<i><small>Cyberama von Thomas Vašek</small></i>
Die Entwertung aller Werte

Der Gegentrend zu Facebook heißt vernetzte Intimität.

Facebook geht an die Börse. Ich werde keine Aktien kaufen. Aus einem einfachen Grund: Ich glaube, dass Facebook nichts wert ist. Jedenfalls nicht im ökonomischen Sinn. Facebook hat zwar 900 Millionen Nutzer , doch dieser Zahl stehen nur relativ magere drei Milliarden Dollar Werbeumsatz gegenüber. Wären all die Facebook-Freundschaften, all die Myriaden von "Likes“ tatsächlich wertvoll, dann müssten die Werbekunden bereit sein, mehr dafür zu bezahlen. Tatsächlich kulminiert in Facebook aber ein gigantischer Entwertungsprozess: Das alte Web hat digitale Inhalte entwertet. Das neue, soziale Netz inflationiert menschliche Beziehungen. 900 Millionen Nutzer, das ist eine gewaltige Zahl. Aber es sind großteils oberflächliche, dünne Beziehungen zwischen Menschen, die eigentlich nichts verbindet außer die "Freundschaft“ auf Facebook. Zugleich fühlen sich viele genervt oder überfordert vom pausenlosen Geplapper wildfremder Leute, ganz zu schweigen von Cyber-Mobbing und Datenschutzproblemen. Die Nutzer wünschen sich offenbar nicht nur Vernetzung, sondern auch ein gewisses Maß Vertrauen und Intimität.

Private soziale Netzwerke wie "Path“ oder "Pair“ wollen genau diese kuschelige Atmosphäre bieten. Die Idee liegt darin, Menschen, die einander nahestehen, per Mobilgerät rund um die Uhr zu verbinden; im Fall von Pair beschränkt sich das "Netzwerk“ sogar auf ein einzelnes Paar. Path hat bereits drei Millionen Nutzer, und Pair wurde seit April 220.000-mal heruntergeladen. Ganz ohne Facebook geht es trotzdem nicht: Beide Plattformen bieten Zugang zum großen Bruder-Netzwerk. Auch sie müssen erst zeigen, dass man mit sozialen Beziehungen Geld verdienen kann. Dass wahre Freundschaften wirklich mehr wert sind als die auf Facebook - und dass sie weniger nerven.

thomas.vasek@profil.at