FPÖ-Hochburgen: Heinz-Christian Strache erfolgreich wie Jörg Haider

FPÖ-Hochburgen: Heinz-Christian Strache erfolgreich wie Jörg Haider

Die FPÖ unter Heinz-Christian Strache knüpft an die Erfolge von Jörg Haider in den 1990er-Jahren an. Die Wählerschaft hat sich verändert, die Wahlmotive nicht. Eine Nachschau in drei FPÖ-Hochburgen.

Wien-Simmering
Nachhut der Gesellschaft

Das Café-Latte- und Sushi-Wien ist vom Simmeringer Enkplatz weit weg. Hier gibt es eine reiche Auswahl an Kebap- und Handy-Shops, Plastikschlapfen im Sonderangebot und Getränkekarten wie im "Auszeit“, bei denen sich die Weinauswahl in rot- oder weiß-gespritzt (um einen wohlfeilen Euro) erschöpft. Schick ist gar nichts, selbst der Schriftzug auf der Zentrale der Bezirks-SPÖ kann dringend eine Renovierung vertragen: "Sozialistische Partei“ prangt noch am Gebäude - obwohl die SPÖ schon 1991 in "Sozialdemokratische Partei“ umbenannt wurde.

Hier grübelt Harald Troch seit dem Wahlsonntag, warum die FPÖ im Bezirk über 31 Prozent erreichen konnte, mehr als im Haider-Rekordjahr 1999 (siehe Grafik). Troch, ein 54-jähriger Bibliothekar, hat als lokaler SPÖ-Vorsitzender im Wahlkampf ein Zehntel der 91.000 Simmeringer besucht und überall dieselben Klagen gehört: "Wir haben die Entsorgungsbetriebe, die Verkehrstechnikfabrik, die Tierkörperverwertung - kurz: jede Menge Industrie. Die Menschen hier spüren, dass die Realeinkommen seit 20 Jahren sinken, besonders die niedrigen Löhne.“

Hoch waren sie hier nie: Simmering hat die niedrigste Akademikerquote Wiens und nach dem Nachbarbezirk Favoriten die zweitniedrigsten Einkommen. Jede Erhöhung der Strom- oder Öffi-Preise wird zum Problem, weil niemand davon profitiert, wenn im Gegenzug Laptops billiger werden. Je geringer Bildung und Einkommen, desto höher der FPÖ-Wähleranteil. "Modernisierungsverlierer“ nennen Wahlforscher diese Abgehängten der Gesellschaft, die ihr Heil in Strache sehen.

Im Friedrich-Engels-Hof wohnen besonders viele davon. Der Gemeindebau mit seinen zehn Stiegen und 170 Wohnungen ist eine der roten Trutzburgen aus den 1920er-Jahren, gebaut wie eine Festung zu einer Zeit, als die SPÖ sozialen Aufstieg und Freiheit verhieß. Heute ist im kleinen grünen Innenhof alles verboten: Tauben füttern, Fußball spielen, Hunde laufen lassen, Skateboarden. Die SPÖ ist im Engels-Hof nur mehr zweitstärkste Partei, 37 Prozent der Bewohner haben FPÖ gewählt.

Herr Helmut ist einer von ihnen. Er lehnt im ortsüblichen Outfit - Trainingsanzug mit hohem Nylonanteil - aus dem kleinen Fenster seiner 35-Quadratmeter-Wohung und schimpft drauflos: Er wohne seit 26 Jahren da, früher habe es drei Hausmeister gegeben, heute kümmere sich niemand, er habe 45 Jahre lang bei der Müllabfuhr gearbeitet, heute bekämen alle Mindestsicherung, ohne zu arbeiten. Seit so viele Ausländer hier wohnen, seien alle Stiegenhäuser und Keller vollgestopft, und seine Ex-Partei, die SPÖ, regiere mit den Grünen, die das Geld für Radwege hinausschmeißen. "Ha“, kann Herr Helmut noch hervorstoßen, bevor er Luft holen muss.

Für ein Drittel der FPÖ-Wähler war das sogenannte Ausländerthema das entscheidende Motiv, das hat sich seit Jörg Haiders Glanzzeit nicht geändert. "Besonders bei der Nachhut der Gesellschaft zieht dieses Thema“, analysiert Fritz Plasser, der Doyen der Politologen. Er sieht lediglich einen leichten Unterschied zwischen der Wählerschaft Haiders und Straches: Haider konnte anfangs auch moderne Städter anziehen, Sushi-Esser mit umgehängtem Pullover und Sonnenbrille im Haar, Typus Karl-Heinz Grasser.

