Ferrero-Waldner im profil-Interview:
„Da steht die Frau als Dummerl da“

Benita Ferrero-Waldner über Feminismus, ihre Voraussetzungen für das Präsidentenamt und Jörg Haiders Sympathien.

profil: Frau Außenministerin, hat Jörg Haider nun eine Wahlempfehlung für Sie ausgesprochen oder nicht?
Ferrero: Es ist alles, was ich gesagt habe, sehr positiv aufgenommen worden. Ich habe natürlich sehr ausführlich auf die Fragen geantwortet. Ich denke, die Stimmung war gut.
profil: Würde es Ihnen helfen, wenn Jörg Haider sagt: Wählt bitte die Frau Dr. Ferrero-Waldner? Oder vergrault das eher potenzielle Wähler?
Ferrero: Er hat das nicht gesagt. Und ich habe immer gesagt: Ich möchte Stimmen von allen Österreicherinnen und Österreichern. Ich habe mich dem Hearing der Grünen gestellt wie dem Hearing der Freiheitlichen.
profil: Die Sanktionen sind zentraler Bestandteil Ihrer Kampagne. Gleich nach deren Verhängung hat Jörg Haider mit seinem Sager vom „Westentaschen-Napoleon“ Chirac sicher nicht zur Entspannung beigetragen. Wie haben Sie das damals gesehen?
Ferrero: Die Sanktionen sind vorher ausgerufen worden. Das war natürlich ein Aufreger, der auch Jörg Haider aufgeregt hat. Ich habe das nicht goutiert, aber hören wir auf mit den alten Geschichten. Leider sind die Sanktionen gegen Österreich ausgerufen worden, was hoffentlich nie wieder passieren wird.
profil: Der „Westentaschen-Napoleon“ scheint aber immer noch wie eine dunkle Wolke über den Beziehungen zwischen Frankreich und Österreich zu hängen.
Ferrero: Nein, die Beziehungen zu Frankreich sind ausgezeichnet.
profil: Sie streichen in Ihren Reden gern heraus, dass Sie in der Privatwirtschaft tätig waren. Warum soll der Job der Exportleiterin in einer Firma für Möbelstoffe die bessere Voraussetzung für das Amt sein als jener des Klubobmanns und Nationalratspräsidenten?
Ferrero: Ich will auf meinen Mitbewerber gar nicht eingehen. Aber ich sage, ich habe wirklich im Leben gestanden, ich war nicht immer nur Politiker.
profil: Wolfgang Schüssel war
immer nur Politiker.
Ferrero: Ich habe gesagt, ich bewerte meinen Mitbewerber nicht.
profil: Schüssel ist kein Mitbewerber.
Ferrero: Ich bewerte meine Arbeit. Ich glaube, dass es für die Menschen im Lande wichtig ist, zu wissen, da ist jemand, der im normalen Wirtschaftsleben gestanden ist, und zwar 13 Jahre lang.
profil: Gibt es einen Bundespräsidenten, den Sie als Vorbild sehen?
Ferrero: Rudolf Kirchschläger kann man ein bisschen als Modell nehmen: Er war erst Richter, dann Diplomat, dann Außenminister. Und dann ist er Bundespräsident geworden. Das ist kein schlechter Weg.
profil: Diplomat war Klestil auch.
Ferrero: Klestil war ausschließlich Diplomat.
profil: Gibt es einen Bundespräsidenten, von dem Sie sagen würden: Der hätte eigentlich seine Rechte mehr nützen sollen, der hat zu wenig daraus gemacht?
Ferrero: Man soll weggehen von der Geschichte und in die Zukunft schauen. Ich schaue total in die Zukunft. Wir sind im 21. Jahrhundert. Dieses Amt muss entsprechend der Verfassung neu interpretiert werden.
profil: Aus der Geschichte kann man ja auch lernen. Zum Beispiel aus dem Jahr 1933, als Bundespräsident Miklas es in der Hand gehabt hätte zu retten, was noch zu retten war.
Ferrero: Im Nachhinein ist jeder klüger. Sich jetzt hinzustellen und zu sagen, wie man da hätte handeln sollen, das ist zu einfach.
profil: Würden Sie als Bundespräsidentin weiterhin den Vorsitzenden der stimmenstärksten Partei mit der Regierungsbildung beauftragen?
Ferrero: Das halte ich für eine gute Verfassungspraxis. Dabei würde ich bleiben.
profil: Zu einer zentralen außenpolitischen Frage: Was halten Sie von einem Beitritt der Türkei zur EU?
Ferrero: Das ist Thema des Fortschrittsberichts der Europäischen Kommission im Herbst, dann muss es eine Diskussion dazu geben. Jedenfalls müssen die politischen und wirtschaftlichen Kriterien erfüllt sein.
profil: Der deutsche Außenminister Joschka Fischer ist im Prinzip dafür. Ursula Stenzel, Fraktionsvorsitzende der ÖVP im Europaparlament, hat gesagt, sie sei dagegen. Neigen Sie persönlich der einen oder anderen Seite zu?
Ferrero: Bevor man den Fortschrittsbericht gesehen hat, kann man dazu nichts sagen. Und man muss ganz genau errechnen, was ein Beitritt der Türkei kosten würde.
profil: Apropos Kosten: Sie haben sich im Jänner in einem Interview deutlich gegen eine EU-Kopfsteuer ausgesprochen. Zwei Wochen später hat der Bundeskanzler so etwas ganz gescheit gefunden, dann waren Sie plötzlich auch dafür. Sehe ich das falsch?
