Jahrestag Fukushima: Wende am Ende

Ein Jahr nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima zeigt sich die Atomindustrie umtriebig wie lange nicht.

Scherzend und einander herzend traten David Cameron und Nicolas Sarkozy vorvergangenen Freitag vor die Kameras. Noch im Dezember waren sie über die Regulierung der Finanzmärkte heftig in Streit geraten. Doch nun haben der britische Premierminister und der französische Präsident ein Thema gefunden, das sie frühere Animositäten vergessen lässt. "Frankreich und Großbritannien haben eine strategische Wahl getroffen“, gab Sarkozy bekannt. "Die Wahl der Nuklearkraft.“

Cameron und Sarkozy wollen bei der zivilen Nutzung von Kernkraft enger zusammenrücken. In Paris haben sie soeben gemeinsam mit Repräsentanten der Atomindustrie entsprechende Kooperationsverträge unterschrieben.
Vor bald einem Jahr ließ die Katastrophe von Fukushima die ganze Welt den Atem anhalten. Am Freitag, den 11. März 2011, 14.47 Uhr Ortszeit, bebte in Japan die Erde. Das Erdbeben der Stärke neun löste einen gigantischen Tsunami aus, der Hunderte Dörfer und Städte verwüstete und 16.000 Menschen das Leben kostete. In der Präfektur Fukushima legten die Flutwellen das Kühlsystem der gleichnamigen Atomkraftanlage lahm. Die Reaktoren wurden von mehreren Explosionen erschüttert, Radioaktivität freigesetzt. Es kam zur partiellen Kernschmelze und damit zum schwersten nuklearen Unfall seit der Katastrophe von Tschernobyl - einem Super-GAU.

Mit Fukushima wurden der Menschheit die Risiken der Atomkraft schlagartig und drastisch vor Augen geführt. Weltweit kam eine Debatte über Nutzen und Gefahren von Nuklearenergie in Gang. Selbst bei Atomkraftbefürwortern hinterließ die Katastrophe einen enormen Eindruck. Im Falle Tschernobyls konnte man das Unglück noch auf mangelnde Sicherheitsstandards sowie unzulängliche technische und technologische Ausstattung zurückführen. Doch mit Fukushima war auch der Glaube an eine vermeintlich sichere, von einem hoch industrialisierten Staat beherrschte Atomenergie geplatzt. Das Thema Energiegewinnung aus Kernkraft schien ein für alle Mal erledigt.

Doch was hat Fukushima tatsächlich bewirkt? Befinden wir uns mitten in einer Energierevolution? Oder sehen wir bereits die Wende von der Wende?

In den vergangenen Monaten leckte die Nuklearindustrie ihre Wunden. Die Aussichten hatten sich seit dem 11. März für die gesamte Branche abrupt eingetrübt. So macht der Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft den AKW-Betreibern E.ON, RWE, EnBW und der schwedischen Vattenfall-Gruppe schwer zu schaffen. Der französische Atomkonzern Areva schreibt zum ersten Mal seit über zehn Jahren rote Zahlen und musste sich ein striktes Sparprogramm verordnen.

Doch nun scheint der Schock überwunden. Die Atomlobby zeigt sich umtriebig wie lange nicht. Wie etwa Mitte Februar, als man sich bei einer Energiekonferenz in Brüssel in Stellung brachte. Dort postulierte Paul Rorive, ehemaliger Präsident von Foratom - der einflussreiche Branchenverband der europäischen Atomwirtschaft betreibt auf EU-Ebene massive Lobbyarbeit -, das Comeback der Nuklearenergie. Assistiert von Philip Lowe, Generaldirektor für Energie in der EU-Kommission, der der Nukleartechnologie eine "strahlende Zukunft“ bescheinigte. Durch ihre Kosteneffizienz eröffne sich gerade jetzt, in Zeiten der Krise, ein riesiger globaler Markt, prognostiziert Rorive. Auch ein Hauch Selbstkritik durfte nicht fehlen. "Wir waren keine Meister der Kommunikation. Das müssen wir ändern“, so Rorive, seit seinem Abgang bei Foratom Leiter des Nukleardepartments bei GDF Suez, Europas zweitgrößtem Energiekonzern.

Die neue Kommunikationsschiene zeigt bereits bizarre Auswüchse. So wird Fukushima von der Atomlobby neuerdings sogar als Beleg für die Sicherheit der Kernenergie zitiert. Schließlich sei es trotz Megabeben und Tsunami nicht zum Durchbruch der Kernschmelze gekommen. Und immerhin kam in Japan kein einziger Mensch durch die Radioaktivität zu Tode, während 16.000 Opfer des Erdbebens und des Tsunamis wurden. Und in Zukunft würden Atomkraftwerke durch die Lehren aus Fukushima noch sicherer werden.

Auch Cameron und Sarkozy setzten mit der Bekanntgabe des gemeinsamen Nukleardeals - ausgerechnet fast auf das Jahr genau nach der Fukushima-Katastrophe - bewusst ein Signal. Für alle Atomkraftgegner ein Schlag ins Gesicht. Bis 2025 will Großbritannien acht neue Kernkraftwerke bauen. Und die Liste der Unternehmen, die davon profitieren, liest sich wie das Best of Böse der Atombranche. So sollen etwa das französische Unternehmen Areva und die britische Rolls-Royce Group bei der Entwicklung von Reaktoren eng zusammenarbeiten. Der Staatskonzern Areva ist einer der weltweit bedeutendsten Erzeuger ziviler und militärischer Atomreaktoren, betreibt das umstrittene Wiederaufbereitungslager in La Hague und zeichnet für die Castor-Transporte in Deutschland verantwortlich. Rolls-Royce produziert längst keine Autos mehr, sondern ist seit 50 Jahren im Anlagenbau tätig und gilt als Flaggschiff der britischen Nuklearindustrie.

