„Du Ulli, was machst du eigentlich beruflich?“

Ein Homosexueller über seine lange Bekanntschaft zum Ex-Regens des Priesterseminars St. Pölten.

profil: Wie lange kennen Sie Ulrich Küchl?
P.: Seit mehr als 20 Jahren. Ich war im „Coming Out“, einem Schwulenlokal in Wien. Er war auch dort, hatte Jeans und T-Shirt an. Ich war allein, mein Freund gerade im Ausland, und ich dachte mir: Okay, dann erwidere ich sein Lächeln.
profil: War Küchl da schon Priester?
P.: Ja sicher. Er war sogar schon Probst.
profil: Hat er Ihnen gefallen?
P.: Ja, er hatte ein strahlendes Lächeln, strahlende Augen und war ein netter Gesprächspartner. Dann fragte er mich, ob er mich nach Hause bringen dürfe. In seinem Auto entdecke ich auf dem Rücksitz ein Priestergewand und frage: „Du Ulli, was machst du eigentlich beruflich? Arbeitest du in einer Putzerei?“ Plötzlich machte er eine Notbremsung und sagte: „Ich muss dir etwas gestehen: Ich bin Priester.“
profil: Hat Sie das verunsichert?
P.: Ich bin Katholik und hatte damit ein Problem. Andererseits hat es einen speziellen Kick gehabt. Wir haben lang geplaudert, und dann kam es halt dazu, zu was es kommen sollte. Vorher fragte ich ihn noch, ob er mir auch die Beichte abnehmen würde. Da hat er mich entsetzt angeschaut und gemeint, das darf er nicht. Er hat seinen Beruf ernst genommen, das hat mir gefallen.
profil: Sie haben also, noch bevor Sie Sex hatten, über das Priestersein und Sex diskutiert?
P.: Er hat gesagt, er kämpft damit, und dass er dann und wann schwach wird und in seinen schwachen Stunden jemanden kennen lernen muss. Er arbeite daran, das zu bewältigen.
profil: Hat er erzählt, wie oft er schwach wird und wie groß das Problem für ihn ist?
P.: Also bei mir ist er nur zweimal schwach geworden, oder ich bin mit ihm zweimal schwach geworden. Ich hatte ja eine fixe Beziehung, und sobald mein Freund zurück war, hab ich den Ulli zwar immer wieder noch getroffen, etwa im „Savoy“. Doch hatte ich keinen Sex mehr mit ihm. Er hatte dann ja auch eine fixe Beziehung. Er hat mir auch einmal jemanden als seinen Freund vorgestellt. Dann und wann hat er mir auch Grüße bestellen lassen.
profil: Hat er bei Ihnen übernachtet oder nur die Telefonnummer dagelassen?
P.: Zweiteres. Ich hab nach einigen Tagen angerufen und wollte den Ulli sprechen. Hebt eine Dame ab und sagt: „Ah, Sie meinen Seine Gnaden, den Herrn Probst.“ Darauf sage ich: „Was ist er?“ Dann hat der Ulli gesagt: „Ja, was ich dir noch sagen muss, ich bin nicht nur Priester, sondern auch Probst in Eisgarn.“ Am nächsten Tag schenkte er mir ein Foto, das, glaube ich, anlässlich seiner Ernennung zum Probst aufgenommen worden war.
profil: Er hat also seinen Beruf und seine zölibatäre Situation ernst genommen?
P.: Ja. Er war gefühlvoll, intelligent und anregend auch als Gesprächspartner. Im Bett waren wir ja nur zweimal, haben uns aber oft in Lokalen getroffen und schöne Gespräche gehabt. Sex wollte ich keinen mehr, weil ich ja einen Freund hatte. Aber gefallen hat es mir schon mit ihm. Es war große Sympathie dabei.
profil: Wie war er als Mensch?
P.: Weich, ruhig, leise, aufmerksam, verständnisvoll, manchmal ein bisschen infantil … Er hat manchmal über Dinge gelacht, da dachte ich mir: „Der ist aber leicht zu erheitern.“ An sich hatte er ja ein fröhliches Gemüt.
profil: War er ein glücklicher Mensch?
P.: Das Gefühl hatte ich nur teilweise. Er schien sich eine große Bürde umgehängt zu haben, mit der er zu kämpfen hatte. Manchmal hatte er so einen traurigen Dackelblick, wenn er von seiner Funktion in Eisgarn sprach, wo er alleine residierte. Er war ein junger Bursche, der so viel Verantwortung übernommen hatte.
profil: Küchl sagte gegenüber Dritten angeblich, dass er Sie nicht kenne.
P.: Er soll gesagt haben, dass er meinen Namen nicht kennt. Vielleicht hat er meinen Familiennamen vergessen, möglich. Aber meinen Vornamen? Und dass er sich heute auch an jemanden nicht erinnern können will, mit dem er etwa fünf Jahre eine fixe Beziehung gehabt hat und der sogar als einer seiner Mitarbeiter in St. Pölten tätig gewesen ist, ist seltsam.
profil: Versucht er manches zu verdrängen?
P.: Wenn ja, dann aus einer Notsituation heraus, weil er glaubt, dass er damit seinen Kopf retten kann. Er ist damit aber sicher falsch beraten.
profil: Was sollte er tun?
P.: Er sollte sich in seine Klause zurückziehen und möglichst überhaupt nichts mehr sagen.
profil: Welche Fehler hat er denn gemacht?
P.: Na ja, wenn die Vorwürfe stimmen, dann hat er den großen Fehler gemacht, dass er sein Privatleben nicht aus dem Priesterseminar herausgehalten hat. Was er in seiner Privatzeit macht, muss er nur mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren, aber das Seminar ist sicher eine andere Angelegenheit.
profil: Er besteht darauf, nicht schwul zu sein.
P.: Ich kann mir nur vorstellen, dass er furchtbar in die Enge getrieben ist.
profil: Was raten Sie ihm denn jetzt?
P.: Mein Vorschlag wäre: Ziehe dich bitte zurück, gehe in dich und versuche dein Leben wieder in Griff zu kriegen. Aber andere zu attackieren und alles abzustreiten ist schlimmer als alles, was man ihm vorwirft. Ich wollte ihn anrufen, doch hab es dann bleiben lassen.
profil: Sie mögen ihn noch immer.
P.: Ja.
profil: Warum geben Sie dann dieses Interview?
P.: Weil alles andere unehrlich wäre. Ich will ihn nicht anschwärzen, trotzdem aber selbst bei der Wahrheit bleiben.