FPÖ: Drei rechte Finger

Ein Freitag vergangener Woche aufgetauchtes Foto erhöht den Druck auf Heinz-Christian Strache: Bei einschlägigen Treffen pflegte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache den so genannten „Kühnen-Gruߓ, der anstelle des verbotenen Hitlergrußes in der Szene üblich war.

Die erste Reaktion von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zeugte von höchster Nervosität. Als Freitagnachmittag vergangener Woche ein Foto auftauchte, das ihn mit dem in der Nazi-Szene üblichen „Kühnen-Gruߓ zeigt – drei ausgestreckte Finger der rechten Hand formen ein „W“, als Zeichen des Widerstands gegen das verhasste System –, behauptete er, dies sei der Gruß der Südtiroler Freiheitskämpfer, üblich bei „Brauchtumsveranstaltungen“ in Südtirol und unter Burschenschaftern. Wenig später zog die FPÖ diese unhaltbare Erklärung wieder zurück: Die drei Finger seien weder ein Nazi- noch ein Südtirol-Gruß.

Das in der Tageszeitung „Österreich“ veröffentlichte Foto ist bei einem Treffen des Wiener Korporationsringes, des Dachverbands der schlagenden Burschenschaften, Ende der achtziger Jahre aufgenommen worden. Sein Blatt habe das Bild von einem Teilnehmer dieser Veranstaltung bekommen, erklärt „Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner.

Tatsächlich versuchen ehemalige Neonazis seit Tagen Material aus ihren privaten Fotoarchiven zu versilbern.

Was auf dem neuesten Foto für unbedarfte Beobachter so aussieht, als hätte der junge Strache in einem Bierzelt eben mal schüchtern drei Krügerln geordert, ist tatsächlich ein Gemeinschaftssymbol von Neonazis, das anstelle des verbotenen Hitlergrußes verwendet wird – und das keineswegs immer nur mit gestrecktem Arm. Das Zeichen war Anfang der achtziger Jahre in den Reihen des deutschen Neonazis Michael Kühnen aufgekommen. Kühnens Organisation war 1983 in Deutschland verboten worden, bald danach stellten die deutschen Behörden auch den Gruß mit den drei Fingern auf den Index verbotener NS-Symbole. Kühnen selbst starb 1991 an Aids, kurz vor seinem Tod bestimmte er den österreichischen Neonazi Gottfried Küssel zu seinem Nachfolger.

In Österreich war und ist die Variante mit den drei Fingern nicht explizit verboten, allerdings auch nicht so gebräuchlich wie in Deutschland. Insider verstanden die oft verschämt angedeutete Botschaft der drei gespreizten Finger aber immer.

Seit in der vorvergangenen Woche die ersten Strache-Fotos von wehrsportähnlichen Übungen in den Kärntner Wäldern auftauchten, wird in der ehemaligen Neonazi-Szene eifrig spekuliert, wer neben Strache noch dabei gewesen sein könnte.

Dem Kärntner Neonazi Andreas Thierry, der seiner Gesinnung in den vergangenen Jahren nie untreu geworden ist, wurden Frisur und Haaransatz zum Verhängnis. Er wurde ebenso erkannt wie Kamerad M. U., ein ehemaliger Führerstellvertreter Küssels, einst aktives Mitglied der VAPO (Volkstreue außerparlamentarische Opposition), der in den späten achtziger Jahren an mehreren Neonazi-Aufmärschen und Wehrsportübungen teilnahm.

Thierry lebt heute in Baden-Württemberg, leitet dort für die rechtsradikale NPD das „Amt für weltanschauliche Schulungen“ und trifft bei seinen Besuchen in Österreich bei einschlägigen Veranstaltungen immer wieder auf freiheitliche Gesinnungsfreunde. Die Zukunft der Strache-FPÖ scheint ihm ein Herzensanliegen zu sein. Im vergangenen August schrieb er in einer deutschen neonazistischen Jugendzeitung, seit Strache FPÖ-Chef geworden sei, hätten „viele Kameraden wieder Hoffnung geschöpft“. Die FPÖ bleibe zwar eine „Systempartei“, doch sei er zuversichtlich, da Strache, mit dem er „seit 1989 persönlich bekannt“ sei, „seine Wurzeln im nationalen Lager hat“. Da in nächster Zeit nicht davon auszugehen sei, dass sich Strache der nationalsozialistischen Sache verschreibe, müsse die FPÖ als „Geschäftspartner“ angesehen werden. Auf die Dauer müsse sie freilich mehr bieten „als einen warmen Händedruck oder gelegentliche Feten im Keller der Reichsratsstraße“, dem Wiener Kellerlokal des Ringes Freiheitlicher Jugend (RFJ), hinter dem Parlament. Der RFJ steht heute unter stramm rechter Führung, was deutsche Neonazis glauben lässt, „dass sich in der FPÖ nicht wenige Nationalsozialisten tummeln“. Das ist in Internetforen nachzulesen.

