„Fotos können wie Waffen wirken“

Die französische Fotografin Bettina Rheims über den inspirierenden Stil alter Pornofotos, die zunehmende Mühseligkeit bei der Arbeit mit großen Stars und ein eiliges Fotoshooting mit Jacques Chirac.

profil:: Weinende Frauen, hingebungsvolle Frauen, in pornografischen Posen erstarrte Frauen. In Ihren Fotoarbeiten sind kaum Männer zu sehen. Warum?
Rheims: Weil mein Privatleben ohnehin so sehr von Männern dominiert wird, dass ich sie nicht auch noch auf meinen Bildern ertragen müssen möchte. Zweitens: Sie sind nicht hübsch. Und der größte Nachteil: Sie sind nicht bereit, das Spiel zu spielen.
profil:: Welche Art von Spiel ist das?
Rheims: Es ist sehr schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, von einem heterosexuellen Mann zu verlangen, dass er sich eine Perücke aufsetzt und künstliche Wimpern aufkleben lässt. Und selbst wenn ein Mann den Willen dazu verspürte, würde er es nie zugeben. Nichts als Blockaden also. Und ich selbst bin natürlich auch blockiert, wenn ich Männer fotografiere.
profil:: Weil das Machtgefälle zum Thema wird?
Rheims: Nein, weil ich, verdammt nochmal, eine Frau bin! Wenn ich Frauen fotografiere, bin ich Fotografin. Wenn ich Männer vor der Kamera habe, bin ich auch damit beschäftigt, wie ich selber aussehe, und oft zu eitel, eine Brille aufzusetzen. Wenn mir dann auch noch ein Mann sympathisch ist, würde ich lieber mit ihm abendessen gehen, als ihn zu fotografieren. Ein Drama!
profil:: Wen haben Sie zuletzt fotografiert?
Rheims: Gestern Nacht habe ich mehrere Stunden mit Vanessa Paradis verbracht. Es war genauso magisch wie vor 15 Jahren, als ich sie erstmals vor der Kamera hatte. Manche Frauen besitzen eine unglaubliche Intelligenz für das, was die Kamera von ihnen will. Manchmal wissen diese Frauen schon lange vor mir, was ich von ihnen will.
profil:: Wer zählt zu Ihrer Kamera-Intelligenzija?
Rheims: Madonna, Sharon Stone, Claudia Schiffer – das sind Frauen, mit denen ich es geschafft habe, eine außergewöhnliche Aura der Intimität zu erreichen. Diese Frauen haben begriffen, dass die Magie auf einer Wechselwirkung beruht: Sie geben, ich nehme. Und dann ist es auch wieder umgekehrt.
profil:: Wie gehen Sie mit einer Situation um, in der es nicht zu dieser magischen Chemie kommt?
Rheims: Schlecht. Das kann bis zum Abbruch führen. Es passierte zum Beispiel mit einem Star des französischen Chansons. Die Frau war die Ikone meiner Jugend, ich hatte alle ihre Platten. Aber es passierte nichts zwischen uns, und ich musste das Shooting abbrechen, was die Frau furchtbar in Rage brachte.
profil:: In jüngster Zeit finden sich in Ihrer Arbeit immer weniger Repräsentanten aus der Glamourwelt. Warum?
Rheims: Weil es immer mühsamer wird, mit Stars zu arbeiten. Sie sind von einer Armada von Agenten, ihrer Familie, ihren Friseuren und Psychotherapeuten umgeben, die ihnen alle irgendetwas einflüstern. Es ist so ermüdend, diesen Schutzwall zu durchbrechen – all diese Verhandlungen, Diskussionen, Telefonate: entsetzlich!
profil:: Sind Sie des Glamours, der Ihre Fotografie bis Mitte der neunziger Jahre prägte, generell überdrüssig?
Rheims: Nein, gar nicht. Ich brauche diese Welt immer wieder, weil sie mich füttert und mich mit neuen Ideen versorgt. Für ein Projekt wie „INRI“, meine Inszenierung der Passionsgeschichte Christi, zog ich mich zwei Jahre lang zurück. Danach war ich wieder wie ausgehungert nach Modefotografie.
profil:: Hatten Sie mit den heftigen Reaktionen auf „INRI“ gerechnet? Blasphemie war noch einer der harmloseren Vorwürfe.
