<small><i>Filmtipp der Woche</small></i>
The Brussels Business

Die Frage, wer hinter den Kulissen der Brüsseler EU-Institutionen die Fäden zieht, ist reizvoll. Der neue Dok-Film entlarvt die in Brüssel ansässigen Lobbyisten als die wahren Machthaber: Diese beeinflussen diskret EU-Gesetze und geben die Prioritäten vor, ohne jede demokratische Kontrolle.

Diese Grundthese der beiden Regisseure kommt aber fast ohne konkrete Beispiele für das angeblich so verwerfliche Treiben der Lobbyisten aus. Denn der „European Round Table“ (ERT), der Zusammenschluss europäischer Industriekonzerne, ist kein finsterer Verschwörungszirkel. Dass sich europäische Industrielle in den Achtziger Jahren zusammenschlossen, um die damalige EG aus der „Eurosklerose“ zu führen, u.a. mit dem Binnenmarkt-Projekt oder transeuropäischen Verkehrs- und Kommunikationsnetzen, um den Rückstand zu den USA und Japan aufzuholen, ist sicher nicht verwerflich.

Dennoch gibt der Film einen interessanten Einblick in die Brüsseler Kulissen. Der Chef-Lobbyist der europäischen Dienstleistungsbranche gibt bereitwillig Auskunft über seine Überzeugungsarbeit. Und die Aktivisten einer belgischen NGO für mehr Transparenz und Demokratie in Europa sind geradezu rührend naiv. Sie haben damals das Brüsseler Büro der Industriellen-Lobby besetzt. Und was tat der Generalsekretär? Er holte nicht die Polizei, sondern ging mit seinen Mitarbeitern zu einem Lunch-Termin. Die Aktivisten kopierten inzwischen seelenruhig die Akten des ERT: So surreal kann es in den Brüsseler Schaltstellen zugehen.

O. L.

„The Brussels Business“: Dokumentarfilm von Friedrich Moser und Matthieu Lietaert (Österreich-Belgien, 2012)