Fall der Familie Turnauer: Die Beinahe-
Pleite der Constantia Privatbank

Die Beinahe-Pleite der Constantia Privatbank stellt die heile Welt des Turnauer-Clans auf den Kopf. Der verstorbene Partriarch Herbert Turnauer war genialer Unternehmer und gnadenloser Tyrann, bekennender Monarchist und Haider-Gönner. Seine Familie und den Konzern prägte er über den Tod hinaus.

Um einen Euro bekommt man eine Tafel Milchschokolade, einen Liter Vollmilch oder eine Salatgurke aus biologischem Anbau. In Autobahnraststätten und Kaffeehäusern bedankt sich die Klofrau eher verhalten für eine Spende in dieser Höhe, im Supermarkt gibt es dafür ­einen Einkaufswagen, allerdings nur leihweise.

Bei besonderen Anlässen kann ein Euro aber auch reichen, um eine ganze Bank zu kaufen. Am 17. Oktober wechselte die noble Wiener Privatbank Constantia um einen Euro den Besitzer und gehört nun einem Konsortium von fünf österreichischen Geldinstituten. Die Transaktion war Rettung in letzter Sekunde, der Constantia war buchstäblich das Geld ausgegangen.
Dass ausgerechnet die Constantia nun zum Schnäppchen wurde, ist ein böser Witz des Kapitalismus. In ihren besseren Zeiten pflegte die Bank nur Kunden mit mehr als 500.000 Euro Anlagevermögen zu betreuen. Darunter lohnte sich der Aufwand nicht. Über eine Stiftung in Liechtenstein stand das Institut unter dem Einfluss einer Frau, die an solche Dimensionen von Geburt an gewöhnt ist: Christine de Castelbajac, Tochter des vor fast neun Jahren verstorbenen Industriellen Herbert Turnauer und eine der reichsten Frauen Österreichs. Der Ein-Euro-Deal muss in so einem Umfeld besonders wehtun.

Gescheitert. Und es wird vielleicht noch schlimmer kommen. Im Sog der Bank könnte die 61-Jährige auch noch den größeren Rest ihres Vermögens verlieren. Herbert Turnauers Plan, seine beiden unternehmerisch wenig beschlagenen Kinder durch die Stiftungskonstruktion für immer abzusichern, wäre damit zumindest im Fall der Tochter gescheitert. Wie hart die Zeiten geworden sind, demonstrierte Stanislaus Turnauer, Enkel des verstorbenen Industriellen, am Montag der Vorwoche. Völlig überraschend hatte der Manager Journalisten zu einem Hintergrundgespräch eingeladen. Wichtigste Botschaft der knapp einstündigen Ver­anstaltung: Die Schieflage der ­Constantia Bank habe keine Auswirkungen auf den von ihm geführten Teil des Turnauer-Erbes. „Es gibt keinerlei geschäftliche, finanzielle, personelle oder gesellschaftsrechtliche Verflechtungen“, sagte Turnauer. Zu seiner Tante Christine habe er ein ganz normales familiäres Verhältnis, mehr nicht. Stanislaus Turnauer las den größten Teil seiner Ausführungen sichtlich angespannt vom Blatt. Zwei Tage später gewährte er profil dann sogar noch ein Interview – das erste seit Jahren. Turnauers Auftritt stellt eine grobe Zäsur dar. Kontakte mit Medienvertretern gelten in der Familie seit jeher als nicht notwendiges Übel. Stanislaus’ Vater Max und seine Tante Christine haben sich öffentlich überhaupt noch nie geäußert.

Herbert Turnauer selbst pflegte Journalisten, die über seine Person oder das Unternehmen berichteten, gewerbsmäßig mit Klagen einzudecken. Manche Verfahren hat er verloren, aber der gewünschte Effekt stellte sich trotzdem ein: Das Turnauer-Reich galt als journalistisches Minenfeld, das nur im Notfall betreten wurde. Der Archivbestand über einen der wichtigsten Industriellen der Zweiten Republik ist entsprechend dürftig. Das sonst so mitteilsame Internet-Lexikon Wikipedia etwa fasst die Biografie des Selfmade-Milliardärs auf nur vier Zeilen zusammen.

