"Die mutigsten Hurensöhne der ganzen TV-Branche“

David Simon, Produzent und Autor der gefeierten Fernsehserien "The Wire“ und "Treme“, über mutige Chefs, seine Abneigung gegen das Fernsehen und seinen Traum von 160 Kanälen.

Interview: Sebastian Hofer

profil: Ihre Serie "The Wire“ gilt als eine der größten Leistungen der Fernsehgeschichte, vor allem wegen ihrer Darstellung einer realen urbanen Krise: Baltimore als korrupte, zynische, sterbende Stadt. Ist Fernsehen ein Fenster zur Welt?
Simon: Picasso meinte: "Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit zeigt.“ Vor "The Wire“ hat mir das nicht viel gesagt. Dann habe ich selbst diesen Trick angewandt. Die Grundregel von "The Wire“ war: Diese Dinge müssen genau so stattgefunden haben können. Ich habe die Feinheiten der Polizeiarbeit benutzt, um eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen. Aber das war nicht das Ziel der Geschichte.

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Sondern?
Simon: Das Ziel war, zu provozieren und einen politischen Kommentar zum Zustand der Gesellschaft abzugeben.

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Hier in Österreich behaupten Fernsehmacher gern, dass man das Publikum nicht überfordern darf. Wurde Ihnen das auch schon einmal erklärt?
Simon: Bei meinem Arbeitgeber, dem Pay-TV-Sender HBO, habe ich das noch nie gehört. Vielleicht sagen sie es dort nur ganz unter sich: Kann dieser Kerl nicht endlich mal eine Serie machen, die mehr Leute sehen wollen? Ich erwarte jeden Moment, dass meine TV-Karriere vorbei ist, und zwar seit zwölf Jahren. Sie sind wohl ganz zufrieden mit dem, was ich mache - obwohl "The Wire“ quotenmäßig ein mittlerer Flop war. Aber es trägt wohl zum Markenimage von HBO bei.

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Sie haben volle kreative Freiheit?
Simon: Ja, es ist alles mein Fehler. Wir bekommen so viel Freiheit, wie HBO nur geben kann - im vollen Bewusstsein, dass wir lauter nicht kommerzielle Entscheidungen treffen.

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Woran liegt das?
Simon: HBO ist ein Pay-TV-Sender, der als Abo-Paket verkauft wird. Das verändert alles. Solange Fernsehen auf Werbeeinnahmen basiert, kann es keine künstlerische Arbeit leisten. Dann muss es schlicht die Anzahl der Augäpfel maximieren. Wenn dir dann jemand sagt: Die Leute wollen mehr Omars (Omar Little, Figur aus "The Wire“, Anm.), dann gibt’s du ihnen mehr Omars. Du wirst deine eigene Geschichte betrügen, um dem Publikum zu schmeicheln. Ich fühle zum Glück keine Verpflichtung meinem Publikum gegenüber.

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Jetzt werden Sie kokett.
Simon: Nein, das war schon so, als ich noch Journalist war. Ich fühle eine Verpflichtung für meine Geschichte. Der Rest ist nicht mein Problem. Im Journalismus habe ich gelernt, wie man in der Entertainment-Industrie versagt. Wenn es da nicht diese seltsame Anomalie gäbe, die sich Pay-TV nennt. HBO will das Publikum, das meine Shows sieht, gar nicht maximieren. Es will bloß ein Publikum anlocken, das in meinen Shows etwas bekommt, was es sonst nirgendwo bekommt - zum Beispiel komplexe Geschichten. Und auf einmal darfst du erwachsen sein und erwachsene Geschichten erzählen - in einem grundsätzlich kindischen Medium.

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Dieses Medium verändert sich gerade grundlegend, technologisch und geschäftlich. Wird das einen Einfluss auf das Programm haben?
Simon: Es hat 35 Millionen Dollar gekostet, eine Staffel von "The Wire“ zu drehen und noch ein bisschen mehr bei "Treme“. Für amerikanische Fernsehverhältnisse ist das ziemlich wenig Geld. Aber es ist immer noch eine unglaubliche Menge, und dieses Geld muss irgendwo herkommen. Wenn es dem Fernsehen ergeht wie der Musikindustrie oder der Zeitungsbranche, haben wir ein Problem.

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Wie stehen die Chancen, dass Pay-TV überlebt?
Simon: Ich glaube nicht, dass Kabelfernsehen die Zukunft sein wird. Fernsehen ist schon jetzt nicht mehr an einen bestimmten Termin gebunden. Du musst nicht mehr jeden Sonntag um zehn Uhr abends vor deinem Bildschirm hocken, damit du nichts verpasst. Fernsehen ist zu einer Videothek geworden. Du schaust, wann du willst.

