Dollfuß, ein schuldiger Held

Seine Leistung im Kampf gegen Hitler wiegt schwerer als sein autoritäres Staatsverständnis und die Erschießung von Februarkämpfern.

Waren Dollfuß und die Christlichsozialen Patrioten oder Hitlers Wegbereiter?“, hieß es vor kurzem im Untertitel einer profil-Coverstory (profil 6/04) provokant – aber anstelle einer Antwort wurde dem Leser wohldosiertes Pro und Kontra geliefert. Ich bin als Kolumnist nicht zu so viel austarierender Rücksicht gezwungen: Dollfuß war ein Patriot – in Wahrheit der Begründer dessen, was wir heute „Österreich“ nennen. Und er war nicht nur kein „Wegbereiter“ Hitlers, sondern unter allen Staatsmännern Europas dessen einziger, zum Handeln entschlossener Gegner …

So gut wie alle anderen haben von 1929 bis 1938 tatenlos zugesehen, wie Hitler seine Macht herbeigeprügelt, den Rechtsstaat zertrümmert, die Armee hochgerüstet, umstrittene Gebiete annektiert und die in „Mein Kampf“ angekündigte Vernichtung der Juden eingeleitet hat.
Nur Dollfuß hat gekämpft und die Nazis trotz Hitlers waffenstarrender Nachbarschaft verboten. Deutsche Juden konnten nach Österreich fliehen und waren sicher – das unterscheidet ein mörderisches Regime von einem autoritären.

Aber auch die Behauptung, Dollfuߒ autoritäre Politik habe Hitlers Machtübernahme in Österreich indirekt den Weg bereitet, ist unhaltbar: Hitler kam nicht „von innen“ zur Macht, sondern ließ seine Truppen aufmarschieren. Daran hätte keine wie immer geartete österreichische Innenpolitik – auch nicht der Erhalt der Demokratie – etwas ändern können, sondern immer nur eine militärische Drohung von außen. Doch diese haben Frankreich wie England trotz Dollfuߒ Flehen verweigert.

Die einzige Großmacht, die zu einer militärischen Drohung bereit war, war Italien. Als Dollfuß 1934 von Nazi-Putschisten ermordet wurde, machte Mussolini sie auch wahr: Er ließ zwei Divisionen am Brenner aufmarschieren, und Hitler zog den Schwanz ein.

Es war daher, völlig abseits seiner Sympathie für autoritäre Regime, Dollfuߒ einzig reale Chance, Österreichs Selbstständigkeit zu bewahren, indem er beste Beziehungen zum faschistischen Italien suchte. Nicht, dass er die Sozialisten nicht ohnehin gern ausgeschaltet hätte, aber dass er es auf Mussolinis Rat hin forcierte, sollte man auch unter diesem Gesichtspunkt sehen: Der Duce war Österreichs einziger Schutzpatron.

Damit sind wir beim Ausschalten der Sozialisten. Es folgte den Februarkämpfen, die als bewaffneter sozialdemokratischer Aufstand gegen ein zunehmend autoritäres, durch die paramilitärischen „Heimwehren“ gestütztes Dollfuß-Regime losbrachen. Dieses Regime hat unbarmherzig zurückgeschlagen, und niemand will das verniedlichen – aber es ist dem Morden Hitlers auch nicht entfernt vergleichbar.

Nach der durch den Sozialisten Karl Renner ausgelösten Selbstausschaltung des Parlaments hat Dollfuß die Chance wahrgenommen, mit Notverordnungen zu regieren und keine Wahlen abzuhalten. Das zeugt von Dollfuߒ Geringschätzung der Demokratie – aber es zeugt auch von seinem politischen Hausverstand: Bei Wahlen wären die Nazis vermutlich, wie in Deutschland, stärkste Partei geworden. So mussten sie putschen und wurden von Heer und Heimwehr erfolgreich niedergerungen – Hitlers bis dahin einzige, mit Waffen herbeigeführte Niederlage.

Wenn die Sozialisten die eindeutig besseren Demokraten waren, so waren sie auch die eindeutig schlechteren Patrioten: Selbst als Hitler, so wie man ihn seit 1929 kannte, 1938 wirklich in Wien stand, hat Renner den Anschluss immer noch gutgeheißen. Und alle SP-Führer waren in allen Jahren davor der Meinung, dass Österreich allein nicht lebensfähig sei.

Nur Dollfuß hat an Österreich geglaubt und in der Vaterländischen Front überhaupt erst begründet, was heute jedes Schulkind lernt: die Idee einer von der deutschen verschiedenen, durch ihr Völkergemisch zur Verständigung prädestinierten österreichischen Nation, deren christliches Menschenbild gegen Hitler-Deutschland verteidigt werden muss.

Diese mit allen Mitteln versuchte Verteidigung eines humanen, christlichen Menschenbildes wiegt schwerer als eine Reihe – auch blutiger – Verstöße gegen demokratische Spielregeln. Wenn der Teufel sich anschickt, die Macht zu ergreifen, ist es die erste Aufgabe eines Staatsmannes, den Teufel zu bekämpfen – alles andere verblasst daneben.

Dollfuß hat sich dieser Aufgabe gestellt und mit seinem Leben dafür bezahlt. Er verdient, ein Held genannt zu werden, auch wenn er Schuld auf sich geladen hat. Zumal es für sein Versagen als Demokrat mehrere Milderungsgründe gibt:

  • Europas Politiker neigten in jener Zeit mehrheitlich zu autoritären Vorstellungen.
  • Auch das sozialistische Demokratieverständnis war zwiespältig. Wohl nannte das Hainfelder Programm die „Diktatur des Proletariats“ nur ein „letztes Mittel“, falls den Sozialisten die Machtübernahme durch Wahlen verweigert würde, aber in den Reden der roten Führung war revolutionär erzwungene Diktatur ein sehr viel näheres Ziel.
  • Solange die Demokratie noch existierte, haben die Sozialisten zwei christlichsoziale Koalitionsangebote abgelehnt, weil sie wegen der unausweichlichen Sparmaßnahmen nicht an Popularität verlieren wollten.
  • Und als Hitler bereits vor der Tür stand, haben sie die Zusammenarbeit immer noch abgelehnt – teils, weil sie den Anschluss immer noch akzeptierten (Renner), teils, weil sie Dollfuߒ undemokratisches Vorgehen nicht verzeihen wollten.
    In meinen Augen stellt das ein historisches Versagen dar – allenfalls eines mit Milderungsgründen.