Film: Diagonaldenkerin

Das kulturpolitisch umkämpfte Filmfestival Diagonale hat eine neue, kompetente Intendantin. Wofür sie steht, macht allerdings nicht alle froh.

Da ist es wieder, das schreckliche Wort, sagt sie und lächelt kurz. Birgit Flos, die designierte Leiterin der Diagonale, des Austrofilmfestivals in Graz, hält den Begriff „diskursiv“ mittlerweile für so inflationär ins Treffen geführt, dass sie ihn nun, so gelobt sie, eine Weile nicht mehr verwenden will. Dabei beschreibt das Wort ziemlich genau, worum es ihr in der Konzeption des Festivals de facto gehen wird.

Die vor wenigen Tagen von Beirat und Generalversammlung der Diagonale für drei Jahre bestellte Intendantin, die gemeinsam mit ihren Geschäftsführern Robert Buchschwenter und Georg Tillner (Ersterer überwacht den Bereich Produktion, Letzterer die Finanzen) ab sofort für das Festival zuständig ist, sieht ihre zentrale Aufgabe im „Arbeiten mit dem Programm“. Flos plant, vor allem die Debatten um das österreichische Kino zu intensivieren – mehr Diskussion, mehr Kommunikation, in jedem Sinn: mehr Text zum Film.

Im März 2005 werden Birgit Flos und ihr Team die Diagonale erstmals ausrichten; nach dem desaströsen Jahr, das – mit einem von Kunststaatssekretär Franz Morak 2003 lancierten und gescheiterten Intendantenduo und einer selbst verwalteten, radikal unterbudgetierten Diagonale 2004 – hinter dem Festival liegt, sind nun alle Anstrengungen der Festivalleitung auf schnelle Konsolidierung ausgerichtet. Ob dies allerdings mit der Entscheidung, Flos mit der Diagonale-Intendanz zu betrauen, gelingen wird, scheint fraglich. Eine Konsenskandidatin ist Flos jedenfalls nicht.

Vermittlerin. 1944 in Weimar geboren, ist Flos nach eigenen Angaben als „Filmvermittlerin“ tätig: Sie arbeitet als Kuratorin an der Schnittstelle von Kunst und Kino, als Journalistin und Buchautorin, und sie lehrt an der Wiener Filmakademie. Filmtheorie, Literaturwissenschaft und bildende Kunst sind die Basisstationen ihrer Arbeit: Damit wird sie, das ist absehbar, in der heimischen Filmbranche nicht alle glücklich machen. Vor allem jene, die in der Diagonale bloß eine Abspielfläche für ihre Produkte sehen, könnten den Ideen der neuen Intendantin mit Widerstand begegnen.

Das Festival im Sinne aller einfach nur abzuwickeln interessiert Flos nicht. „Als Marionette“, meint sie im Gespräch mit profil, „bin ich völlig ungeeignet.“ Die „Politik zwischen den Filmverbänden“ kenne sie nicht gut genug, auch daher empfinde sie sich (wie auch ihr Team) als „echt unabhängig“, als „eben nicht verpackelt mit alten Strukturen“. Filmpolitischer Druck sei auf sie bislang nicht ausgeübt worden, aber sie spürt doch „eine gewisse Sorge, dass ich bloß ‚die Intellektuelle‘ bin, die das alles zu sehr durchdenkt; das ist manchen Leuten hier, die meinen, man müsse doch um Gottes willen alles zeigen, was so produziert werde, eben ein bisschen unheimlich.“

An Pädagogik liegt Flos wenig („Ich hoffe, dass ich nichts Oberlehrerinnenhaftes an mir habe“), sie bietet lieber streng „Subjektives“ an, das dem Zuschauer seine Wahlfreiheit lässt. Ihr Konzept zur Wiederaufnahme der Diagonale 2005 knüpft in vielem direkt an die Ideen der langjährigen Festivalintendanten Christine Dollhofer und Constantin Wulff an: Selbstverständlich aber werde es „Veränderungen und Intensivierungen“ geben, etwa „größere Programmklammern“ und durchaus „große Themen“ sowie eine über Österreich weit hinausreichende Diagonale-Tournee. Eine noch nicht endgültig besetzte fünfköpfige Programmkommission (in der neben Flos und Buchschwenter auch die auf Antirassismus spezialisierte Sozialaktivistin Araba Johnston-Arthur sitzen wird) soll die Filmauswahl treffen. Die Branche ist, in jedem Sinn, gespannt.