<i><small>Cyberama von Thomas Vašek</small></i>
Graph Search: Soziale ­Rasterfahndung

Wie Facebooks „Graph Search“ unsere­ ­sozialen Beziehungen verändern wird.

Welche verheirateten Männer mögen Dating-Seiten? Wer wohnt in Wien und interessiert sich für Psycho-Ratgeber, den Islam, Waffen oder Drogen? Facebooks „Graph Search“ ermöglicht eine Art soziale Rasterfahndung. Mit der neuen Funktion kann man das Netzwerk gezielt nach bestimmten Merkmalen, Interessen und Vorlieben durchsuchen. Der Algorithmus greift dabei auf alle öffentlichen Informationen eines Nutzers zu – also auf Statusupdates, Fotos, Likes oder geteilte Links. Was Google für das Web ist, könnte „Graph Search“ für Facebook werden. Kein Wunder, dass Facebook die Suchfunktion Journalisten als effektives Arbeitstool empfiehlt. „Graph Search“ wird den sozialen Netzraum womöglich neu definieren. Facebook wird natürlich versuchen, die neue Funktion kommerziell zu verwerten, etwa für Anzeigen. Dabei geht es nicht nur um Datenschutzfragen.

Facebook kann zu Recht damit argumentieren, dass „Graph Search“ nur Informationen verwendet, die der Nutzer irgendwann selbst von sich preisgegeben hat. Selber schuld, wer jeden Mist „liked“ oder verfängliche Links teilt. Aber so einfach ist die Sache nicht. Erstens macht es einen Unterschied, ob man „händisch“ nach Personen mit bestimmten Merkmalen suchen muss – oder ein leistungsfähiger Algorithmus diese Suche durchführt. Zweitens könnte „Graph Search“ unsere sozialen Beziehungen grundlegend verändern. Bisher musste man Menschen erst mal kennenlernen, um etwas über ihre Interessen und Vorlieben zu erfahren. Mit „Graph Search“ ist es genau umgekehrt: Man sucht erst Träger bestimmter Merkmale – und dann entscheidet man sich, ob man die Person kennenlernen will oder nicht. Das eliminiert die Kontingenz, also das Zufällige aus unseren Beziehungen. Eine Facebook-Freundschaft wird Ergebnis einer Berechnung. Oder übertreibe ich? Was meinen Sie? Bitte schreiben Sie mir unter thomas.vasek@profil.at .