FPÖ: Hieb- und stichfest

Kaderschmiede, Stammwählerschaft und Personalreserve: Als treueste Verfechter von freiheitlichem Gedankengut verankern sich Österreichs Burschenschafter in den Strukturen des Staates.

Heinz-Christian Strache war um Schadensbegrenzung bemüht. Zu seinem anstehenden rituellen Zweikampf mit einem Salzburger Burschenschafter ließ der Wiener FPÖ-Obmann während einer USA-Reise bestellen, es handle sich um eine „völlig harmlose sportliche Tätigkeit“. Ob er diese jedoch am 29. November auszuüben gedenkt, ließ er offen.

Wie profil vergangene Woche berichtete, hatte ein korporierter Arzt eine Rede Straches bei einer Veranstaltung der Salzburger pennalen Burschenschaft Rugia kritisiert. Daraufhin war er von Strache, selbst Mitglied der Wiener pennalen Burschenschaft Vandalia, zu einer Kontrahage, einer Mensur, gefordert worden.

Strache versucht den Waffengang nun als „sportliches Fechten“ darzustellen, als tänzle er dabei – wie aus Sportübertragungen im TV bekannt – im weißen Fechtanzug einen schmalen Steg entlang. Doch die Wahrheit wirkt martialischer – und abschreckender. Nach Burschenschafterart werden sich die „Paukanten“ mit „Stierkopf“ (einem Schutzhelm) gegenüberstehen. Mit stumpfen Klingen werden sie den nackten Oberkörper des jeweils anderen bearbeiten, bis er von Blutergüssen übersät ist. Und die Treffer werden keineswegs elektronisch mitgezählt oder mit Summton angezeigt. Es geht schlicht darum, sie tapfer wegzustecken. „Die Kontrahage ist ein effizientes und doch ungefährliches Mittel des Aggressionsabbaus“, schreibt der Olympia-Burschenschafter Werner Lackner in seinem Werk „Die Mensur“.

Auch anno 2004 praktizieren Österreichs Burschenschafter immer noch ihre anachronistisch anmutenden Riten. Immer noch werden in ihren so genannten Buden Mensuren geschlagen. Teils mit stumpfer, teils mit scharfer Klinge; bei Mittelschülern eher auf den Oberkörper, Hochschüler verpassen sich die Schmisse lieber im Gesicht. Und mehr denn je bilden sie das Rückgrat der zuletzt schwer gebeutelten Freiheitlichen.

Im April 2001, als es für die FPÖ noch besser lief, prophezeite der FP-nahe Historiker Lothar Höbelt: „Die Burschenschaften halten der Partei unbedingte Treue. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch bei einem Karl-Heinz Grasser so wäre.“ Er sollte Recht behalten.

Zweite Reihe. Hinter Jörg Haider, Herbert Haupt oder Dieter Böhmdorfer, die als Landeshauptmann, Minister und Abgeordneter in der ersten Reihe stehen, besetzen die Schlagenden immer mehr Jobs in der zweiten politischen Reihe. Gern finden sich jüngere Korporierte mittlerweile in den Vorzimmern der Minister. So managen Pressesprecher Martin Standl (Akademische Burschenschaft Suevia Innsbruck) und der stellvertretende Kabinettschef

Rüdiger Schender (Sängerschaft Kürnberg) die politische Performance von Justizministerin Karin Miklautsch. In Hubert Gorbachs Kabinett gehören die Korporierten Christian Ebner, Andreas Reichhardt und Peter Franzmayer zum Vertrautenkreis. Von dort dürften die letzteren beiden nun auf beamtete Spitzenposten wechseln, Ebner wiederum soll einen Topjob in der Post- und Telekom Immobilien GmbH annehmen.

Mit den jüngsten Verlusten der FPÖ bei Wahlen sinkt der Einfluss der Burschenschaften nicht notwendigerweise, er verschiebt sich lediglich. In stimmenstarken FP-Zeiten wurden Abgeordnetensessel gern mit Schlagenden besetzt, beispielsweise dem Olympen Martin Graf oder Wolfgang Jung aus Haiders Stamm-Korporation Albia. Als Mandate knapp wurden, wechselte Graf auf einen Geschäftsführerposten im halbstaatlichen Forschungszentrum Seibersdorf, Offizier Jung ging ins Verteidigungsministerium.