Strache bleiben die Herrn Helmuts.

St. Johann im Pongau
Zornige Blasmusiker

Schmuck herausgeputzte älplerische Blumenbalkone, umrahmt von weiß angezuckerten Bergen: St. Johann im Pongau sieht aus wie eine Ansichtskartenidylle, das ist auch die Geschäftsgrundlage des Salzburger Gebirgsortes. Auf 10.700 Einwohner kommen 4282 Fremdenverkehrsbetten und 509.426 Übernachtungen pro Jahr. Die 860 Kilometer Skipisten, haben das einstige Bauerndorf reich gemacht: Die BSL Managementberatung kürte St. Johann zum finanziell bestgestellten Ort Österreichs. Die Wirtschaftskrise zog an der Kleinstadt vorbei, seit dem Lehman-Pleite-Jahr 2008 stieg die Beschäftigung sogar um zwölf Prozent. Nicht einmal Saisonarbeitslosigkeit ist hier ein Problem, analysiert Johannes Forster vom Arbeitsmarktservice Salzburg: "Im Sommer arbeiten die Leute am Bau oder Bauernhof, im Winter als Liftwart.“

Wohlstandsverlierer ist hier ein Fremdwort, Arbeiter gab es nie, die katholisch-agrarische Tradition wird in beachtlichen 80 Vereinen kultiviert - von den Bauernschützen über den Kirchenchor bis zu den Plattenwerfern. Dennoch wurde in St. Johann die FPÖ wie schon im Jahr 1999 stärkste Partei. In diesen historisch ÖVP-dominierten Milieus in Westösterreich trat Jörg Haider einst seinen Siegeszug an, lange bevor er die SPÖ-Arbeiterschaft eroberte, Strache knüpft nun an einstige Erfolge an.

Wer die paar hundert Meter von der überdimensionierten Kirche, dem Pongauer Dom, zu einem der Gasthäuser geht und den Einheimischen beim Ablästern zuhört, den überrascht das nicht. "Die in Wien können mit der Regierung nicht so weitermachen“, bringt FPÖ-Stadtrat Willibald Resch die Stimmung auf den Punkt. Die Aversion über die "Gscherten“ im 360 Kilometer entfernten Wien sitzt ohnehin tief, die SPÖ-ÖVP-Stillstandsregierung liefert dafür die perfekte Folie. Für ein Drittel aller FPÖ-Wähler war der Protest gegen die Große Koalition das entscheidende Wahlmotiv.

"Je mehr die ÖVP nur die Traditionskarte ausspielt, desto mehr verliert sie in ländlichen Regionen“, analysiert der Wahlforscher Günther Ogris. Die bayerische CSU setzt erfolgreich auf Laptop und Lederhose, die ÖVP beschränkt sich auf die Lederhose. Und regiert in St. Johann mit einer 54-Prozent-Mehrheit. "Für Junge passiert bei uns viel zu wenig. Die ÖVP fährt über manche Ideen einfach drüber. Wir wollen eine Stadt sein, lassen aber viele Dinge nicht zu“, weiß Friedrich Göschel zu berichten, der seit ein paar Jahren im alternativen Kulturverein werkt.

Vor einem Jahr etwa versuchte ein Nachtclub aufzusperren, der 300 Leute gefasst hätte. Anrainerproteste und extra strenge Sperrstundenauflagen ließen das Projekt bald sterben. Wenn in einem Ort die Alpen-Idylle konserviert wird, sonst aber nicht viel passiert, lässt sich ausgiebigst über alte Vorfälle diskutieren. Im September 2010 etwa wurde ein 19-jähriger Wirtssohn in St. Johann zusammengeschlagen, drei türkischstämmige Männer wurden dafür vor Gericht gestellt und freigesprochen. Die von der FPÖ betriebene Facebook-Gruppe "Gerechte Strafe für die Täter von St. Johann“ erfreut sich noch heute regen Zulaufs.

