Eine kleine Verteidigung

Warum Klaus Emmerich mit seinen Anti-Obama-Tiraden kein typischer Österreicher ist.

Man hatte bereits geglaubt, der Sturm habe sich gelegt. Die Berühmtheit des ehemaligen ORF-Korrespondenten Klaus Emmerich schien tatsächlich nicht viel mehr als die legendären 15 Minuten gedauert zu haben, die einst Andy Warhol jedem Menschen in seinem Leben zubilligte. Emmerichs Sager „Ich möchte mich nicht in der westlichen Welt von einem Schwarzen dirigieren lassen“ hat ebenso international Furore gemacht wie seine nachgereichte Erklärung, „die Schwarzen“ seien „in ihrer politisch-zivilisatorischen Entwicklung noch nicht so weit“. Emmerich wurde von Neuseeland bis Neufundland und von Bangladesch bis Belgien und Burundi zitiert. Und die Journalisten fragten, wie das österreichische öffentlich-rechtliche Fernsehen einen solchen Rassisten zu Wort kommen lassen könne?

Der ORF hat sich stante pede distanziert. Doch so schnell ließ sich die Angelegenheit nicht aus der Welt schaffen. Die internationalen Medien bleiben an der Geschichte dran. Symptomatisch ein Artikel in der „Washington Post“ von vergangener Woche, in dem unter einer sprachlich nicht gerade eleganten Schlagzeile – „Der Rassismus erhebt in europäischen Stellungnahmen sein Haupt“ – der ehemalige ORF-Mitarbeiter prominent aufscheint – in Gesellschaft von zwei anderen „respektierten öffentlichen Persönlichkeiten“ Europas, die „weit davon entfernt sind, in Rassenfragen aufgeklärt zu sein“. Neben Emmerich wird der italienische Premier Silvio Berlusconi aufgeführt, der sich nach dem Sieg Obamas freute, dass nun ein junger, gut aussehender und, wie er selbst, „braun gebrannter“ Mann ins Weiße Haus einziehe. Er glaubte, mit diesem Ausspruch witzig gewesen zu sein. Der Dritte im Bund jener, deren Aussprüche die „Washington Post“ aufspießte, um zu zeigen, dass es mit dem Antirassismus Europas nicht so weit her sei, war der polnische Parlamentsabgeordnete Artur Gorski, der Obama einen „schwarzen Messias der neuen Linken“ und einen „Kryptokommunisten“ nannte und vom „Ende der Zivilisation des weißen Mannes“ faselte. Wieder stellt Österreich einen von der internationalen Öffentlichkeit gegeißelten Ungustl. Und wieder wird gefragt: Was ist mit Österreich los? Was ist das für ein Land, das Menschen wie Emmerich mit ihren jenseitig-rassistischen Äußerungen auf das Publikum loslässt?

Hier eine kleine Verteidigung: Es ist dieser Tage hierzulande nicht leicht, für eine Amerika-Diskussionsrunde jemanden zu finden, der nicht, hätte er wählen können, Obama die Stimme gegeben hätte. Aber eine Diskussion ohne Skeptiker wäre uninteressant. Offenbar hat man sich am Küniglberg erinnert, dass Emmerich, der in den achtziger Jahren in Pension gegangen war, genügend konservativ ist, um die Rolle des Obama-Kritikers einzunehmen. Die Rolle des Obama-Enthusiasten spielte ich. Und jene des kühlen Demoskopen Fritz Plasser. Dass Emmerich öffentlich seine offenbar tiefe Angst vor dem schwarzen Mann so unsäglich ausdrücken würde, konnte niemand wissen. Bedenken sollte man freilich auch, dass Emmerich in einer Zeit seinen Dienst im ORF beendete, als ein Richard Nimmerrichter im größten Blatt des Landes regelmäßig und ungestraft von den „faulen Negern“ schreiben konnte, bei denen man sich nicht wundern möge, dass sie nichts zusammenbrächten, zu einer Zeit, als die außenpolitischen Sprecher der ÖVP in der österreichisch-südafrikanischen Gesellschaft saßen und wortreich die Apartheid verteidigten und überhaupt Rassismus keineswegs generell geächtet, Antirassismus im besten Fall Sache der Linken war.

Der nunmehr 80-jährige Emmerich hat da einiges verpasst und nicht verstanden, dass das, was vor 20 Jahren noch Mainstream war, heute vollends inakzeptabel ist. (Den Vorwurf, dass ich als Diskussionsteilnehmer Emmerich – aus Höflichkeit und mangelnder Geistesgegenwart – nicht sofort ins Wort gefallen bin mit „Na, hallo, welchen rassistischen Unsinn reden Sie denn da“, muss ich akzeptieren.)

Den ORF trifft keine Schuld. Und der kleine Zwischenfall im ORF am Morgen des 5. November scheint mir keineswegs ein Symptom für den Zustand Österreichs zu sein. 80 Prozent der Österreicher, ermittelten die Umfrageinstitute, hätten Obama gewählt, sogar H. C. Strache begrüßte dessen Sieg. Die österreichische Öffentlichkeit hat sich prompt und angemessen über den Emmerich-Sager entrüstet. Er fand keinen einzigen ernsthaften Verteidiger. Gewiss ist zu beklagen, dass Österreich immer nur dann in die internationalen Schlagzeilen gerät, wenn Nazis auftauchen, Faschistisches geäußert wird oder auch unheimliche Keller und Ähnliches entdeckt werden. Man kann und muss darauf hinweisen, dass da ein verzerrtes Bild von Österreich gezeichnet wird. Aber völlig aus der Luft gegriffen ist diese negative Einschätzung Österreichs auch wiederum nicht. Es ist eben das Land der Waldheims und Haiders. Und nicht nur das. Auch die Gegenwart bietet genug, was den antiösterreichischen Vorurteilen Nahrung gibt. Drückt nicht fast ein Drittel der Österreicher seinen Protest gegen eine ungeliebte Regierung mit einer Stimmabgabe für rechtsradikale Parteien aus? Wird nicht einem international geächteten Demagogen, der im Vollrausch mit dem Auto in den Tod rast, ein rührseliges Staatsbegräbnis bereitet, welches das öffentlich-rechtliche Fernsehen stundenlang überträgt? Werden Polizisten, die afrikanische Asylwerber prügeln oder gar zu Tode bringen, nicht mit Samthandschuhen angefasst? Haben wir nicht die europäisch restriktivsten Fremdengesetze? Da mag der „Fall Emmerich“ international aufgebauscht worden sein. Aber unseren schlechten Ruf haben wir uns schon redlich verdient.