„Die Korporierten wollen Lohn für die Treue“, sagt Historiker Höbelt heute. „Sie fordern Tribut in Form von Posten.“

Welche Mobilisierungskraft die schlagenden Korporierten noch besitzen, bewiesen sie zuletzt bei den EU-Wahlen vergangenen Juni, als sie mit Andreas Mölzer einen der ihren ins EU-Parlament hievten. Ein Gutteil der Vorzugsstimmen für den „Zur Zeit“-Herausgeber, mit denen er den Listenersten Hans Kronberger überholte, kam aus dem dicht geflochtenen Netzwerk an Corps, Burschen-, Sänger- und Landsmannschaften.

Der Corps-Student Mölzer hat die letzte seiner zehn Mensuren übrigens 1976 gefochten. „Heute“, so der Europaabgeordnete, „bin ich zu fett dazu.“ Er beschwört wie viele andere der rund 10.000 Burschenschafter den national-liberalen Geist dieser reinen Männerbünde. Andere Korporationen nennen sich auch national-freiheitlich oder deutsch-national, da sie sich – als „deutsche Volksgruppe“! – über Österreichs Grenzen hinaus sehen.

Die österreichischen Burschenschaften waren dabei generell meist extremer als ihre deutschen Pendants. „Die österreichischen Burschenschafter haben sich als die besseren Deutschen gesehen“, sagt der Historiker Michael Gehler von der Universität Innsbruck. Auch werden bis heute die Mensuren wesentlich brutaler geschlagen. „Wenn in Deutschland bei einer Mensur Blut fließt“, so Gehler, „wird die Sache gestoppt. In Österreich dagegen noch nicht.“

Rechtes Eck. Dass man als Schlagender immer ins äußerst rechte Eck gestellt werde, so der ehemalige Nationalratsabgeordnete Rüdiger Schender, sei schade. „Denn“, so Schender, „in verallgemeinernder Form kann man das nicht sagen.“ Faktum ist jedoch, dass es hunderte Burschenschafter sind, die sich an jedem 8. Mai, dem Jahrestag der Kapitulation Hitler-Deutschlands, am Wiener Heldenplatz zu einer „Heldenehrung“ versammeln. Unter SA- und SS-Leuten lag der Burschenschafter-Anteil über dem Durchschnitt. Auch das traditionelle Kärntner Ulrichsbergtreffen wird gern von Burschenschaftern beschickt. Vor allem die Wiener Hochschulburschenschaft Olympia wird vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes dem Rechtsextremismus zugeordnet. In den sechziger Jahren wurde die Olympia aufgelöst. Als sie (wieder zugelassen) 1996 den Vorsitz in der Deutschen Burschenschaft (einem länderübergreifenden Dachverband) übernahm, kehrten gemäßigte Korporationen der Vereinigung den Rücken. Auf der Liste ihrer prominenten Mitglieder finden sich der verstorbene Gründer der Nationaldemokratischen Partei (NDP), Norbert Burger, oder der Wiener FP-Gemeinderat Harald Stefan – ein guter Freund Straches.

Über Straches martialischen Ausritt herrscht in der Wiener FP eher Kopfschütteln. Da Strache als Zahntechniker keine Matura hat und es für seine Vandalia-Mitgliedschaft einen Sonderbeschluss brauchte, macht unter Wiener Freiheitlichen – in Anspielung auf Straches Werbelinie – ein Gag die Runde. Sinngemäß: „Jetzt brauchen wir nur noch einen Doktortitel für Strache – H. C. ist er ja schon.“

Eine Veranstaltung des „Wiener Korporationsring“ vergangenen Samstag im Hotel Wimberger konnte ebendort übrigens nicht stattfinden. Die Hotelleitung war erbost über die „Verschleierung als auch diese Art von Veranstaltung“. Die Burschenschafter hatten sich bei der Saalreservierung als Installationsfirma getarnt.