<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Secret Coffee

Der „Iperespresso“ von Illy: eine Enthüllungs-Story.

Ich habe nie verstanden, wie man zum Beispiel mit einer einzigen Pfeffermühle, noch dazu ohne eingebaute LED-Leuchte, überleben kann. Oder mit nur einem Bunsenbrenner für Crème-brulée-Krusten. Vor allem aber mit bloß einer Espressomaschine. Ich war zum Beispiel stolz auf meine ziemlich aufmerksamkeitsbedürftige Pavoni, aber sie mutierte relativ rasch zu einem Möbelstück, weil ich leider weder viel Tagesfreizeit noch einen HTL-Abschluss habe. Natürlich ist da auch dieses Nespresso-Ding, das mir anfangs vorgaukelte, einen satisfaktionsfähigen kleinen Schwarzen in die Tasse rinnen zu lassen, was durchwegs funktionierte, wenn ich wieder einmal längere Zeit nicht in Italien war, dafür aber vor Kurzem in einem Wiener Kaffeehaus. Okay, das ist längst uncool unter Espresso-Orthodoxen; vor allem aber hat es mich zu stören begonnen, jedes Mal beim Erwerb neuer Kapseln „wegen der Kundenkartei“ nach dem Mädchennamen meiner Urgroßmutter gefragt zu werden. „Jaja, Google, Facebook und Nespresso, ihr wollt wohl alles wissen“, habe ich schließlich einen Verkäufer angeschnauzt. „Ich will aber nur Kaffee kaufen, nicht in die USA einreisen.“ Dann kam die Podstar – was Crema und Aromenausbeute betrifft, eine deutliche Qualitätssteigerung, zumal ich in Gerhard Jerichas einzigartigem Espresso-Shop „taste it“ (Wollzeile 27, 1010 Wien, www.tasteit.at) eine formidable Auswahl an Filterpapier-Pads vieler, auch kleiner italienischer Röstereien zur Auswahl habe. Aber eben nur dort.

Neulich trudelte wieder einmal ein Paket ein, dessen Inhalt zunächst aussah wie die Armaturen einer alten Vespa mit abgehackten Lenkstangen. Für den Kauf der FrancisFrancis! X7 M.I.E. von Illy war ein heißer Tipp verantwortlich, denn ich gebe unumwunden zu, dass mir das Kapselsystem „Iper­espresso“ bisher verborgen geblieben war, was vermutlich auch damit zu tun hat, dass Illy dieses vor einem Jahr entwickelte Prinzip mit einem ähnlichen Aufwand vermarktet wie Dietrich Mateschitz sein „Servus TV“: Um Himmels willen, was tun wir, wenn jemand erfährt, dass es uns gibt?
Was macht also die X7 M.I.E.? Zunächst einmal das Geräusch eines heiseren SMS-­Signals, sobald sie die Betriebstemperatur ­erreicht hat. Dann das Geräusch einer einrastenden Druckerpatrone, wenn die einer Druckerpatrone ähnelnde Espresso-Kartusche samt Kapselhalter in der Brühgruppe einrastet. What else? Kaffee natürlich, und zwar durchaus bemerkenswerten mit einer dichten, stabilen und impalaantilopenfarbenen Crema. Das liegt vor allem daran, dass der Espresso in zwei Phasen entsteht. Zuerst lässt eine kurze „Hyperinfusion“ den Kaffee etwas quellen; dann erst folgt die Extraktion mit dem Effekt, dass die Patrone nahezu alles an Aromen hergibt, was sie zu bieten hat. Nur manchmal macht die X7 auch noch etwas anderes: Sie piepst aus heiterem Himmel ihr heiseres SMS-Signal und setzt kurz darauf zu einer Spontan-Hyperinfusion an. Dann geht man am besten hin zu ihr, streichelt sie ein wenig und sagt mit leiser beruhigender Stimme: „Was ist denn los? Haben sie sich zu wenig um dich gekümmert?“

klaus.kamolz@profil.at