Auch die Eléctricité de France (EdF) ist mit im Boot. Der französische Staatskonzern ist der weltweit größte Erzeuger von Atomstrom, verantwortet den Betrieb aller 58 französischen Meiler und kontrolliert über den AKW-Betreiber British Energy auch den britischen Markt. Im Südwesten Englands, am Standort Hinkley Point, will EdF zwei neue Reaktoren bauen. Das Projekt ist extrem umstritten. Die Anlage wird immer wieder von Umweltschützern besetzt.

David Cameron ließ bei dem Treffen in Paris wissen, die nun unterzeichneten Verträge seien erst der Anfang. Insgesamt soll das Investitionsvolumen über 70 Milliarden Euro erreichen und 30.000 Arbeitsplätze schaffen.

"Fukushima war zwar ein Schock, aber als Anlass für den Ausstieg aus der Atomkraft nicht ausreichend“, meint Energieexperte Hans Kronberger, Präsident des Bundesverbands Photovoltaic Austria. Das zeigen auch die nackten Zahlen: Insgesamt 13 Reaktoren wurden 2011 stillgelegt. Darunter fallen die vier Reaktoren von Fukushima-Daiichi, außerdem acht Meiler in Deutschland, wo der Super-GAU zu einer Kehrtwendung der bisherigen Politik geführt hatte. Ein weiterer wurde in Großbritannien aus Altersgründen eingemottet.

Damit hängen derzeit weltweit 434 Reaktoren am Netz, 61 weitere befinden sich im Bau. Die meisten davon in China (26), Russland (9), Indien (6) und Südkorea (5).

Zwar hat sich die Zahl der im Betrieb befindlichen Reaktoren im Laufe des vergangenen Jahres reduziert, überraschend sind jedoch die Daten zu den geplanten Objekten. Im Februar 2011, also vor Fukushima, waren 156 Kernkraftwerke konkret projektiert. Heute sind es 160. Weitere 322 Kraftwerke befanden sich Anfang 2011 in einem frühen Planungsstadium, deren Zahl hat sich auf 335 erhöht.

Russland will den Atomstromanteil binnen zehn Jahren von derzeit 17 auf 30 Prozent hochschrauben und ist nicht nur am Heimmarkt höchst aktiv. Die Atomenergiebehörde Rosatom gab kürzlich bekannt, dass mit Anfang Jänner Verträge zum Bau von 21 Blöcken für ausländische Kernkraftwerke abgeschlossen wurden. Das seien doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

In den USA haben die Behörden erstmals seit 1978 wieder den Bau eines AKWs bewilligt. Das Energieunternehmen Southern Company will auf dem Gelände des Kraftwerks Alvin W. Vogtle im Bundesstaat Georgia zwei neue Reaktoren aufstellen und nimmt dafür 14 Milliarden Dollar in die Hand.

In China ziehen die staatlichen AKW-Betreiber State Grid Corporation of China und China Southern Power Grid Companny die 26 Reaktoren im Eiltempo hoch.

In Europa sind Tschechien und die Slowakei unbeirrbar auf Atomlinie geblieben. Polen und auch die Türkei halten an ihren Atomeinstiegsplänen fest.

In den nächsten Monaten, so meinen Beobachter, werde sich - zumindest innerhalb von Europa - zeigen, ob Fukushima die Energiewelt nachhaltig verändert hat. "Es stehen zwei historische Weichenstellungen bevor, die entscheidend für die europäische Energiepolitik sind“, meint Rudi Anschober, grüner Landesrat in Oberösterreich. Zum einen werden die Endergebnisse aus den EU-weit durchgeführten AKW-Stresstests erwartet (siehe Kasten). "Diese zeigen teils haarsträubende Ergebnisse. Es wird spannend, welche Konsequenzen daraus gezogen werden“, so Anschober.

Andererseits hängt viel vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Frankreich ab. Während Sarkozy eisern an der Kernenergie festhält, will sein sozialistischer Herausforderer François Hollande den Atomstromanteil von derzeit 75 Prozent bis 2025 auf 50 Prozent reduzieren. Eine Abkehr der Grande Atom-Nation hätte auf die Position der EU ziemlichen Einfluss. Frankreich wäre neben Deutschland die zweite große Macht, die den Weg in Richtung Energiewende geht.

Hans Kronberger wiederum ist überzeugt, dass sich die Nutzung von Kernenergie in absehbarer Zeit aus ökonomischen Gründen erledigen werde: "Derzeit gebaute Reaktoren, wie jene in Finnland oder im französischen Flamanville, sind jenseits aller Zeit- und Finanzierungspläne.“ Zudem schreite die Substitution durch erneuerbare Energien schneller voran als erwartet. "Seit 1997 geht jährlich weltweit mehr Windkraft ans Netz als Atomkraft. Und seit Jahren liegt auch die neu installierte Leistung von Fotovoltaik deutlich über jener der Atomkraft“, so Kronberger.