Doch nicht einmal Turnauer schaffte es, alle Spuren zu verwischen. Er hatte Geschäftspartner, Bewunderer, Feinde und Freunde, die ein sehr plastisches Bild von ihm zeichnen. Die Erzählungen dieser Weggefährten klingen ganz ähnlich – unterschiedlich sind nur die Schlussfolgerungen. „Wenn ich ihn dabei beobachtet habe, wie er Entscheidungen getroffen hat, bekam ich jedes Mal Mitleid mit diesen Managementtrainern“, erzählt Herbert Krejci, ehemaliger Generalsekretär der Industriellenvereinigung und langjähriger Vertrauter. „Herbert Turnauer brauchte nur wenige Kerndaten. Er konnte sich vollkommen auf seine kombinatorischen Fähigkeiten und auf seinen Instinkt verlassen.“ Ein ehemaliger Mitarbeiter beschreibt im Prinzip das gleiche Phänomen, sieht es aber weniger positiv: „Er war ein Tyrann, ein richtiger Feudalherr. Wer mit ihm auskommen wollte, musste sich vollkommen unterordnen und durfte keine eigene Meinung mehr haben.“

Herbert Turnauer starb im Jänner 2000 im Alter von 92 Jahren. Man könnte ihn als Vertreter einer untergegangenen Spezies von Patriarchen sehen, mit deren Prinzipien sich heute kein Unternehmen mehr führen ließe. Doch Turnauers Schatten liegt bis heute über der Familie und dem Konzern: Max und Christine, seine Kinder und Erben, vertrauen nach wie vor großteils auf jene Berater, die schon dem Papa zu Diensten waren. Um dem despotischen Elternhaus zu entkommen, flüchteten beide in unterschiedliche Parallelwelten: Christine in die Kunst und Fotografie, Max in die mittelalterlichen Rituale des „Malteser Ritterordens“. Karl Petrikovics, bis vor Kurzem Chef der Constantia Privatbank samt angeschlossenem Immobilienreich, wurde ebenfalls noch vom Senior mit umfassenden Befugnissen ausgestattet. Wohl auch deshalb hat Tochter Christine die Machtfülle des nun gestrauchelten Managers nie infrage gestellt.

Weil er seinen Sohn für unfähig hielt , hatte Turnauer schon zu Lebzeiten entschieden, dass dessen Sohn Stanislaus ­einmal das Unternehmen leiten solle. Das Erbe wurde zweigeteilt. Max (und Sohn Stanislaus) bekamen die Constantia Industries AG (zu der unter anderem der ­Plattenproduzent Funder gehört), Christine die Verpackungssparte Constantia ­Packaging und die Privatbank. Max war mit dieser Aufteilung nie zufrieden. Als Christine de Castelbajac vor einigen Jahren die Bank verkaufen wollte und ein ­Angebot über 400 Millionen Euro auf dem Tisch hatte, soll der Bruder einen Anteil von 100 Millionen gefordert haben. Christine sagte den Verkauf daraufhin trotzig wieder ab – aus heutiger Sicht ein schwerer Fehler.

