Elke Kahr: "Nicht alle enteignen"

KPÖ-Politikerin Elke Kahr über den Stalinismus in der KPÖ, der für sie „keine Rolle“ spielte, und die ­Schonung alter Genossen.

Interview: Christa Zöchling

profil: Sind Kommunisten bessere Menschen?
Kahr: Ich hab mich in der KPÖ wie in einer Familie gefühlt, als ich dort 1985 als Sekretärin anfing. Meinen idealistischen Zugang musste ich allerdings schon etwas zurückbauen. Niemand ist aus besonderem Holz geschnitzt. Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind.

profil: Die KPÖ Graz ist berühmt für ihren Geldverzicht und dass sie armen Leuten den Boiler oder den Mietrückstand zahlt. Das könnte auch die Caritas tun oder linke Sozialdemokraten. Was hat das mit Kommunismus zu tun?
Kahr: Bei der Caritas würde ich mich von der konkreten Aufgabe her auch daheim fühlen. Bei der SPÖ nicht. Politiker der SPÖ haben immer anders agiert, als sie in ihren Reden versprochen haben. Die haben sich so schnell gewandelt und alles vergessen.

profil: Wenn Kommunisten an die Macht kamen, wurden sie Verbrecher.
Kahr: Ich kann über die KPÖ nichts Negatives sagen. Den Genossen hier habe ich nichts vorzuwerfen, außer, dass sie das, was in den früheren realsozialistischen Ländern geschehen ist, zu unkritisch gesehen haben. Dass sie sich zu spät von den Verbrechen distanziert haben.

profil: Die KPÖ zu ihrer Zeit hat den Stalinismus verharmlost und den Ostblock schöngeredet. Und Sie selbst?
Kahr: Ich habe nichts verteidigt, was ich nicht selbst gesehen oder erlebt habe. Ich bin zu einem Zeitpunkt zur KPÖ gestoßen, als das für mich und auch für die anderen keine Rolle gespielt hat. Wir haben uns mit Kommunalpolitik beschäftigt. Ich hätte es aber auch für ­vermessen gehalten, ehemaligen Widerstandskämpfern, die schon 60 oder 70 Jahre bei der KPÖ waren, die sich noch an die Sowjetunion klammerten, das vorzuwerfen.

profil: Der FPÖ wird auch vorgeworfen, wenn sie hinsicht-
lich der NS-Vergangenheit laviert.
Kahr: Ich bin Kommunistin aus Überzeugung. Ich halte den Marxismus für die menschlichste Antwort auf die Gesellschaft, für das tauglichste Instrument, die Gesellschaft zu verstehen. Doch die beste Idee hilft nichts, wenn die Menschen, die sie vertreten, nicht danach leben. Man wirft engagierten Christen ja auch nicht die Verbrechen der Kirche vor. Den Kommunisten hier in ­Österreich sind keine Verbrechen vorzuwerfen.

profil: In der Nachkriegszeit haben etwa österreichische Kommunisten mitgeholfen, dass Menschen in die Sowjetunion verschleppt und hingerichtet wurden, die Generation danach hat jede Kritik unterdrückt. Warum tragen Sie dennoch „kommunistisch“ im Namen?
Kahr: Weil unter Kommunisten großartige Persönlichkeiten waren, auf die ich stolz bin und denen nichts vorzuwerfen ist. Das überwiegt für mich. Das sind Menschen, die nicht nur reden, sondern ihre Sache auch leben. Ich hasse nichts mehr als diese ganzen linken Phrasendrescher, die nur in Diskussionszirkeln die Welt erklären wollen.

profil: Ihr Ziel ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Würden Sie persönlich Großkapitalisten enteignen?
Kahr: In bestimmten Bereichen, ja. Wo es für das eigene Land lebensnotwendig ist. Bei der Daseinsvorsorge und bei Schlüsselproduktionen halte ich eine Vergesellschaftung für wichtig. Aber wir wollen sicher nicht alle Besitzenden enteignen. Klein- und Mittelunternehmer sind unsere Verbündeten. Bei der Vergesellschaftung des Grund und Bodens ist es schwierig. Das muss man sich im Konkreten anschauen. Es wäre vermessen, wenn ich als Kommunalpolitikerin da eine Linie vorgeben würde.

profil: Möchten Sie in einer Gesellschaft wie auf Kuba leben?
Kahr: Ich bin österreichische Kommunistin. Ich habe nie etwas davon gehalten, Modelle von anderen Ländern zu übernehmen.