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Aber beruht Fernsehen als kulturelles Phänomen nicht gerade auf der gemeinsamen Erfahrung eines Millionenpublikums, das gleichzeitig vor dem Fernseher sitzt und am nächsten Tag in der Arbeit darüber spricht?
Simon: Gut, das Gespräch am Kaffeeautomaten geht verloren. Fernsehen wird zeitlich viel diffuser. Wir verkaufen heute übrigens mehr DVDs von "The Wire“ als zu der Zeit, als die Serie noch lief. Die Leute reden sehr wohl über "The Wire“, aber eben nicht alle gleichzeitig: "Hast du ‚The Wire‘ gesehen?“ - "Ja, vor drei Jahren. Was willst du wissen?“ Wir verlieren also ein kulturelles Phänomen, das aus Bürogesprächen über das Fernsehprogramm von gestern besteht. Das wird mir nicht fehlen. Aber ich war noch nie ein besonders großer TV-Fan. Fernsehen kam mir immer so vor, als würde es nur existieren, um mir etwas zu verkaufen. Alle zwölf Minuten bleibt die Geschichte stehen, um mir Bluejeans anzudrehen.

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Werden Sie als Kreativer mit den geschäftlichen Sorgen Ihrer Chefs konfrontiert?
Simon: Nein. Aber ich hoffe, dass HBO überlebt und noch mehr Geld verdient als jetzt - weil das meine Produktionen erhält. Wenn es ihnen schlechter geht, werden sie nicht als Erstes "True Blood“ absetzen. Als Erstes werden sie den Kunstscheiß absetzen. Ich hatte aber zum Glück noch nie die Art von Gespräch, in dem ich gefragt werde: "Kannst du bitte jemanden mit größeren Brüsten besetzen?“ Nicht ein einziges Mal. Die Leute bei HBO müssen die mutigsten Hurensöhne in der ganzen Fernsehbranche sein.

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Und Sie einer der glücklichsten.
Simon: Ich werde kein schlechtes Wort über meine Chefs verlieren. Ich hatte vor vier Jahen mal ein Gespräch mit Michael Lombardo (dem HBO-Programmdirektor, Anm.). Er gratulierte mir zu "The Wire“ und meinte, er habe keinen Zweifel, dass mein nächstes Projekt ein großer Hit sein werde. Es war als Kompliment gemeint. Ich sagte zu ihm: "Mike, ich verspreche dir, dass ich keinen Hit schreiben kann. Nicht, dass ich mich dagegen wehren würde. Aber es wird nicht passieren. Wenn du meinen Vertrag verlängerst, weil du denkst, dass das nächste, The Wire‘ nicht, The Wire‘ sein wird, sondern, The Sopranos‘, dann verlängere ihn nicht.“ Er lachte und meinte: "Wir verlängern den Vertrag trotzdem.“ Ich sagte Danke. Das sind die Bedingungen, unter denen ich arbeite.

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Wie wird Fernsehen in fünf, zehn Jahren aussehen?
Simon: Ich hoffe, dass das durchschnittliche Programmpaket dann mindestens 160 Sender umfassen wird.

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Warum das?
Simon: Weil ich hoffe, dass viele verschiedene Sender auch viele verschiedene Sichtweisen auf die Gesellschaft liefern können und nicht alle nur den Mainstream nachbeten. Mich interessiert der Mainstream nicht. Meine politische Einstellung tendiert nach links, und ich sehe, wie sehr das Zweiparteiensystem in den USA dem politischen System geschadet hat. Was ein Austausch von Ideen und Konzepten sein sollte, wird zur Frage, ob man nun zehn Grad nach links schwenkt oder doch lieber 30 Grad nach rechts. Das Land leidet darunter. Je mehr Wahrheiten eine Gesellschaft über sich selbst präsentiert bekommt, desto gesünder wird sie sein. Dafür kann Fernsehen gut sein.


David Simon, 51,

begann seine Karriere als Polizeireporter für die "Baltimore Sun“. 1991 erschien sein erstes Buch, "Homicide“, in dem er den Alltag der Mordkommission der Baltimore Police beschreibt. 1997 veröffentlichte er gemeinsam mit dem Ex-Polizisten Ed Burns "The Corner“ über eine Gruppe von Drogendealern in Baltimore. Beide Bücher wurden fürs Fernsehen adaptiert und bildeten auch die Grundlage für seine 2002 auf Sendung gegangene TV-Serie "The Wire“, die in fünf Staffeln bis 2008 lief und als eines der großen Meisterwerke der jüngeren Fernsehgeschichte gilt. Derzeit bereitet Simon die dritte Staffel seiner neuen Serie "Treme“ vor. Soeben ist die deutsche Erstausgabe von "Homicide“ erschienen.