Aufsteiger. Herbert Turnauers Geschichte ist die eines klassischen Aufsteigers. Als er 1946 nach Österreich kommt, ist er 39 Jahre alt und so gut wie bankrott. Die vom Vater geerbte Lackproduktion in Prag ist enteignet, er selbst des Landes verwiesen worden. Das alles, obwohl er wegen seiner teilweise jüdischen Herkunft bei den Nazis als wehrunfähig galt. Turnauers Hass auf die alte Heimat wird sich bis zu seinem Tod nicht legen. Nie mehr wieder setzt er einen Fuß auf tschechischen Boden. In Österreich gründet er die Lackfirma Stollack, die zur Basis seines Milliardenvermögens werden soll. Zwei bei ihm beschäftigte Chemiker erfinden den wasserlöslichen Lack, den Turnauer zum Patent anmeldet. Ende der sechziger Jahre verkauft er das Unternehmen teuer an den deutschen Hoechst-Konzern. „Turnauer hat sehr oft Menschen engagiert, die gerade in Schwierigkeiten steckten“, erzählt ein guter Bekannter. „Er tat das nicht nur aus Mitgefühl, sondern auch, weil er sich von diesen Leuten besondere Loyalität erwartete.“ So seien etwa die zwei erfinderischen Chemiker arbeitslos gewesen, weil sie für die Nazis gearbeitet hatten. Turnauer investiert vorwiegend in krisensichere Industriezweige. Er produziert Spanplatten, Folien und Verpackungen. Spätestens ab Ende der sechziger Jahre ist er ein schwerreicher Mann. Doch er spielt das normale Leben der Reichen im Land nicht mit. Herbert Turnauer ist kein Jetsetter und kein Bonvivant. Bekannte sehen „Moje“, wie er sich von Freunden nennen lässt, im zerschlissenen Lodenmantel und mit einem uralten, löchrigen Hut auf dem Kopf. Im Dach seiner Villa im 19. Wiener Gemeindebezirk klafft monatelang ein Leck, unter das er bei Regen einfach einen Kübel stellt. Erst als sich Otto von Habsburg zu einem Besuch ansagt, ruft der Hausherr die Dachdecker.

Der Industrielle war bekennender Monarchist , glaubte an das Gottesgnadentum der Habsburger und umgab sich gerne mit blauem Geblüt, weil, wie er sagte, „Emporkömmlinge aus primitiven Milieus“ meistens nicht die gleichen charakterlichen Voraussetzungen mitbrächten. Dass er selbst keine gekrönten Häupter im Stammbaum hatte, störte diese Theorie nicht.

Tochter, Sohn und Enkel haben seine Vorliebe übernommen: Alle drei sind oder waren mit Adeligen verheiratet. Christine de Castelbajac trägt noch den Namen ihres ersten Ehemanns, eines französischen ­Grafen, lebt aber mittlerweile mit Heinrich (Prinz) Reuss zusammen. Stanislaus Turnauer heiratete 2001 Mathilde Freiin von Rothenthal; unter den Gästen saß Otto von Habsburg, in diesem Umfeld salopp „der Kaiser“ genannt.
Seinen Mitarbeitern gegenüber agierte Turnauer selbst wie ein absoluter Herrscher. Der Chef galt zwar als sozial engagiert, half des Öfteren, wenn Not am Mann war, und empfing gelegentlich befreundete Gewerkschafter zum Tee. Aber Fürsorge wurde nur zu seinen Bedingungen gewährt. In Turnauers Reich galt ausschließlich Turnauers Wort. Die Sekretärinnen waren angehalten, dunkelblaue, nach Möglichkeit knöchellange Röcke zu tragen, Hosen waren tabu. Selbst jahrzehntelange treue Mitarbeiter konnten wegen Kleinigkeiten ihren Job verlieren. „Einmal hat ein Chauffeur auf der Autobahn einen kleinen Fahrfehler gemacht“, erzählt ein Intimus, „Turnauer ließ ihn anhalten und hat ihn mit sofortiger Wirkung gefeuert.“
Herbert Turnauer misstraute den Banken und wollte auf keinen Fall von Kreditgebern abhängig sein. Die Gründung der Constantia Privatbank 1986 war folglich nicht seine Idee, sondern die seines damaligen Managers Josef Taus. Unter dem Chef Christoph Kraus entwickelte sich das kleine Institut prächtig. Als der Immobilienbereich Anfang der neunziger Jahre wegen der Absage der Weltausstellung in Wien und Budapest Probleme bekam und möglicher Finanzbedarf im Raum stand, ging Kraus zu Turnauer, um ihn zu informieren und, falls gewünscht, seine Funktion zur Verfügung zu stellen. „Ihre Stelle ist sowieso jeden Tag in meiner Hand“, antwortete Turnauer. „Würde es ohne Sie besser laufen?“ Kraus verneinte, und damit war das Thema erledigt. 1998 musste der Banker dann gehen. Wirtschaftliche Gründe dafür gab es nicht. Turnauer hatte lediglich beschlossen, dass ab sofort Karl Petrikovics der neue starke Mann sein sollte. Kraus lässt über seinen ehemaligen Arbeitgeber trotzdem nichts kommen: „Er war ein genialer Unternehmer mit einer sehr guten Nase für das Geschäft. Und er konnte Menschen begeistern.“

