Es ist Fasching

Am 11.11. um 11.11 Uhr hat eine Zeit begonnen, die im Tagesgeschehen fast unterzugehen droht.

Also, ganz viel früher, als die Krapfen laufen lernten, dachten wir Einfaltspinsel, der Fasching kommt, sobald die Weihnachtsfeiern vorüber sind. Ein wenig später, als uns das Fernsehen internationales Brauchtum zu Haus servierte, hielten wir den 11.11. für eine typisch deutsche Hurra-Infantilität, kongenial dem dort stämmigen Humor. Jetzt aber wissen wir, dass zehn Tage nach dem Totengedenken der Unernst des Lebens einzusetzen hat, nicht eher – wir können den Amerikanern keine Narrenkappen aufsetzen, gewählt haben sie zu Allerseelen. Allerdings fiel schon lange vor dem Fasching die Entscheidung, dass Bush, wie seine Berater verlauteten, „eine aggressive Außenpolitik“ machen werde und dass er, wie Bush selbst meinte, „eine amerikanische Außenpolitik“ machen werde – niemand erblickte darin einen nennenswerten Unterschied.

Immerhin ist wenige Stunden vor Faschingsbeginn Jassir Arafat gestorben, der Gott sei Dank nicht mehr erleben musste, wie eine Tierunion aus Aasgeiern und Hyänen sein Erbe zu fleddern noch zu seinen Lebzeiten willens war.

Weil manche Tiere nach menschlichem Dafürhalten eben ganz fies sind, sind alle immer noch Sache, und so war nicht verwunderlich, dass ein Kapitän, der Tiere als verbotene Fracht transportierte, Kälber und Pferde trotz des Protests der Passagiere elend im Meer ertrinken ließ. Es wird das letzte Achselzucken zu Kreaturen nicht gewesen sein, denn in diesem Jahr starben auf Transporten laut der Vereinigung „Animals’ Angels“ gut 50.000 Tiere, 130.000 wurden verletzt wegen „Säumigkeit“, „ungesetzlichen Bedingungen“ oder schlicht „Trunkenheit“ der Transporteure.

Faschingszeit ist auch Zeit der richtigen winterlichen Mode, und da scheinen heuer die echten Pelze wieder Saison zu haben; bloß müsste die Werbung um mehr Breitenwirkung bemüht sein: „Ihr Pelz – von glücklichen Nerzen“.

Unmenschlicher geht es in den fröhlichen Tagen, von zeitlos grässlichen Kriegsgebieten abgesehen, nur in den Niederlanden zu, in denen nun der tägliche Glaubenskrieg ausgebrochen ist. Die Holländer sollten ihn eigentlich den „Parallelkrieg“ nennen, weil sie die eine Million Moslems stets sonnig als „Parallelgesellschaft“ punziert und damit ein Ghetto-Bewusstsein heraufbeschworen haben.

In Belgien braucht es gar keine geharnischten Zuwanderer, um die Neue Rechte zu stärken. Da die rechtsextreme Partei „Vlaams Blok“ verboten wurde, hat sich die aufstrebende Truppe dazu entschlossen, „dem Vorbild der erfolgreichen Freiheitlichen Partei Österreichs“ nachzueifern und sich künftig „Flämische Freiheitspartei“ zu nennen. Andreas Mölzer, der verständlicherweise stolz darauf ist, „als Einziger der FPÖ aktuelle Beziehungen“ zu den Extremisten zu unterhalten, hält es „für keine Schande, wenn sich eine solche Partei an der FPÖ ein Vorbild nimmt“.

Jeder blickt gern zu jemand Erhabenen auf, und wozu haben wir Wolfgang Schüssel? Freilich ist er weder Partytiger noch Faschingsprinz – seine Gilde sitzt ja demokratisch gewählt im Kabinett –, er ist kein Mann der nonchalanten Bonmots, sondern einer der tiefsten Überzeugungen. Eine davon ist das Vereinte Europa, und das hat ihn jetzt ereilt: der arme Mann soll zusammentragen, was die Mitgliedsstaaten der EU zu einem Beitritt der Türkei so zu sagen haben. Dafür hat er mein Mitgefühl, denn angesichts der unzuverlässigen EU ist nicht abzusehen, ob er dafür endlich den europäischen Karlspreis (wie ein gewisser Vranz) erhält oder ob die Brüsseler sich nicht mit ihm nur einen Karl machen wollen.

Mit ihren Wählern hat das die Kärntner SPÖ schon geschafft; ihr jüngstes Zusammentreffen war wohl die durchaus freundliche Übernahme des Villacher Faschings, bald schon werden sie mit dem Bärenaufbinder im Takt „Leich, Leich“ singen.

Wie soll geistige Fastnacht noch hervorstechen, wenn sie nicht auf die Winterzeit beschränkt bleibt? Warum wünscht sich vor der närrischen Zeit Wiens oberster Freiheitlicher, Heinz-Christian Strache, einen „mitteleuropäischen Zentralflughafen“ für Ungarn, die Slowakei und Österreich – 75 Kilometer von Wien entfernt? Warum verlangt Alfred Gusenbauer schon im Fühherbst „Elite“(dreisilbig ausgesprochen)-„Universitäten“, die „bestgeschulteste“ Abgänger produzieren würden? Weshalb darf ein eifriger Polizeisprecher schon im Oktober von „Antiterror-Bekämpfung“ reden?
Zum Fasching gehört auch die Verkleidung, aber als was sollen unsere Obersten gehen? Ordentliche Räuber pochten auf ihre Berufsehre; Piraten würden sie an die höchste Rahe hängen; Wunderheiler würden sofort Medizin studieren, um Taxler werden zu können; Nachtfalter gingen mit den Hühnern schlafen. Aber Gegenpäpste, Hofdamen, Steigbügelhalter, Vorkoster und Engelmacherinnen wären hingegen reizvoll. Man gebe dem Fasching, der auf selige Unbeschwertheit grell geschminkten Winterzeit, sein Vorrecht auf den Fauxpas zurück. Das Unausdenkbare, das grotesk Lächerliche, das dreist Blöde muss sein.

Sonst bleibt ihm nichts mehr. Denn das Sprichwort: „Kinder und Narren sagen die Wahrheit“ ist ja teilweise obsolet geworden.