Ex-Kommunalkredit Chef Reinhard Platzer im Interview: "Ich putze mich nicht ab"

Reinhard Platzer, früherer Kommunalkredit-Chef, gewährte profil das erste Interview seit dem Beinahekollaps der Bank: was im Herbst 2008 wirklich geschah, wie er die umstrittene Geschäftspolitik rechtfertigt und warum die Verstaatlichung unvermeidlich war.

Interview: Michael Nikbakhsh

profil: Herr Platzer, Sie mussten den Vorstandsvorsitz in der Kommunalkredit Austria AG am 7. November des Vorjahrs räumen, wenig später wurde die Bank unter staatliche Kuratel gestellt. Sie waren fast drei Monate wie von der Bildfläche verschwunden. Keine öffentlichen Auftritte, keine Interviews, viele offene Fragen. Was war da los?
Platzer: Mir war es wichtig, die Suche nach einer zukunftsorientierten Lösung für die Kommunalkredit nicht zu stören und das neue Management in Ruhe arbeiten zu lassen. Aber auch ich habe einige Zeit gebraucht, die Dinge zu verarbeiten und wieder innere Ruhe zu finden.

profil: Wie haben Sie die vergangenen ­Wochen erlebt?
Platzer: Es war eine bittere Zeit. Ich habe in der Kommunalkredit zusammen mit einem großartigen Team die besten Tage meines Berufslebens gehabt, zuletzt aber auch die schwärzesten. Wichtig ist aber vor allem, dass es gelungen ist, eine tragfähige Lösung für die Bank zu finden.

profil: Die Hauptversammlung der Kommunalkredit hat Ihnen am 7. November das Vertrauen entzogen, Sie mussten Ihren Schreibtisch unmittelbar danach räumen. Wie haben Sie davon erfahren?
Platzer: Ich habe einen Anruf bekommen.

profil: Hatten Sie damit gerechnet?
Platzer: Zunächst einmal steht es jedem neuen Eigentümer frei, sich den Vorstand seines Vertrauens zu suchen. Das ist zu akzeptieren, und das tue ich auch. Die Verhandlungen mit dem Bund (bis zur Verstaatlichung hielten die Volksbanken 50,78 Prozent, die französische Dexia-Gruppe 49 Prozent; der Österreichische Gemeindebund ist weiterhin zu 0,22 Prozent beteiligt, Anm.) waren damals bereits weit gediehen. Aber die Art der Trennung war sehr befremdend.

profil: Ihr früherer Aufsichtsratschef Franz Pinkl hat jüngst in einem Interview mit diesem Magazin angedeutet, der Vorstand hätte entweder Risken kollektiv falsch eingeschätzt oder das Kontrollgremium möglicherweise zu spät und nicht umfassend über die wirtschaftliche Lage der Bank informiert.
Platzer: Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Bankenwelt von der Entwicklung überrollt wurde. Noch im Spätsommer hätte niemand geahnt, dass die Geld- und Kapitalmärkte im Oktober zusammenbrechen würden. Der Vorstand hat den Aufsichtsrat und die Eigentümer stets zeitnah und umfassend informiert. Und das nicht nur im Rahmen von Aufsichtsratssitzungen. Wir hatten ein dichtes Netz an Informationen, das weit über das Übliche hinausging. Es gab eine Vielzahl von Kontakten zwischen Konzernmutter und Kommunalkredit. So etwa ein regelmäßiges Konsolidierungspaket von der Kommunalkredit für die Monatsbilanz der Volksbanken AG, das alle bilanzrelevanten Daten beinhaltete. Die interne Revision hat ebenso laufend geprüft wie die Konzernrevision der Volksbank AG. Daneben habe ich regelmäßig an erweiterten Volksbank-Vorstandssitzungen teilgenommen, es gab auch jede Menge bilaterale Kontakte und Arbeitsgruppen zu zentralen Themen wie etwa die Liquidität. Diese wurde konzernweit gesteuert und auf täglicher Basis überwacht.

profil: Kann es sein, dass die Chemie zwischen Ihnen und Pinkl nicht mehr stimmte? Er hat Ihnen „Starallüren“ unterstellt.
Platzer: Wir hatten in diesen drei Jahren (die Volksbanken-Gruppe hat Investkredit und deren Kommunalkredit-Anteile Ende 2005 übernommen, Anm.) stets ein sehr korrektes Gesprächsverhältnis. Ich bin vor 19 Jahren als junger Mann in den Vorstand berufen worden, die Bank hatte damals sechs Mitarbeiter und einen Marktanteil in Österreich von 0,5 Prozent. Im Herbst 2008 waren es 1200 Mitarbeiter und Marktanteile im In- und Ausland zwischen zehn und 60 Prozent. Mein Team und ich hatten sehr gute Jahre in der Kommunalkredit, und das wurde auch allgemein anerkannt. Dass man mir jetzt Starallüren unterstellt, verstehe ich nicht.

