Einstürzende Altbauten bei der Immofinanz:
Widerruf des Bilanz-Testats steht im Raum

Die Immofinanz-Gruppe schlittert immer tiefer ins Chaos: Wegen dubioser Geldkreisläufe prüft der Wirtschaftsprüfer KPMG jetzt den Widerruf des Bilanz-Testats. Die Folgen wären fatal.

Ein Bilanz-Testat ist weit mehr als nur ein Firmenstempel nebst Namenszug. Es dient vielmehr als Beleg dafür, dass ein Wirtschaftsprüfer die Vermögens- und Ertragszahlen eines Unternehmens auf ihre Plausibilität hin abgeklopft hat. Bei Aktiengesellschaften – börsenotiert oder nicht – ist dieser so genannte Bestätigungsvermerk unter jedem Jahresabschluss zwingend vorgesehen. Nur so haben Aktionäre und Geschäftspartner die Gewissheit, dass die Gebarung den "Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung" entspricht, wie es so schön heißt. Oder andersrum: Von einer Gesellschaft ohne uneingeschränkten Bestätigungsvermerk sollte man als Gläubiger oder Investor besser die Finger lassen.

Ungereimtheiten in der Bilanz
Wie profil in seiner Print-Ausgabe vom 3. November (Nr. 45/08) enthüllte, verdichten sich bei der börsenotierten Immobiliengesellschaft Immoeast AG Hinweise auf grobe Ungereimtheiten in der Bilanz des Geschäftsjahres 2007/2008. Es geht um offensichtlich falsch bilanzierte Forderungen in Millionenhöhe gegenüber einer kleinen Wiener Beteiligungsgesellschaft: Sie firmiert unter Immofinanz Beteiligungs AG (IBAG), steht aber keinerlei direkter Verbindung zu Immoeast oder deren ebenfalls börsenotierter Hauptaktionärin Immofinanz AG (55 Prozent).

Der Immoeast-Jahresabschluss 2007/2008 (Bilanzstichtag: 30. April) war am 6. August dieses Jahres von den KPMG-Wirtschaftsprüfern Yann-Georg Hansa und Helmut Kerschbaumer mit einem uneingeschränkten Bestätigungsvermerk versehen worden. Wie ausführlich berichtet, führte die Immoeast AG zum 30. April dieses Jahres eine Forderung gegenüber der IBAG in der Höhe von 475,5 Millionen Euro in den Büchern, aktuell sollen es 512 Millionen Euro sein. Bloß: Die der Turnauer-Familie nahe stehende IBAG bestreitet die Existenz dieser Verbindlichkeit vehement.

Interne Revision befasst
Das hat nun die Geschäftsführung von KMPG Austria auf den Plan gerufen. Seit Anfang dieser Woche ist die interne Revision mit der Aufarbeitung der Angelegenheit befasst. "Aus unserer Sicht wurden alle Prüfungsstandards penibel eingehalten", so ein KMPG-Partner, der namentlich nicht genannt werden will. Gleichzeitig schränkt er allerdings ein: "Der Bestand dieser Forderung ist zu hinterfragen, daher prüfen wir jetzt alle rechtlichen Schritte." Sollte die Immoeast-Bilanz tatsächlich fehlerhaft sein, wäre KMPG "zum Handeln gezwungen": "In diesem Fall müssten wir das Testat abändern oder widerrufen."

Ein Satz, der keinem Wirtschaftsprüfer leicht über die Lippen geht, zumal er in den Diensten von KMPG steht. Erst am 4. Juli dieses Jahres wurde der frühere KMPG-Mann und Bawag-Prüfer Robert Reiter wegen mutmaßlicher Beihilfe zur Untreue in Zusammenhang mit den Karibik-Verlusten (nicht rechtskräftig) zu drei Jahren Haft, davon eines unbedingt, verurteilt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Forderung entgangen
Wie es dazu kommen konnte, dass den Immoeast-Wirtschaftsprüfern eine offensichtlich nicht existente Forderung dieser Größenordnung durchrutschen konnte, ist derzeit Gegenstand von Ermittlungen. "Es liegen entsprechende Buchungsbelege sowie eine Saldenbestätigung von Seiten der Immofinanz Beteiligungs AG vor", heißt es bei KMPG. Tatsächlich deutet vieles jetzt darauf hin, dass die bei der Constantia Privatbank geführten IBAG-Konten dazu genutzt wurden, um diskret Millionen aus der Immoeast herauszuschleusen. Das Geld könnte in den heimlichen Ankauf eigener (heute fast wertloser) Aktien geflossen sein. Das erklärt aber immer noch nicht, wie diese Phantomforderung über den Bilanzstichtag hinaus verbucht werden konnte. Immoeast und Immofinanz wurden bis vor wenigen Wochen von einem gewissen Karl Petrikovics geführt, der darüber hinaus auch bis Juni im Vorstand der Constantia Privatbank saß.

Für die Immobiliengruppe hätte ein Widerruf des Bestätigungsvermerks verheerende Folgen. Petrikovics’ Nachfolger Thomas Kleibl verhandelt mit den österreichischen Gläubigerbanken derzeit fieberhaft die Zufuhr dringend benötigter Liquidität. Sollte KPMG das Immoeast-Testat zurückziehen, wäre die Bilanz 2007/2008 wieder "offen". Auf dieser Grundlage dürfen Banken unter keinen Umständen neue Kredite vergeben. Mehr noch: Ist die Immoeast-Bilanz fehlerhaft, kann auch der letzte Immofinanz-Jahresabschluss nicht mehr stimmen.

Thomas Kleibl lässt unterdessen nichts unversucht, selbst Licht ins Dunkel dieser Affäre zu bringen. Anfang kommender Woche bringt der neue Immofinanz/Immoeast-Vorstandssprecher über die renommierte Wiener Kanzlei Schuppich Sporn & Winischhofer eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft Wien ein. „Wir wollen der Justiz einen Überblick über den Stand der Dinge im Konzern verschaffen“, heißt es aus Kleibls Umfeld. Namen potenzieller Missetäter würden in dem Dokument aber "nicht genannt".

Von Michael Nikbakhsh

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