<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Wiener Küche 2010

Zwei Gänge in Rot-Grün – und ein fast schwarzes Algenblatt.

Nun ist also das einfärbig rote Wien gefallen. Was also wird der Bürgermeister tun? An der roten Basis, so ist zu vernehmen, wächst das Interesse an neuen, spannenderen politischen Kompositionen als einer großen Koalition; die Grünen verhehlen keine Sekunde lang, dass sie endlich auch zu Tisch gebeten werden wollen. Zu diesem Zweck kursieren Listen von Städten, in denen Grün in der Kommunalpolitik eine wesentliche Rolle spielt. Aber mir fällt es schwer, am Beispiel von Malmö, Helsinki, Köln, Amsterdam oder München ein farblich stimmiges Menü auf den Tisch zu bringen. Und schon gar nicht kommt es infrage, mit dem Namen des Bürgermeisters und der Herkunft seiner möglichen Koalitionspartnerin billige Scherze zu treiben und einfach einen Salat mit Kalamata-Oliven zu empfehlen.

Paris, ja, das ginge gut. Aber aufregender ist dann doch das Vorbild Barcelona mit seiner Regierung aus Sozialisten und der Iniciativa per Catalunya Verds, zumal dort die Küche genau das verkörpert, was sich die rot-grünen Befürworter für Wien erhoffen: zeitgemäße Weltoffenheit. Koriander, Sojabohnen und Paradeiser dominieren im ersten Gang: gemüsige grüne Akzente um eine runde knallrote Mitte. Und dann das rötlich schimmernde Delice vom Reh, eingehüllt in eine sattgrüne Hülle, dazu gut integrierte Hülsenfrüchte und Gewürze mit orientalischem Hintergrund. Das Algenblatt funktioniert nach dem Prinzip „en papillote“ und dunkelt beim Dämpfen stark nach; an manchen Stellen verfärbt es sich sogar schwarz. Deshalb wird es vor dem Genuss entfernt.

klaus.kamolz@profil.at