profil: Sie mussten unter Verzicht aller Ansprüche gehen. Und das, nachdem Ihr Vertrag erst im September um weitere fünf Jahre verlängert worden war.
Platzer: Der Aufsichtsrat hat die Meinung vertreten, dass keinerlei Ansprüche meinerseits bestehen. Obwohl ich diese Sichtweise nicht akzeptiere, habe ich dagegen noch keine gerichtlichen Schritte unternommen

profil: Sie verzichten einfach so auf alles?
Platzer: Ich erwarte mir in erster Linie eine unmissverständliche Klarstellung, dass der Vorstand korrekt gehandelt hat. Das ist mir wirklich wichtig. Was die anderen Punkte betrifft, bin ich zuversichtlich, eine Lösung zu finden. Da gibt es von meiner Seite Konsensbereitschaft. Die Gier treibt mich sicher nicht.

profil: Der Aufsichtsrat prüft mittlerweile rechtliche Schritte.
Platzer: Soweit es mich betrifft, bin ich an einer einvernehmlichen Lösung interessiert, nicht an einer gerichtlichen Auseinandersetzung.

profil: In der öffentlichen Wahrnehmung hat Reinhard Platzer die Bank verzockt. Hat er das?
Platzer: Nein, das hat er nicht. Ich putze mich sicher nicht ab, aber wir haben es hier mit einer Krise zu tun, die so noch keiner erlebt hat. Bildlich gesprochen sind nicht, wie bei früheren Krisen, ein oder mehrere Nebenhäuser beschädigt worden. Es sind Haupt- und Nebengebäude eingestürzt, und das in einem atemberaubenden Tempo. Nach der Pleite von Lehman ­Brothers am 15. September ist zwischen den Banken schrittweise jedes Vertrauen verschwunden, die Geld- und Kapitalmärkte kollabierten. Das waren aber die ausschließlichen Refinanzierungsinstrumente der Kommunalkredit, da die Bank über keine Spareinlagen verfügt. Fast gleichzeitig kam es zu einem dramatischen Werteverfall. Das traf auch Investments in öffentlichen Titeln und Bankanleihen, die ausschließlich unter langfristigen Aspekten getätigt worden waren.

profil: Die Kommunalkredit hat unter Ihrer Führung innerhalb weniger Jahre ein voluminöses Anleihen-Portefeuille internationaler Schuldner angesammelt, das jetzt schwer auf der Bilanz lastet.
Platzer: Unser Geschäftsmodell zielte auf erstklassige Bonitäten ab, sowohl bei der Finanzierung der öffentlichen Hand als auch bei anderen Investments. Das heißt, dass etwa 80 Prozent der Risken mindestens ein Rating im Single-A-Bereich hatten, das entspricht in etwa dem Rating der besten österreichischen Universalbanken und damit einer statistischen Ausfallswahrscheinlichkeit von weniger als 0,2 Prozent.

profil: Die Krise hat gezeigt, dass Ratingagenturen teilweise gar nicht wussten, was sie tun. Es sieht so aus, als hätten sie vielfach nicht geratet, sondern bloß geraten.
Platzer: Es ist sicher so, dass die Arbeit der Ratingagenturen zu Recht kritisiert wird. Dennoch konnte niemand wissen, welche Dynamik nach der Pleite von Lehman Brothers entstehen würde. Zu diesem Zeitpunkt war nicht nur uns nicht bewusst, welche dramatischen Auswirkungen das auf die Mittelaufbringung und die Bewertung der Banktitel haben würde. Gravierend war das zunächst vor allem für die isländischen Bankanleihen, das waren ursprünglich Papiere mit bester Bonität.

profil: Wieso hat man nicht versucht gegenzusteuern?
Platzer: Zu diesem Zeitpunkt war das, bei allen Anstrengungen, nicht mehr möglich. Wir waren zunächst noch liquid, aber es war klar, dass wir bis November eine Lösung finden mussten. Es gab ursprünglich eine gemeinsame Liquiditätsplanung mit der Volksbanken-Gruppe, wobei vorgesehen war, dass diese ihr Limit gegenüber der Kommunalkredit erhöht. Mitte Oktober, wenige Tage vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung, wurde mir aber mitgeteilt, dass dieser Beschluss nicht zustande kommen würde. Gleich im Anschluss wurden die Gespräche mit der Republik Österreich aufgenommen.

