FPÖ: „Eine dumme Geschichte“

Seinen Aufstieg verdankt Heinz-Christian Strache dem rechten Rand in der FPÖ. Dieser hat nun alte Fotos an die Öffentlichkeit gespielt, die den Parteichef bei wehrsport-ähnlichen Übungen gemeinsam mit Neonazis zeigen.

Bisher gab FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache gern den Naiven, der treuherzig in die Welt blickt und sich darüber alteriert, dass seine Neider ihn immer schon ins rechtsextreme Schmuddeleck gestellt, hinterrücks diffamiert und einschlägige Geschichten erzählt hätten, nur um seiner jungen Karriere zu schaden.

Jetzt gibt es die Fotos zu dieser Geschichte, einer „dummen Geschichte“, wie Strache meint. Sie zeigen den FPÖ-Obmann in den Jahren 1988/89, im Alter von etwa 20 Jahren, in Uniform oder Tarnanzug bei wehrsportähnlichen Übungen im Kreis seiner ähnlich gewandeten Kameraden. Nach Auskunft aus der FPÖ haben diese Übungen in den Wäldern rund um den Kärntner Ulrichsberg nahe Klagenfurt stattgefunden.

Strache trat die Flucht nach vorn an und präsentierte die Fotos Donnerstagabend vergangener Woche höchstpersönlich in der „ZiB 2“. Der ORF hatte gedroht, auf alle Fälle über diese Fotos berichten zu wollen, von denen es noch weitaus brutalere geben soll als die, die bisher gezeigt wurden.

Das sei bloß „eine harmlose sportliche Veranstaltung“ gewesen, rechtfertigte sich Strache. Man habe Gotcha gespielt oder Paintball. Bei Gotcha – dem amerikanischen Slang-Ausdruck für „got you“ („jetzt hab ich dich“) – wird ein Opfer ausgelost, das von den anderen gejagt und erlegt wird. Bei Paintball werden mit speziellen CO2-Pistolen mit Lebensmittelfarbe gefüllte Kugeln auf den Gegner abgefeuert.

Auf den Fotos sind freilich keine Paintball-Pistolen zu erkennen, die etwa bei den berüchtigten Wehrsportübungen des Hans-Jörg Schimanek durchaus üblich waren. Inzwischen dementierten mehrere Veranstalter von Paintball-Spielen, dass es bei ihren „Jagden“ so ablaufe wie auf den Strache-Fotos: Niemand sei uniformiert, und niemand sei mit Schlagstöcken unterwegs.

Auf einem der jetzt aufgetauchten Fotos prügelt eine Person mit dem Schlagstock auf eine andere ein. Auf einem weiteren Foto schaut Strache mit Kameraden auf den Boden – auf ein Opfer?

Auf den Vorhalt, dass einer der auf den Bildern abgelichteten Männer ein verurteilter Neonazi sei, erwidert Strache, er habe das nicht wissen können. Damals seien alle unbescholten gewesen.

In der FPÖ wird vermutet, die Fotos seien aus dem Umfeld des notorischen Neonazis Gottfried Küssel an Straches innerparteilichen Gegner Ewald Stadler, den abgehalfterten Präsidenten der Freiheitlichen Akademie, gespielt worden. Der habe die Fotos am 25. Dezember bekommen und am 27. Dezember an Volksanwalt Hilmar Kabas weitergegeben. Jene Neonazis, die Strache schaden wollen, indem sie die Öffentlichkeit wissen lassen, dass der FPÖ-Chef früher mit ihnen gemeinsame Sachen gemacht hat, könnten den Racheakt aus Zorn über ihren zu geringen Einfluss in der FPÖ inszeniert haben.

Fest steht: Am 24. Dezember schrieb eine sich nicht näher ausweisende „Gesinnungsgemeinschaft“ an den Strache-Freund und EU-Abgeordneten Andreas Mölzer, „nach dem sehr guten Wahlkampf mit tadellosen Parolen“ sei „jedes volkstreue Gedankengut wieder verschwunden“.

Strache verdankt seine Karriere tatsächlich rechten Ideologen und Netzwerken, auch wenn er das gern leugnet oder herunterspielt. In der heutigen FPÖ ist ein auffallend großer Teil der Abgeordneten Mitglied einer schlagenden Burschenschaft, einige bekennen sich sogar zur berüchtigten und zeitweise sogar verbotenen Burschenschaft Olympia.

Milieubedingte Nähe. In seiner Geisteswelt und Diktion ließ Strache seit seinem Einstieg in die Politik stets eine gewisse „Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut“ erkennen, wie das Oberlandesgericht Wien in einem Prozess, den Strache gegen profil angestrengt und verloren hatte, im Jahr 2004 feststellte.

