Gebot der Stunde

In unserer mutigen Quotenkiller-Interview-Serie „Politiker, die keiner mehr sehen kann“ fragen wir diesmal den Vizekanzler, ob es ihm noch gut geht.

profil: Herr Vizekanzler …
Molterer: Moment noch. Bevor wir anfangen, möchte ich Ihnen ein Friedensangebot vorlegen. Ich darf Sie ersuchen, dass es bitte Sie, Ihre Chefredakteure, Ihr Herausgeber, der Redaktions-Kaffeeautomat und mindestens zwei Drittel Ihrer Leser unterfertigen.

profil: Äh …, das wird sich aber jetzt nicht so schnell machen lassen.
Molterer: Ich bin bereit, mit Ihnen weiterzuarbeiten. Da kann ich doch wohl ein wenig guten Willen Ihrerseits erwarten.

profil: Was steht denn in diesem Friedensangebot drin?
Molterer: Nun, wie der Name schon sagt, im Wesentlichen, dass Sie mich in Frieden lassen sollen.

profil: Ach ja, klar. Das hätte ich eigentlich wissen müssen.
Molterer: Sämtliche Interview­fragen bis 2010 sind vorab bei unserem Klubobmann abzuholen; alle 14 Tage erscheint eine fundierte Analyse, die eine Steuerreform im Jahr 2010 als das Maß aller Dinge preist; falls Ihr linksradikales Kampfblatt wieder einmal in den Besitz irgendwelcher gestohlenen Neuwahl-Papiere kommt – ich darf Sie in diesem Zusammenhang eindringlich an das siebente Gebot erinnern! –, sind sie mit dem Ausdruck des höchsten Bedauerns an den rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben …

profil: Ihnen wurden also Papiere gestohlen, deren Existenz Ihr Generalsekretär Missethon bestritten hat?
Molterer: Aber nur so lange, bis es sogar ihm peinlich geworden ist. Und das will was heißen.

profil: Darf ich Sie in diesem Zusammenhang eindringlich an das achte Gebot erinnern?
Molterer: Jetzt werden Sie mir da um Himmels willen nicht päpstlicher als der Khol … Welches ist das achte noch einmal?

profil: Du sollst nicht lügen.
Molterer: Ach so, das. Das ist in der ÖVP seit einem Vorstandsbeschluss aus dem Jahr 2000 sistiert.

profil: Das lässt Interviews mit ÖVP-Spitzen ja gleich in gänzlich neuem Licht erscheinen.
Molterer: So einen naiven Zugang habe ich selten erlebt. Jede Partei muss sich angesichts der Lage vorbereiten.

profil: Man hat aber gerade bei der ÖVP seit Jahren den Eindruck, dass es bei allem, was sie tut oder nicht tut, immer nur um das Wohl der Partei geht – und nicht um das Land.
Molterer: Aber nein! Wir sind schließlich in der glücklichen Lage, sagen zu können: Das ist doch ein und dasselbe! Geht es der ÖVP gut, geht es dem Land gut.

profil: Und wenn es der ÖVP schlecht geht?
Molterer: Dann muss sich das Land in den Spiegel schauen und fragen, was es tun kann, um die ÖVP glücklich zu machen.

profil: Bei Neuwahlen zum Beispiel.
Molterer: Ich werde dieses obszöne Wort jetzt sicher nicht in den Mund nehmen. Ich will arbeiten.

profil: Jaja. Ich weiß. Also, wenn Sie schon Neuwahlen wollen – was macht Sie so sicher, dass Sie gewinnen?
Molterer: Der Gegner.

profil: Aber Ihre Beliebtheitswerte unterscheiden sich doch von denen des Gegners praktisch überhaupt nicht. Das Wahlvolk findet sie mittlerweile beide ungefähr so sympathisch wie heftig juckenden Schorf.
Molterer: Da muss ich Ihnen aber jetzt aufs Heftigste widersprechen. Die diesbezüglichen Daten sind schon differenzierter zu betrachten. Der von Ihnen gewählte Vergleich trifft vielleicht auf mich zu. Bei Gusenbauer hingegen nässt der heftig juckende Schorf auch noch!

profil: Das ist natürlich ein himmelhoher Unterschied.
Molterer: Ja, der Wähler hat da schon ein sehr feines Gespür.

profil: Ebenso wie Gusenbauer in der SPÖ sind dem Vernehmen nach auch Sie in der ÖVP nicht mehr unumstritten.
Molterer: Ach bitte, jetzt hören S’ mir doch auf mit dem Topfen! Ich bin vielleicht nicht der Neffe von Erwin Pröll, aber dafür …

profil: … der Kammerdiener von Wolfgang Schüssel.
Molterer: Wolfgang Schüssel hat in der ÖVP keineswegs mehr so viel zu reden, wie alle tun.

profil: Ja, eh. Sonst wär ja der Grasser der nächste Spitzenkandidat.
Molterer: Jetzt wird er unappetitlich auch noch.

profil: Stimmt. Entschuldigung.
Molterer: Was ist jetzt mit dem Friedensangebot? Unterschreiben Sie?

profil: Ich fürchte, das kann ich leider nicht machen.
Molterer: Typisch. Wie die Roten. Wir sind in dem Land wirklich die Einzigen, denen an Zusammenarbeit und am gedeihlichen Miteinander gelegen ist.

profil: Sofern Sie die Regeln machen.
Molterer: Wie ich schon sagte – gedeihliches Miteinander.

profil: Letzte Frage: Was machen Sie zu Ostern?
Molterer: Verbringe ich im Familienkreis. Und in der Kirche.

profil: Werden Sie dort die Gebote noch einmal durchgehen?
Molterer: Ja. Alle neun.