Exakt 8,8 Prozent Ausländer aus Nicht-EU-Staaten leben in St. Johann, eine vergleichsweise geringe Zahl. Dennoch hielt man es an der örtlichen katholischen Privatschule, dem Elisabethinum, im Jahr 2009 für angemessen, eine neue Hausordnung zu beschließen: "An unserer Schule sprechen wir deutsch“, auch in den Pausen. Die Hausordnung ist mittlerweile wieder aufgehoben.

Der Zorn nicht.

Köflach
Enttäuschte Blaumänner

Als Wilhelm Zagler im Jahr 1977 im Bergwerk Köflach zu arbeiten begann, schien es für ihn ausgemacht, dass er dort in Pension geht. Diese Sicherheit war trügerisch: Der Bergbau ist geschlossen, von den einst 6700 Beschäftigten blieben gerade noch 14. In der 9700-Einwohner-Stadt Köflach ist der Niedergang des historischen Industriegürtels der Steiermark zu besichtigen - und, eng damit verbunden, der Aufstieg der FPÖ.

Schon 1999 wählte fast ein Drittel der Köflacher FPÖ, diesmal machten die Blaumann-Träger in den einstigen Arbeiterhochburgen die Freiheitlichen zur stärksten Partei in der Steiermark.

Wilhelm Zagler wundert das nicht. Er ist mittlerweile SPÖ-Bürgermeister in Köflach und seufzt, "dass besonders die Jungen bei uns sehr freiheitlich angehaucht sind“. Die Arbeitslosigkeit unter den Jüngeren kletterte auf 8,5 Prozent, von einem Job auf Lebenszeit können sie nur träumen. 950 Industriearbeitsplätze gibt es noch in Köflach, einer Stadt, in der schon 1846 die erste Glasfabrik eröffnet hatte. Neue Geschäftsfelder wie die Therme entwickeln sich nur zaghaft und kommen nicht an die stolze Vergangenheit heran. Köflach hat seine Zukunft hinter sich, kein Wunder, dass die Stadt seit den 1960er-Jahren ein Viertel seiner Einwohner verloren hat. Wenn dann auch noch, wie in der Steiermark, diskutiert wird, Gemeinden zusammenzulegen und damit ein weiteres Stück trügerischer Sicherheit zu nehmen, wählt man die Freiheitlichen, weil nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Unter den Arbeitern ist die FPÖ wieder, wie einst unter Jörg Haider, mit 33 Prozent stärkste Partei, die SPÖ folgt mit Respektabstand und 24 Prozent. Auch unter den jungen Männern ist Strache Nummer eins, niemand brüllt ihre Unsicherheit so gut heraus wie HC. Jede Großpleite, wie zuletzt jene des Baukonzerns Alpine, verstärkt das Gefühl: Hier bricht Vertrautes zusammen und kommt nicht wieder. Die unter Arbeitern weit verbreitete EU-Skepsis verstärkt die Attraktivität der Freiheitlichen.

Wiederholt sich die Geschichte? Ist der Mythos vom "Drachentöter“ Wolfgang Schüssel, der die FPÖ gebändigt habe, widerlegt? Wahlforscher Peter Ulram kann auf diese Fragen nur seufzen: "Die FPÖ wird aus Angst gewählt - aber nur in vergleichsweise normalen Zeiten.“ Am Höhepunkt der Wirtschaftskrise, als in den steirischen Betrieben die Arbeiter reihenweise in Kurzarbeit geschickt werden mussten, wanderten die Wähler zu SPÖ und ÖVP. Nur ihnen traute man zu, die Krise zu dämpfen, sagt Ulram: "Erst wenn die Menschen das Gefühl haben, das Schlimmste ist vorbei, wählen sie FPÖ.“

Auch die schwarz-blaue Regierung ließ viele Arbeiter wandern. Von der Stärke der 1990er-Jahre und ihren Ergebnissen über der 50-Prozent-Marke ist die SPÖ Köflach heute allerdings weit entfernt. Als Jörg Haider Ende der 1980er-Jahre seinen Siegeszug unter der Arbeiterschaft begann, war die Verstaatlichte Industrie am Endpunkt ihrer Krise und die Globalisierung begann gerade, in Österreich Einzug zu halten. 25 Jahre später verspricht die SPÖ Steiermark, jetzt aber wirklich den Kontakt zu den Industriearbeitern zu suchen.

Es könnte zu spät sein.