<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Riedl Reloaded

Zwei Frauen heben einen unterschätzten Mann.

"Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ Blaise Pascal

Ich hatte die Chance, Konrad Lorenz zu streifen, unseren vorletzten Nobelpreisträger vor Elfriede Jelinek. Ich nützte sie, im Wirtshaus "Brauner Bär“ in Greifenstein. Er war zehn Minuten lang furios. Er brachte darin die Geschichte der Menschheit unter. Und eine Anleitung "für Ihre verehrten Leser“.

Die Anleitung: Man möge "Egoismus“ nicht länger als Verfehlung sehen. Er sei das Natürlichste der Welt. Ohne ihn gäbe es keine Evolution. Man habe lediglich zwischen gesundem und krankem Egoismus zu unterscheiden. Schiedsrichter sei das Gewissen. Das Gewissen funktioniere so perfekt wie die innere Uhr und der innere Wecker. Er selbst war rehabilitiert. Er war glaubwürdiger Konvertit, gelöst von der Nazi-Zeit, da er Uhr und Wecker überhört hatte.

Rupert Riedl war in allem Guten sein Nachfolger, oft besser als Lorenz. So wie dieser war er papabile, zum Nobelpreis wählbar. So wie dieser publizierte er grandiose Essays und Bücher. Im Windschatten Lorenz’ konnte der Zoologe Riedl aber nicht die höchste Ehre erringen. Die Nobelpreiswelt brauchte Abwechslung.

Ewig schade aus drei Gründen. Erstens kann Österreich jeden Nobelpreis brauchen. Zweitens verzahnte Riedl die Zoologie und Verhaltensforschung steiler mit Gesellschaft und Umweltpolitik. Drittens war er sprachlich selbstständiger als Lorenz. Dessen berühmter Essay "Ecce Homo“ wies noch Anleihen bei Stefan Zweig auf. Rupert Riedl fand seinen eigenen Sound. Ich empfand seine Sprachmusik als "Riedl-Blues“, der magnetisch in seine Werke zog.

Schön und verdienstvoll, dass zwei wichtige Frauen, Witwe "Smoky“ Riedl und Barbara Schweder, nun öffentlich wirksam die Neuauflage eines vergriffenen Rupert-Riedl-Standardwerks besorgen: "Fauna und Flora des Mittelmeeres“. Der treue Riedl-Verlag Seifert präsentiert es am 12. Dezember um 17 Uhr im Haus des Meeres in Wien. Highly recommended. Ich wäre, von Smoky Riedl lieb eingeladen, gern dabei, tauche zu dieser Zeit aber in entlegenen Salzwässern wie einst der Autor des Werks.

Aus der Vogelschau zeitlicher Entfernung klingen gleichartige Sätze von Riedl und Lorenz nach. Sie haben mit Ehrfurcht vor der Schöpfung zu tun. Bei Riedl auch mit Ehrfurcht vor der eigenen schöpferischen Kraft. Zu diesem Thema war mir ein Erlebnis mit Riedl beschert. Ich weiß nur nicht, wie ich es erzählen soll, ohne mich als Randfigur zu überheben.

Vielleicht so, der Reihe nach: Riedl war nach heutigen Maßstäben "macho“. Er war ständig umgeben von liebenden und bewundernden Familien-Frauen, wie Smoky Riedl und Barbara Schweder bestätigen werden. Dennoch hat er auch einen Mann wie mich umarmt, in Fortsetzung einer Geschichte, die frühe profil-Leser kennen.

Rupert Riedl hatte Linz in eine Totenstille gestürzt, weil er sein Referat im Neuen Rathaus so begann: "Unser Unglück begann, als wir aufhörten, die Dummen zu schlachten.“ Es gab trotzdem ein Happy End. Die Zuhörer gingen glücklich. Als Moderator blieb ich bei Riedl, zu einer Manöverkritik. Dabei gelang mir der Satz: "Als Schöpfung des Schöpfers sind wir aufgefordert, weiterzuschöpfen.“ Da drückte er mich fest an seine Taucherlunge, vielleicht sogar an sein Herz. In seinen Augen las ich: "Dieser Satz wird nicht mehr lange von Ihnen sein.“ Leider hat er ihn nie gestohlen. Er war darin durch Anstand und Stolz behindert.

Wahrhaftigkeit und Stolz und ein waches Selbstwertgefühl schützten ihn vor schneller Freundschaft. Tatsächlich machte er es vielen schwer. Selbst im Club of Vienna und im Föhrenbergkreis, wo tolerant-liberale Kapazunder wie Karner und Woltron über Österreichs Zukunft diskutierten, galt er als schweres Wasser im Reigen reger Elektronen. Man mochte ihn, aber er nervte auch. Für das Selbstbewusstsein des späten Rupert Riedl spricht auch ein Scherz, den mir Erhard Busek in einem steirischen Gehöft erzählte. Riedl habe in einer Audienz den Papst unterbrochen: "Haben Sie denn mein letztes Buch nicht gelesen?“

Aus heutiger Sicht wünschte man sich, dies wäre eine wahre Geschichte. Was seither von den Päpsten kam, war more of the same. Hingegen ist vieles, was Rupert Riedl sagte und schrieb, heute interessanter denn je.

Smoky Riedl und Barbara Schweder und der Seifert Verlag erwecken dieser Tage den großen Meereszoologen und Denker Rupert Riedl. Möge es einer Öffnung seines gesamten Œuvres dienen. Beispielsweise seiner Bücher "Meine Sicht der Welt“ und "Weltwunder Mensch“ und seiner Autobiografie "Neugierde und Staunen“. Wir finden heute viel seherischen Sinn darin, und einen Sprach-Jazz, der heutiger Wissenschaftssprache abhandenkam.

helmut.gansterer@profil.at