profil: Die Verstaatlichung wäre zu vermeiden gewesen, hätte die Volksbank AG die benötigte Liquidität gewährt?
Platzer: Davon gehe ich aus. Offensichtlich war der Liquiditätsbedarf aber auch in der Volksbank so groß, dass das nicht möglich war.

profil: Wie stehen Sie zu dem Vorhalt, die Kommunalkredit unter Reinhard Platzer sei zu schnell zu groß geworden?
Platzer: Die Kommunalkredit ist in den vergangenen zehn Jahren jedes Jahr stark gewachsen. Das musste sie auch. Wir sind von den Eigentümern dazu gedrängt worden, hohe Ergebnisbeiträge zu liefern. Es gab den Druck, einen möglichst hohen Return auf das Eigenkapital zu erzielen. Daher haben wir in gut geratete Papiere investiert, die höheren Ertrag abgeliefert haben, als wir selbst an Refinanzierungskosten hatten. Dieses Geschäftsmodell war jedem bekannt.

profil: Nach vorsichtigen Schätzungen wird das neue Management für 2008 Vorsorgen und Abschreibungen in Höhe von einer Milliarde Euro in die Bilanz einstellen müssen, möglicherweise auch mehr.
Platzer: Es liegt in der Natur der Sache, dass ein neuer Vorstand hier möglichst konsequent vorgeht. Das ist auch vernünftig, da man solcherart Aufwertungsreserven für die Zukunft schafft. Gesetzt den Fall, eine Bank hat eine zehnjährige Anleihe eines osteuropäischen EU-Staats in den Büchern: Jetzt sind die Kurse im Keller, die Bewertung ist bei 70. Wenn man eine Milliarde Euro investiert hat, müsste man 300 Millionen wertberichtigen. So der Staat nicht pleitegeht, kann man sicher sein, dass die Anleihe zu 100 Prozent getilgt wird. Die besondere Schwierigkeit ist derzeit aber, dass es für viele Papiere gar keine Preise gibt, obwohl die Zinsen bedient werden. Wie soll man die jetzt bewerten? Soll man einen Bond, den derzeit niemand kaufen will, gleich mit null ansetzen? Das ist ein Problem, vor dem derzeit jede Bank steht.

profil: Soweit es die Kommunalkredit betrifft, hat jetzt der Steuerzahler das Problem.
Platzer: Es gibt weltweit etwa zwei Dutzend Banken, die sich auf die Finanzierung der öffentlichen Hand spezialisiert haben. Mittlerweile stehen sie alle direkt oder indirekt unter öffentlicher Kontrolle, weil das Geschäftsmodell nur funktionierte, solange man Mittel sehr günstig aufnehmen und diese mit niedrigen Aufschlägen investieren konnte. Die Kommunalkredit konnte bis Mitte 2008 praktisch unbeschränkt Geld zu günstigen Konditionen beschaffen. Am Schluss war es nicht einmal mehr möglich, kleinste Beträge zu erhalten, weil zwischen Banken nichts mehr gelaufen ist. Nur Staaten haben derzeit die Bonität, die Mittel nach wie vor günstig zu bekommen, daher macht die jetzige Eigentümerstruktur durchaus Sinn.

profil: Die Republik Österreich wird sich aber kaum den Luxus leisten können, die Kommunalkredit in alle Ewigkeit zu kontrollieren. Was soll mit der Bank geschehen?
Platzer: Ich halte es für durchaus realistisch, dass die Republik in vier bis fünf Jahren eine Veräußerung oder einen Börsengang realisiert. Dann wird man auch sagen können, ob sich das für den Steuerzahler gerechnet hat oder nicht. Die Bank sollte auf die Finanzierung der öffentlichen Hand und des Energiebereichs in Österreich, Osteuropa und westeuropäischen Qualitätsmärkten fokussiert bleiben. Der österreichische Markt allein würde das nicht tragen. Wichtig ist mit Sicherheit auch, dass ein Einlagengeschäft aufgebaut wird. Es ist eben keine Selbstverständlichkeit mehr, Geld am Kapitalmarkt zu bekommen. Das hat so noch keine Bankergeneration vorher erfahren müssen.

profil: Was wird eigentlich aus Ihnen? Machen Sie Pläne?
Platzer: Meine bisher wichtigste berufliche Station nach Lehrjahren in CA und Investkredit war der Aufbau und die Entwicklung der Kommunalkredit. Wohin mich mein weiterer Weg führen wird, kann ich jetzt noch nicht sagen.