Rheims: Blanken Hass hat das Projekt nur in Frankreich hervorgerufen. Dem Rest der Welt hat es möglicherweise nicht gefallen, aber es wurde akzeptiert.
profil:: Wer hasste Sie am meisten: konservative katholische Gruppierungen?
Rheims: Der Hass kam vor allem aus den rechtsextremen Kreisen um Jean-Marie Le Pen. Ich musste damals meinen Sohn aus der Schule nehmen und unter Personenschutz stellen. Die „INRI“-Bücher wurden verbrannt, Scheiben von den Buchläden, in denen sie zu kaufen waren, wurden eingeschlagen. Es erfüllte mich jedoch mit großem Stolz, von solchen Leuten dermaßen gehasst zu werden.
profil:: Helmut Newton hat Jean-Marie Le Pen fotografiert. Hätten Sie das auch getan?
Rheims: Natürlich. Newtons Bild ist großartig. Es hat Le Pen mehr geschadet als jeder kritische Zeitungsartikel. Ich hasse George W. Bush, aber ich würde ihn gern fotografieren. Fotos können wie Waffen wirken.
profil:: Sie wurden auch für das offizielle Foto von Jacques Chirac beauftragt.
Rheims: Das war eine große Ehre, die Fotografen normalerweise erst mit 85 Jahren zuteil wird. Ich kenne Chirac schon sehr lange, und wir sind befreundet. Als er gewählt wurde und es zu dem Termin kam, sagte er nur: „Wie lange werden wir brauchen?“ Diese Frage stellen fast alle Männer. Wir brauchten schließlich zwanzig Minuten.
profil:: Sehr oft zeigen Sie weinende Frauen, egal, ob es sich um Stars, Prostituierte oder Hausfrauen handelt.
Rheims: Tränen haben nicht nur mit Traurigkeit zu tun, sondern auch mit Freude – geistiger, aber auch physischer Natur. Wenn ich Frauen nackt oder eben weinend zeige, dann nur deswegen, weil ich ihre Emotionen offen legen möchte. Ich möchte ihre Seelen in all ihrer Verletzlichkeit erfassbar machen – ganz im Gegensatz zu jener Nacktheit, die wir heute in allen Magazinen finden und die nur mit der Zurschaustellung von Haut zu tun hat. Ich liebe Sex, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass die Leute so viel über Sex reden, dass ihnen gar keine Zeit mehr bleibt, ihn zu vollziehen.
profil:: Gleichzeitig parodieren Sie das pornografische Genre in Zyklen wie „Chambre Close“.
Rheims: Ich liebe den Stil alter Pornofotos. Diese nackten Hausfrauen, die mit einer monströsen Masche am Kopf in ihrer Pfanne schnell was brutzeln, finde ich sehr erheiternd und inspirierend.
profil:: Ist die Lust an der Provokation fixer Bestandteil Ihrer Künstlerpsyche?
Rheims: Um Gottes willen nein! So pathetisch das klingt: Ich tue, was ich als Künstlerin tun muss. Nur manchmal werde ich ein wenig müde. Oder ich verliebe mich wieder so, dass ich kurze Zeit bereit bin, alles hinzuwerfen und an einem anderen Ort zu leben. Aber prinzipiell lebt es sich viel besser mit meiner Arbeit – obwohl die derzeitige Wirtschaftssituation schrecklich für alle Fotografen ist.
profil:: Ist ein Star wie Sie nicht schon längst krisenresistent?
Rheims: Nein, gar nicht. Es wird immer noch versucht zu feilschen. Oder man gibt den Job dann jemandem, der es billiger macht. Das ist sehr frustrierend. Aber wenn eine Frau über 50 frustriert ist, sieht das meist nicht gut aus. Deswegen lasse ich es lieber. Ärgerlich ist nur, dass ich nicht das Vermögen verdiene, das mir eigentlich zusteht. So kann ich leider nicht ständig in einem 5-Sterne-Hotelzimmer residieren und mir um Mitternacht ein Hühnersandwich bestellen.