Ganz privat. Mittlerweile wurde spekuliert, dass auch ein heute hoher Beamter des Infrastrukturministeriums Teilnehmer der wehrsportähnlichen Übungen gewesen sei. Es soll sich dabei um Sektionschef Andreas Reichhardt handeln, FPÖ-Mitglied und Burschenschafter, im Ministerium zuständig für das Forschungszentrum in Seibersdorf, Aufsichtsrat des Austrian Research Centers. Reichhardt soll in dieser Funktion nicht zuletzt dazu beigetragen haben, die größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung des Landes zu einem Tummelplatz schlagender Burschenschafter zu machen. Sektionschef war er 2005 geworden, während der Ministerschaft von Hubert Gorbach (BZÖ).

Reichhardt wurde von profil in der vergangenen Woche mehrmals darum gebeten, sich zu diesem Gerücht zu äußern. Freitagnachmittag, kurz vor Redaktionsschluss, ließ er über seine Sekretärin ausrichten, „dass zu diesem Thema keine Stellungnahme erfolgen wird“. Mittlerweile hatte das peinliche Gerücht auch das Büro von SPÖ-Infrastrukturminister Werner Faymann erreicht. Der ließ über seinen Pressesprecher Thomas Landgraf, ebenfalls am Freitag vergangener Woche, vermelden, er habe zwar von dieser Geschichte mit den Wehrsportübungen gehört, mit Sektionschef Reichhardt „allerdings nicht darüber geredet“, da dies „seine Privatangelegenheit“ sei.

So desinteressiert am Treiben der radikalen Rechten war man nicht immer.

In den neunziger Jahren war die österreichische Neonazi-Szene von den österreichischen Behörden, die sich auf der Suche nach dem Briefbombenattentäter befanden, nahezu flächendeckend unter die Lupe genommen worden. Der Attentäter fand sich zwar nicht unter den organisierten Neonazis, doch bei den zahlreichen Hausdurchsuchungen waren verbotene Waffen, Umsturzpläne, Videos von Wehrsportübungen, Mitgliederlisten und NS-Propagandaschriften gefunden worden. Reihenweise wurden Mitglieder der verbotenen VAPO und anderer Organisationen angeklagt und nach dem NS-Verbotsgesetz verurteilt.

In der Anklageschrift eines der großen Neonazi-Prozesse war 1995 das so genannte Gotcha-Spiel, das FPÖ-Chef Strache auf den vorvergangene Woche aufgetauchten Bildern gespielt haben will, ein Teil der Indizienkette für die Anklage. Im Gerichtssaal wurde das Spiel mit den Farbkugeln keineswegs so harmlos wie von Strache bewertet: „Im Verlauf solcher Wehrsportübungen wurden von den Teilnehmern auch mit CO2-Pistolen, aus denen Glycerinkugeln mit Farbinhalt verschossen wurden, ausgetragene Kampfhandlungen, in deren Verlauf die Teilnehmer aufeinander ,feuerten‘, simuliert (,Gotcha-Spiel‘)“, referierte der Staatsanwalt damals und argumentierte: „Diese Veranstaltungen dienten nicht, wie glaubhaft zu machen versucht worden war, dem Aggressionsabbau, sondern insbesondere auch der Überwindung von Scheu, auf Menschen zu schießen.“

Ein in der Zwischenzeit ausgestiegener Neonazi, der Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre in einer tristen österreichischen Kleinstadt eine Lehre absolvierte, in einer Diskothek Küssel und Konsorten kennen lernte, in eine Wehrsportgruppe geriet und seine Strafe abgebüßt hat, erzählte profil nun, dass die „Farbkugelspiele“ immer am Ende einer Wehrsportübung, quasi zur Belohnung, abgehalten wurden. Mindestens ebenso wichtig seien jedoch das Schlagstocktraining und die ideologische Schulung gewesen. Man habe sich damit auf Auseinandersetzungen mit den Linken und das Überfallen von Asylantenheimen vorbereitet. Der ehemalige Insider, der anonym bleiben will, sagt, es habe verschiedene Codes gegeben, unter anderem den „Kühnen-Gruߓ mit drei Fingern der rechten Hand und die geballte Faust, zu der ein „Sieg Heil“ gehörte. Er glaubt, Strache bei einem Gau-Appell 1990 in Korneuburg begegnet zu sein, beschwören könne er das allerdings nicht.

Umsturzpläne. Strache war über die Mittelschülerverbindung „Vandalia“ schon etwas früher in die einschlägigen Kreise geraten. Zum 60. Geburtstag des mittlerweile verstorbenen NDP-Chefs Norbert Burger fand sich Strache im Frühjahr 1989 in dessen Refugium in Kirchberg am Wechsel ein. Er galt in der Szene offenbar als vertrauenswürdig genug, um dort eingelassen zu werden. Ein Jahr davor war Burgers NDP wegen NS-Wiederbetätigung verboten worden.

