Gebhard Selz: „Beweis fehlt“

Der Wiener Altorientalist und Archäologe Gebhard Selz über die Anfänge der Schrift.

profil: Wo gab es die erste Schrift?
Selz: In Uruk, Mesopotamien, können wir relativ genau nachzeichnen, wie Schrift entstand und was Schrift bedeutet. Das fehlt bei den Zeichen der Vinca-Kultur.
profil: Sind die Vinca-Zeichen für Sie Schrift, wie der deutsche Sprachwissenschafter Harald Haarmann behauptet?
Selz: Ich würde Haarmanns These zuneigen, aber sie ist nicht beweisbar. Ich halte es für wahrscheinlich, dass es sich um komplexe Symbolsysteme handelt; reine Ornamente sind es sicher nicht. Man muss sich von der traditionellen Vorstellung lösen, dass Schrift an die Wiedergabe von Phonetik gebunden ist.
profil: Wie war das bei den ersten Keilschriftzeichen in Uruk?
Selz: Sehr ähnlich. Man kann die Bedeutung einzelner Zeichen großteils rekonstruieren, aber in welcher Sprache das zu lesen ist, ist unsicher. Es gibt Hinweise auf Vorläufer dieser Schrift, die so genannten Tonkugeln oder Tonbullen, im heute iranischen Kusistan, etwa in Susa oder Elam.
profil: Die Frage ist, beginnt Schrift in Mesopotamien oder anderswo?
Selz: Der deutsche Archäologe Günter Dreyer hat im ägyptischen Abydos U-j das Grab eines bisher unbekannten Königs Skorpion I. ausgegraben. Er nimmt an, dass es sich bei den Zeichen auf dort entdeckten Amulett-Täfelchen um phonetische Schrift handelt, die älter sei als ähnliche Keilschriften in Mesopotamien. Aber richtig bewiesen ist das nicht.
profil: Und so ähnlich, meinen Sie, ist das mit der Vinca-Kultur?
Selz: Es ist sicher keine Wiedergabe von Sprache. Wenn wir Schrift darauf fixieren, dann hat entweder die Uruk-Kultur oder die von U-j die größere Wahrscheinlichkeit.
profil: Halten Sie es für möglich, dass die erste Schrift nicht in Mesopotamien entstanden ist?
Selz: Ich würde diese Möglichkeit nicht ausschließen wollen.

Interview: Robert Buchacher