Fesche Onkel

Von Anzüglichkeiten, Vertrauensbrüchen und gewaltsamem „Schutz“.

Verblüffend am so genannten Inzestfall von Amstetten ist auch die Beobachtung, dass sich das Hauptaugenmerk so vieler Kommentatoren auf den Geschlechtsverkehr des Vaters mit der Tochter gerichtet hat. Ganz oft ging es in den diversen Wortmeldungen und Betrachtungen um seinen so genannten Trieb und wie er ihn auslebte, häufig unter der selbstverständlichen Voraussetzung, dass junges Fleisch für Männer eben eine Versuchung darstellt, der aber nicht immer nachgegeben werden dürfe. Natürlich nahm niemand den Täter in Schutz, natürlich sind alle schockiert, auch der Machtmissbrauch blieb nicht unerwähnt, aber trotzdem: Man gewinnt den Eindruck, es sei irgendwie unumgänglich, dass Familienväter ihre Töchter als sexuelle Option empfinden, die im Normalfall allerdings nicht wahrgenommen wird. Und das ist bereits faul. Denn schon mit dieser Betrachtungsweise ist das Vertrauen, das Töchter in ihre Väter setzen können sollten, gesellschaftlich infrage gestellt. Besser, ihr verlasst euch nicht, Mädchen, Männer sind so, und selbst wenn sie euch nichts tun, müsst ihr euch im Klaren sein, dass sie euch mit Verlangen betrachten. Allen Mädchen ist dieses Phänomen bekannt: Kaum sind sie der Kindheit entwachsen, ändert sich das Verhalten mancher Männer in ihrer Umgebung. Onkel, Freunde der Familie, die sie seit ihren Babytagen kennen, machen plötzlich anzügliche Bemerkungen, über ihre weiblicher werdende Figur, darüber, wie hübsch sie sind und dass sie sicher vielen Männern den Kopf verdrehen. Augenzwinkernd fragen sie: Hast du einen Freund? und: Was willst du denn mit so einem jungen Hupfer, die können ja nichts, halt dich lieber an die erfahrenen Männer! Dazu lachen sie, denn selbstverständlich scherzen sie nur, aber dabei bleibt kein Zweifel, dass sie sich für erfahrene Männer halten, an die junge Mädchen sich halten sollten.

Das alles ist weit entfernt davon, ungesetzlich zu sein. Schließlich reden sie ja mit geschlechtsreifen jungen Frauen, die aufgeklärt sind und unternehmungslustig, auch in erotischer Hinsicht. Und trotzdem ist es grenzwertig. Warum? Wollen denn Pubertierende nicht begehrt werden? Oh ja. Von Gleichaltrigen, von Fremden, von Außenstehenden. Aber vom guten Onkel, auf dessen Knien sie ­gesessen sind, den sie ihrerseits – meistens – nicht als Mann mit erotischen Wünschen, geschweige denn als möglichen Sexualpartner betrachten oder betrachten mögen und von dem sie sich ein Wohlwollen erwarten, das nichts mit ihrer eventuellen sexuellen Verfügbarkeit zu tun hat, von dem auch? Nein. Ich weiß aus eigener Erfahrung und von vielen anderen Frauen, dass es eine massive Belästigung darstellt, wenn alte Säcke (die man aber, aus verschiedenen Gründen, fern von allen sexuellen Konnotationen, gemocht hat) sich plötzlich als alte Böcke gerieren. Und je nach Situation kann diese Belästigung zur Bedrohung werden, schon deswegen, weil es nicht leicht ist, mit dem veränderten Bild eines vermeintlich vertrauten Menschen umzugehen, der auf einmal nicht mehr harmlos sein, sondern zumindest verbal und gedanklich in die eigene Intimsphäre vordringen will. Das ist umso beunruhigender, als die unterschwellige Geilheit, die alte Zausel im Umgang mit jungen Mädchen aus der Verwandtschaft oder aus dem Freundeskreis an den Tag legen, gesellschaftlich nicht sanktioniert wird. Geh bitte. Lass ihn reden. Ist doch nichts dabei.

Umgekehrt wäre man weniger nachsichtig. Eine erwachsene Frau, die die Söhne ihrer Verwandten oder Freun­dInnen ansteigen wollte, kaum dass die einen Bartflaum kriegen, müsste damit rechnen, dass man sie mit nassen Fetzen aus dem Haus jagt. Zu Recht. Allerdings sollte die gleiche Strafe auch den Onkeln drohen, die ihre Zungen oder gar ihre tätschelnden Hände nicht im Zaum halten können. Und was ist mit den Fällen, in denen der fesche Onkel auch umgekehrt als Sexualobjekt in Betracht gezogen wird? Ich weiß es nicht. Kann schon sein, dass die zwei, das Kind und das herangewachsene Mäd­chen, für den Mann zwei unterschiedliche Personen sind und dass die kindliche Schwärmerei des Mädchens für den Mann sozusagen nahtlos im sexuellen Begehren der Erwachsenen aufgeht – aber wohl ist mir nicht dabei. Denn ich frage mich, wie oft und wobei die Bilder im Kopf, jene vom Kind und die von der erwachsenen Frau beziehungsweise jene aus der Kinderperspektive und die aus der Perspektive einer erwachsenen Frau, wohl durcheinandergeraten und ob die einen die ­an­deren nicht irritieren. Was Peter Westenthalers Forderung nach vierteljährlichen Untersuchungen von Kleinkindern auf sexuelle Miss­handlung betrifft, so ist sie ihrerseits eine Forderung nach Gewaltausübung. Kinder sind keine Objekte, sondern – siehe oben – Menschen mit einer Intimsphäre, auf deren Verletzung sie empfindlich reagieren. Genitale Zwangsuntersuchungen an Kindern als Schutzmaßnahme misszuverstehen ist leider typisch für ein auto­ritäres Weltbild, dem zufolge hierarchisch Untergebene in Besitz genommen werden dürfen. Schutz heißt dann: Verfügungsgewalt über den kindlichen (oder den weiblichen) Körper, der von Bevollmächtigten verwaltet und auf Manipulation durch Unbefugte geprüft werden darf. Erschre­ckend, dass die Ungeheuerlichkeit solcher Ideen nur par­tiell ins öffentliche Bewusstsein gedrungen scheint.