Ferrero: Ich habe generell gesagt, eine Kopfsteuer sei keine gute Idee. Ich habe aber auf jeden Fall gesagt, dass die Europäische Kommission – weil an der liegt es ja – jetzt einmal einen Vorschlag machen muss, welche Einnahmequellen möglich sind.
profil: Sie haben im April 2003 vorgeschlagen, österreichische Polizisten in den Irak zu entsenden. Sind Sie jetzt froh, dass der Innenminister das abgelehnt hat?
Ferrero: Das habe ich nicht vorgeschlagen. Ich habe gesagt: Das ist im Gespräch angesprochen worden. Und ich habe dazu gesagt, dass das selbstverständlich mit dem Innenminister und der Regierung abgesprochen werden muss. Drehen Sie mir nicht das Wort im Mund um.
profil: Im Wahlkampf streichen Sie gern heraus, dass Sie eine Frau sind. Hat eigentlich der Feminismus in den siebziger Jahren für Sie eine Rolle gespielt?
Ferrero: Ich war ab dem Jahre 1971 berufstätig, daher hat für mich die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie immer eine Rolle gespielt.
profil: Dem Feminismus ist es ja um viel mehr gegangen.
Ferrero: Schon, aber für mich als junge Exportleiterin ist es darum gegangen, als Frau überhaupt in eine Männerdomäne einzudringen. Ich hatte eine Position im Mittelmanagement, die ganz wenige Frauen hatten.
profil: Das beherrschende Thema der Frauenbewegung war damals der Paragraf 144. Was war Ihre Meinung zum Schwangerschaftsabbruch?
Ferrero: Ich finde, dass die Fristenregelung eine gute Regelung ist.
profil: Waren Ihnen Leitfiguren der Frauenbewegung wie Alice Schwarzer und Johanna Dohnal vertraut?
Ferrero: Natürlich waren sie mir vertraut.
profil: Sie könnten Ihnen auch unheimlich gewesen sein.
Ferrero: Sie waren mir nicht unheimlich. Ich habe immer gewusst, dass Johanna Dohnal eine Vorkämpferin für die Frauen ist. Ich bin ein bisschen traurig, weil sie jetzt Parteipolitik macht. Wenn man sagt, Frauenpolitik geht über alles, dann müsste man konsequenter sein, meine ich.
profil: Johanna Dohnal sollte sagen: Wählt Benita Ferrero-Waldner und nicht Heinz Fischer?
Ferrero: Warum nicht? Natürlich.
profil: Sie sagen bei Ihren Reden, der Satz „Frau sein allein genügt nicht“ sei „unglaublich sexistisch“. Was ist daran sexistisch?
Ferrero: Da steht die Frau als Dummerl da. Es ist selbstverständlich so, dass eine Frau mit viel Erfahrung und Kompetenz für dieses Amt antritt.
profil: Gefällt Ihnen, dass Ihr Wahlkampfhelfer Kurt Bergmann Gertraud Knoll, Freda Meissner-Blau und Heide Schmidt „frustrierte Frauen“ nannte?
Ferrero: Jeder ist für das verantwortlich, was er sagt. Es ist unglaubwürdig, was die drei Damen machen. Einmal haben sie gesagt: Wählt eine Frau! Jetzt ist eine Frau da, hat eine Chance, gewählt zu werden, und sie schlagen einen Mann vor.
profil: Sie vertreten die Meinung, Sie hätten zu wenig für die Frauen getan.
Ferrero: Für mich ist das ein Vorwand. Einem Mann würden Sie auch nicht sagen, er müsse zusätzlich zu seinem Ressort noch was anderes tun.
profil: Zum Frauenfördern reicht Ihre Zeit nicht?
Ferrero: Ich habe in meinem Ministerium sehr viele Frauen gefördert.
profil: Alle Sektionschefs sind Männer.
Ferrero: Weil ich eine Sektionschefin, Eva Nowotny, dorthin geschickt habe, wo sie hinwollte: als Botschafterin nach Washington.
profil: War es im Wahlkampf ein Nachteil, dass Sie eine Frau sind?
Ferrero: Man wird diskriminiert, auch von den Medien.
profil: Wie zeigt sich das?
Ferrero: Durch Untergriffe in jeder Richtung. Es wird bekrittelt, was bei einem Mann überhaupt kein Thema wäre.
profil: Kleidung?
Ferrero: Alles, natürlich.
profil: Wir haben über die Sakkos, Frisuren und Zahnregulierungen Jörg Haiders auch schon geschrieben.
Ferrero: Ich war immer korrekt gekleidet. Das ist absolut lächerlich.
profil: Ärgert es Sie so, wenn man über Ihre Kostüme schreibt?
Ferrero: Es ärgert mich schon lange nicht mehr.
profil: Wenn Sie am Sonntag nicht gewinnen: Bleiben Sie dann in der Politik?
Ferrero: Auf diese Frage habe ich immer geantwortet, was ich auch Ihnen antworte: Ich werde diese Wahl gewinnen.
profil: Schlimmstenfalls erfahren wir es am Wahlabend.
Ferrero: Ich sage es noch einmal: Ich werde diese Wahl gewinnen.