Strache lernte bei dieser Gelegenheit eine der Töchter Burgers kennen und lieben und war bei den Burgers bald ständiger Gast. Dort stieß er öfter auf den Neonazi Gottfried Küssel, vermutlich auch auf Herbert Schweiger, Burgers Stellvertreter. Schweiger, ein ehemaliger Angehöriger der SS-Division Leibstandarte Adolf Hitler, war damals ein Lehrmeister vieler junger Neonazis. Straches Sportsfreund Thierry bezeichnet Schweiger als seinen Ziehvater.

Aus Sicht der rechtsradikalen Umstürzler waren dies keine guten Jahre. Nicht nur die NDP war verboten worden. Die Nationale Front (NF) des später nach Spanien geflüchteten Holocaust-Leugners Gerd Honsik war schon 1987 als verfassungswidrig aufgehoben worden. Bei der Gründungsversammlung der NF hätte Schweiger sprechen sollen, Gottfried Küssel war für den Ehrenschutz vorgesehen. Die Versammlung wurde untersagt.

Auch der nächste Versuch, eine Organisation auf die Beine zu stellen, ging schief. Die neonazistische Liste „Nein zur Ausländerflut“, zu deren Proponenten Honsik, Horst-Jakob Rosenkranz (der Gatte der Strache-Stellvertreterin und FPÖ-Abgeordneten Barbara Rosenkranz) und der Rechtsradikale Franz Radl gehörten, wurde 1990 ebenfalls nicht zugelassen. Eine ganze Generation junger Neonazis, von den alten Nationalen entdeckt und von Hard-Core-Neonazis ideologisch geschult, tauchte in Wehrsport-Ausbildungslager ab und probte den Umsturz.

Als bei Franz Radl, einem der damals aktiven Neonazis, 1993 anlässlich einer Hausdurchsuchung ein Adressbuch beschlagnahmt wurde, das sich wie ein Who’s who der rechtsradikalen Szene liest, fand man dort auch einen „Heinrich Strache“ vermerkt. Heinrich – so wurde Heinz-Christian Strache in jenen Jahren genannt, wie eine der Töchter von NDP-Chef Norbert Burger profil jetzt erzählte. Vor einem Jahr von profil dazu befragt, was sein Name und seine Telefonnummer dort zu suchen hätten, sagte Strache: „Das sind Geschichterln. Da wird etwas konstruiert.“

Nun gibt jener Überbringer, der das jetzt von „Österreich“ erstmals publizierte Foto der Tageszeitung übergeben hat, an, Strache habe damals mit dem Drei-Finger-Zeichen Franz Radl begrüßt, der bei besagtem Burschenschafter-Treffen ebenfalls anwesend gewesen sein soll.

Weitere Teilnehmer der wehrsportähnlichen Übungen in den Kärntner Wäldern finden sich ebenfalls in Radls Telefonverzeichnis. Aufgelistet ist auch der derzeitige Klubdirektor des freiheitlichen Parlamentsklubs, Norbert Nemeth, der allerdings, soweit bekannt ist, mit den Wehrsportübungen nichts zu tun hat.

Milieuwechsel. Strache ist seine Vergangenheit schon lange eine Last. In einem Prozess gegen profil, den er 2001 angestrengt hatte, wollte der Politiker zuerst nicht darüber reden, ob er „Führer“ Gottfried Küssel gekannt hatte. Schließlich gab Strache doch zu, ihn mehrmals im Hause Burgers getroffen zu haben, sei aber zu Küssel „auf Distanz“ gegangen. Spätere Zusammentreffen bei Sonnwendfeiern und bei der jährlichen „Trauerfeier“ der Burschenschaften am 8. Mai, am Tag der Kapitulation Hitler-Deutschlands, seien rein zufällig gewesen, sagte Strache damals.

Anfang der neunziger Jahre entschlossen sich einige der früheren VAPO-Wehrsportnazis aus der Illegalität in die weit rechts stehende Grenzlandsmannschaft „Cimbria“ einzutreten. Straches Mentor aus dem dritten Wiener Gemeindebezirk, der ihn laut eigener Aussage als Mitglied der FPÖ angeworben haben will, ein Bezirksrat namens Herbert Güntner, ist ebenfalls bei der Cimbria. Auch Strache-Freund Clemens Otten, Organisator der Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung im April 2002, nach der Neonazis mit Sieg-Heil-Rufen durch die Wiener Innenstadt gezogen waren, ist bei der Cimbria. Die hat noch ein weiteres prominentes Mitglied: Sektionschef Reichhard aus dem Infrastrukturministerium.

Von Christa Zöchling