Haider-Fan. Trotz seines Faibles für die Monarchie galt Turnauer als großer Fan von Jörg Haider. Der damalige FPÖ-Chef war mehrfach bei ihm eingeladen und durfte sich über großzügige Spenden für die Wahlkampfkasse freuen. Einmal sollen fünf Millionen Schilling in einem Plastiksackerl quer durch Wien transportiert worden sein. Seine Führungskräfte und Sekretärinnen habe Turnauer immer wieder nachdrücklich ermuntert, „jetzt endlich den Haider zu wählen“. Eine derart widersprüchliche Persönlichkeit wie Herbert Turnauer war schon als Chef eine Herausforderung. Wie schwer es für seine Kinder Max und Christine gewesen sein muss, kann man nur ahnen. „Mein Sohn ist ein Snob“, lästerte der Senior des Öfteren. Max hat in der Tat keine unternehmerische Ader. Dafür übersteigerte er die sonstigen Marotten des Papas. Der heute 77-Jährige könnte einem Roman von Joseph Roth entsprungen sein. Er lebt, als wäre die Monarchie niemals untergegangen. Max Turnauer wohnt in einem Schlösschen am niederösterreichischen Heldenberg, der letzten Ruhestätte von Feldmarschall Radetzky. Seit Jahrzehnten engagiert er sich im „Souveränen Malteser Ritterorden“, der fast ausschließlich von Adeligen am Leben erhalten wird und sich stolz auf seine Gründung während der katholischen Kreuzzüge beruft. Derzeit bekleidet Max Turnauer das Amt des Malteser Botschafters in Liechtenstein, davor war er für die Botschaft in Prag ­zuständig. Einen seiner wenigen öffentlichen Auftritte absolvierte er anlässlich des 95. Geburtstags von Otto von Habsburg. „Ohne Sie würde es Österreich gar nicht geben“, sagte er in einer Festansprache.

Für die unglückliche Kindheit rächte sich Max auf seine Weise. Kurz nach dem Tod des Vaters verkaufte er dessen Villa samt Grundstück an einen Bauträger, der das Haus umgehend abreißen ließ. Seine Schwester Christine galt zwar als Liebling des Vaters, hatte aber ebenfalls keine unternehmerischen Ambitionen. Sie heiratete mit Anfang 20, zog nach Kanada, bekam ihren Sohn August und fotografierte „sibirische Bauern“, wie ein Bekannter spöttelt. Nach dem Tod des Vaters versuchte sie, Versäumtes nachzuholen, und interessierte sich plötzlich für ihr Erbteil. Cas­telbajac sitzt in der Constantia Packaging AG im Aufsichtsrat, ihre Fachkenntnis ­reiche aber nicht aus, um wirklich im Unternehmen mitzumischen, wird erzählt. Christine de Castelbajac gilt als kunstsinnige Frau, die das Stadtpalais der Familie am Wiener Schillerplatz sehr geschmackvoll renovieren ließ. Sie lebt zurückgezogen, geht wenig aus und verzichtet wie der Vater auf protzige Insignien des Reichtums. Hanno Bästlein, Vorstandsvorsitzender der Constantia Packaging, beschreibt sie als „äußerst bescheidene, lebenskluge Dame mit einem großen Herzen“. Die Kalamitäten der Privatbank hätten überhaupt keine Auswirkungen auf die Constantia Packaging, beteuert Bästlein. „Es gibt keinerlei Haftungen oder wechselseitige Verbindlichkeiten.“

Gelitten hat auf jeden Fall der Name Turnauer. Aber noch ist die Schmach offenbar auszuhalten. „Ich trage meinen Namen noch immer mit Stolz“, sagt Stanislaus Turnauer. „Wenn es anders wäre, müsste ich den Namen meiner Frau annehmen. Aber das habe ich nicht vor.“

Von Rosemarie Schwaiger