Strache war früh in den Sog der Nationalen geraten. Von den strengen Schulbrüdern in Strebersdorf hatte er auf die Bude der Mittelschülerverbindung Vandalia gefunden, einer Burschenschaft mit dem Motto: „Deutsch, einig, treu und ohne Scheu“. Zur FPÖ dürfte er nach eigenen Angaben zur selben Zeit gekommen sein, und er traf dort noch auf Neonazis. Der Freiheitliche Herbert Güntner, Mitglied der Burschenschaft Cimbria – auffallend viele Küssel-Mannen sind dort organisiert –, hatte Strache 1988/89 zur FPÖ gebracht. Der verstorbene NDP-Chef Nobert Burger, mit dessen Tochter Strache einige Jahre liiert war, hatte Strache in das Milieu der Neonazis eingeführt. Im Hause der Burgers war Strache auf den Neonazi Küssel gestoßen, zu dem er jedoch, wie Strache 2004 vor dem Richter aussagte, um „Distanz“ bemüht war. Im Hause Burger lernte Strache auch den späteren freiheitlichen Universitätsrat Gerhard Pendl kennen, der vor Kurzem bei einer Grabrede den „NS-Fliegerhelden Nowotny“ ehrte und deshalb zurücktreten musste. Über Burger stieß Strache vermutlich auch auf Burgers Freund, den nationalen und mittlerweile ebenfalls verstorbenen Hotelier Johannes Hübner. In dessen Parkhotel Schönbrunn trat der britische Holocaust-Leugner David Irving im November 1989 auf. Die Veranstaltung wurde kurz nach deren Beginn von der Staatspolizei aufgelöst. Freitagmittag vergangener Woche tauchte ein Foto von dieser Aktion auf. Im Hintergrund: ein Mann, der Heinz-Christian Strache stark ähnelt.

Peter Westenthaler, heute BZÖ-Chef, verwehrte Strache Anfang der neunziger Jahre wegen „Rechtslastigkeit“ sogar die Aufnahme in die freiheitliche Jugendorganisation. Straches Freunde, wie der Wiener Freiheitliche Nikolaus Amhof, der heute wieder eine wichtige Rolle in der FPÖ spielt, wurden aus dem RFJ ausgeschlossen. Grund für Westenthalers Härte: Haiders FPÖ war damals um eine leichte Imagekorrektur bemüht.

Unterstützt von den alten nationalen Familienclans kam Strache dennoch nach oben, zuerst in den Bezirksrat von Wien-Landstraße, später in den Wiener Gemeinderat. Er wurde in dieser Zeit bei öffentlichen Veranstaltungen oft in einer Gruppe von jungen Leuten gesichtet, die Schaftstiefel, Bomberjacken und Nazi-Haarschnitt trugen. Aus Protest gegen die „rechtsextreme Machtübernahme“ durch die Strache-Partie verließen einige Freiheitliche die Partei. In dieser Zeit fand seine Telefonnummer Eingang in das Adressbüchlein eines Neonazis, das 1993 im Zuge der Briefbombenermittlungen bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt wurde.

Strache dementierte zwar immer direkte Kontakte zum rechten Lager, seine diesbezüglichen Sympathien hat er aber nie verhehlt. In seiner politischen Heimat im dritten Wiener Gemeindebezirk war eine Zeit lang auch Clemens Otten aktiv, der Organisator der Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung im April 2002, nach der etliche Neonazis mit „Sieg Heil!“-Rufen durch die Wiener Innenstadt gezogen waren. Otten schrieb danach in der RFJ-Zeitung „Tangente“ einschlägige Artikel.

Zweckbündnis. Im Sommer 2002 ließ es sich Strache nicht nehmen, bei der Sonnwendfeier am Wiener Kobenzl zu erscheinen, einem jährlichen Treffen von Burschenschaftern, das immer wieder bekannte Neonazis anzieht. Auch Gottfried Küssel war unter den Feuerspringern. Bei der alljährlichen Trauerkundgebung der Burschenschafter am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation Hitler-Deutschlands, ist Strache ebenfalls immer gern gesehen. Er hält dieses Gedenken für „moralisch wertvoll“. Im Jahr 2004 hielt er bei der Veranstaltung vor der Krypta am Heldenplatz die Totenrede.

Das alles hat Ewald Stadler, Ex-Volksanwalt, eine seltene österreichische Mischung aus katholischem Fundamentalismus und deutschnationalem Gedankengut, bisher nicht gestört. Im Gegenteil. Gemeinsam hatten er und Strache 2005 den Kampf gegen Jörg Haider geführt und die Nationalen um sich geschart. Es war ein Zweckbündnis, das nun in offene Feindschaft ausartet. Vor Kurzem musste Stadler den Vorsitz der freiheitlichen Akademie abgeben. Und aus Stadlers ursprünglichem Traum, unter Strache noch einmal den Klubobmann und Rabauken im Parlament spielen zu können, ist auch nichts geworden.

Nach Auskunft der Justizbehörde ist bei der Staatsanwaltschaft wegen der Kriegsspiele eine Anzeige eingelangt.

Von Christa Zöchling