delikte angezeigt, darunter Urkundenfälschung und Beamtenbeeinflussung. Die Staatsanwaltschaft Ankara habe am 30. Juni 2008 sogar einen Haftbefehl gegen die beiden Männer erlassen.
Kevin O’Neal weiß davon nichts. Aber eine Reise in die Türkei sei, so O’Neal zu profil, derzeit ohnehin nicht geplant.

Von Emil Bobi