Freud und Bush

Über die ödipalen Verstrickungen der Politik des George W. Bush.

Wir feiern das Freud-Jahr. Der Begründer der Psychoanalyse wurde vor 150 Jahren geboren. Und just zu diesem Jubiläum wurde eine bisher unbekannte Schrift von Sigmund Freud entdeckt. Sie tauchte kürzlich im Nachlass des 1967 verstorbenen US-Diplomaten und Schriftstellers William C. Bullitt auf. In dem Text werden für den unkundigen Bullitt in knappster Weise die Grundprinzipien der Psychoanalyse formuliert. Und Freud exemplifiziert das tiefenpsychologische Denken anhand einer Reflexion über den am Anfang des 20. Jahrhunderts regierenden amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson: „In vielen Fällen wird ein Mann, dessen passive Einstellung zum Vater keinen direkten Ausdruck gefunden hat, sich diesen auf dem Weg der Identifizierung mit Jesus Christus verschaffen.“ Ödipus sei Dank, denn „Christus hat es vermocht, indem er sich demütig dem Willen Gottvaters unterwarf, selbst Gott zu werden, (…), das äußerste Ziel der Männlichkeit zu erreichen“.

Man kann bei der Lektüre dieser Passage über Wilson nicht umhin, an dessen jetzigen Amtsnachfolger zu denken. Bringt Freud da nicht visionär die Kombination von Frömmelei und Ödipuskomplex im Hause Bush auf den Punkt?

Das politische Handeln des amerikanischen Präsidenten als Ausdruck seines Ödipuskomplexes zu sehen, als Beziehungskiste von Bush dem Älteren und Bush dem Jüngeren ist zum Zentralthema der amerikanischen Mainstream-Medien avanciert. Nach der desaströsen Niederlage der Republikaner bei den Kongresswahlen holt der Präsident die engsten politischen Freunde des Daddy, allen voran den ehemaligen Außenminister James Baker, um Amerika aus der Krise des Irakkriegs herauszuführen. Nach den neokonservativen Ideologen, auf die W. bisher hörte und mit denen er die Welt in die Bredouille brachte, sollen nun die moderaten Pragmatiker des Vaters die Sache wieder in Ordnung bringen. Einen „ödipalen U-Turn“ witzelt die Kommentatorin der „New York Times“ Maureen Dowd. Und auf dem Cover von „Newsweek“ mit dem Foto der beiden Bushs steht in großen Lettern: „Vater weiß es am besten.“ Auf gut Wienerisch: Der Papa wird’s scho richten.

Das Familiendrama der Bushs, das die vergangenen sechs Jahre amerikanischer Politik bestimmte, spielt sich aus tiefenpsychologischer Sicht folgendermaßen ab: Der Sohn eines übermächtigen, aber meist absenten Vaters – Kriegsheld, brillanter Student, erfolgreicher Sportler und Präsident – und einer eiskalten Mutter (die nach Aussagen der Familienmitglieder ein Feldwebelregime führt) versucht es seinem Vater gleichzutun: und scheitert andauernd. Ein unsportlicher und schlechter Student kompensiert mit burschikosem Charme. Er steckt voller Ängste. Immer, wenn er Daddy nacheifert und alles schiefgeht, müssen Bush sr. und seine reichen und mächtigen Freunde ihm aus der Patsche helfen. Mit ihrer Unterstützung kann sich W. vor dem Einsatz in Vietnam drücken. Sie retten ihn mehrfach mit finanzieller Unterstützung vor dem selbstverschuldeten Bankrott und vor gerichtlicher Verfolgung. Er ist der Versager der Familie, dem niemand mehr zutraut, etwas zustande zu bringen. Er gibt sich dem Suff hin. Und wird doch vor der Geißel Alkohol gerettet: durch seine Begegnung mit Jesus – siehe den Freud-Text oben.

Der 40-Jährige liest nun die Bibel, wird trocken, gibt sein haltloses Lotterleben auf und weiß ab nun, was gut und was böse ist.

Jetzt geht’s mit ihm bergauf. Dem ehemaligen Halodri gelingt es, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Er hat sich, um mit Freud zu sprechen, Gott unterworfen und so „das äußerste Maß an Männlichkeit“ erreicht. Jetzt, als Präsident, will er dem Vater zeigen, was in ihm steckt. Er engagiert mit dem Haudegen Donald Rumsfeld einen alten Rivalen von Bush sr. als Pentagon-Chef und setzt – Vater Bush ist dagegen – die Truppen in Marsch gen Bagdad. Er will das vollenden, was nach seiner Ansicht sein Vater beim ersten Golfkrieg nicht zusammengebracht hat: den Bösewicht Saddam zu beseitigen: „Er wollte ja meinen Daddy töten“, schiebt er – auf einen irakischen Attentatsversuch auf Bush sr. 1993 anspielend – unter anderem als Grund für den Krieg vor. Er will aber mit seiner Aktion gleichzeitig seinen Vater besiegen. Mithilfe Gottes: Als er von Starpublizist Bob Woodward gefragt wird, ob er sich mit seinem Erzeuger, einem erfahrenen weltpolitischen Fachmann ersten Ranges, über Telefon berät, erwidert er: „Das ist der falsche Vater, wenn Stärke verlangt ist. Da rufe ich einen höheren Vater an.“

State of Denial“ lautet der Titel des gerade erschienenen Woodward-Buches über „Bush im Krieg“: Im Zustand der Verleugnung. Darin beschreibt Woodward detailliert, wie der Präsident und seine Leute gegenüber der Nation und gegenüber sich selbst die furchtbare Wirklichkeit des Irakkriegs verleugnen. Auch da hat Sigmund Freud mitgeschrieben: Nach ihm sind Verdrängung und Verleugnung zentrale Mechanismen der psychischen Abwehr von angsterzeugender, nicht bewältigter Realität – besonders stark ausgeprägt bei Suchtcharakteren.

Nun ist dieses Verleugnungssystem von George W. Bush zusammengebrochen. Papas Leute müssen wieder her, um dem Sohnemann, der wieder einmal Mist gebaut hat, zu Hilfe zu eilen. Wie gehabt. Noch ist nicht auszumachen, was das für die US-Außenpolitik und den Irak bedeutet. Was den Präsidenten betrifft, sei jedoch eine Prognose gewagt: Er wird wieder zur Flasche greifen, wenn er das nicht bereits jetzt tut – wie in Washington gemunkelt wird.