Geisterstunde

Der Weltpremiere seines neuen Thrillers im Berlinale-Wettbewerb musste der noch immer unter Hausarrest stehende Regisseur Roman Polanski fernbleiben. Zur Anonymität seiner Inszenierung passte das hervorragend.

Von Stefan Grissemann, Berlin
Wer er denn sei, fragt der ehemalige britische Premierminister (Pierce Brosnan) den schüchternen jungen Mann (Ewan McGregor), der ihm am Flughafen vorgestellt wird. „I’m your ghost“, antwortet dieser im Branchenjargon und wahrheitsgemäß: Als angeheuerter Ghostwriter soll er das betuliche Memoiren-Manuskript des Politikers verkaufsträchtig umschreiben – und zwar schnell. Er hat dafür bloß zwei Wochen Zeit. Wie ein böser Geist wird dem Populisten sein Schattenautor tatsächlich bald erscheinen, denn die dunkle Vergangenheit des Ex-Premiers droht durch die Recherchen, die der junge Ghostwriter ungebeten anstellt, ans Licht zu kommen. „The Ghost“ hieß Roman Polanskis jüngstes Kinoprojekt folgerichtig noch vor wenigen Monaten; der Titel hielt nicht, wohl auch, weil die Verleiher nicht riskieren wollten, dass man ihren wendigen Politthriller mit einer Schauergeschichte im Gespenstermilieu verwechselte. So wurde der eindeutigere Begriff „The Ghost Writer“ gewählt.
De facto hat den Film eine Art Regie-Phantom fertig gestellt; Polanski musste seiner Arbeit den letzten Schliff aus der Ferne, aus dem Gefängnis, verleihen. Ein Inhaftierter, selbst Zentrum eines laufenden Kriminalverfahrens, schneidet in seiner Zelle einen Krimi, in dem es um Spionage, Terrorismus und erotische Kriegsführung geht: Die Geschichte entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
„Wenn ich den Rohschnitt eines meiner Filme sehe, denke ich zunächst an Selbstmord. Ich überlege dann immer fieberhaft, welche anderen Jobs ich mir noch suchen könnte“, gestand Polanski, 76, selbstkritisch, auch mit Blick auf seinen unfertigen neuen Film, im profil-Gespräch Mitte September 2009 – genau neun Tage bevor er am Zürcher Airport wegen eines mehr als drei Jahrzehnte zurückliegenden Delikts verhaftet wurde, dem er sich durch Flucht aus Nordamerika entzogen hatte. Es ging und geht um die Verführung einer Minderjährigen Ende der siebziger Jahre.
Die Geschichte holte Polanski im Herbst 2009 ein. Nach gut zwei Monaten im Gefängnis wurde Polanski schließlich gegen eine Kaution in Höhe von drei Millionen Euro der Hausarrest in seiner Residenz im schweizerischen Gstaad erlaubt, wo er von der Welt isoliert auf die drohende Auslieferung in die USA wartet.

PR-Maschinerie. Als großer Abwesender glänzte Polanski daher am Freitagabend vergangener Woche, als sein „Ghost Writer“ im Wettbewerb der soeben gestarteten Berliner Filmfestspiele Weltpremiere feierte. Vor wenigen Tagen noch habe er sich den fertigen Film in seinem Schweizer Chalet vorführen lassen, heißt es – und er sei damit sehr zufrieden gewesen, tönt es vollmundig aus der Promotion-Maschinerie hinter dem Regisseur.
Dabei ist „The Ghost Writer“ (Österreich-Kinostart: 26.2.) die Apotheose des filmischen Mittelmaßes: eine solide, bloß funktionale Arbeit, ein anonymer, durchaus altmodischer Thriller mit ein bisschen (wenig) Hitchcock-Flair. Stilistisch und erzählerisch erinnert die deutsch-britisch-französische Koproduktion an Polanskis „Frantic“ (1988), einen Film, in dem der ahnungslose Harrison Ford als amerikanischer Tourist infolge einer Kidnapping-Intrige in Paris fast unter die Räder kam.
„The Ghost Writer“ ist eine Bestselleradaption: Der 2007 erschienene Roman „The Ghost“ von Robert Harris gilt als Schlüsselroman, als Demontage des einstigen britischen Premiers Tony Blair, mit dem Harris lange befreundet war. Am zentralen Schauplatz des Romans, auf der US-Insel Martha’s Vineyard, konnte übrigens nicht gedreht werden – aus naheliegenden Gründen: Polanski musste, um seiner Verhaftung zu entgehen, seit 1978 Amerika meiden. So wurde das stürmisch-regnerische Ambiente auf der deutschen Ostseeinsel Usedom und dem nordfriesischen Eiland Sylt nachgestellt und mit einem ansehnlichen, vornehmlich britischen Ensemble besetzt, in dem „Sex and the City“-Pointenschleuder Kim Cattrall ebenso Platz findet wie die britische Charakterdarstellerin Olivia Williams. Aber sie alle kommen gegen die Konventionentreue ihres Regisseurs nicht an. Polanskis neuer Film erinnert daran, dass es im Kino nicht schon genügt, keine großen Fehler zu machen. In „The Ghost Writer“ ist buchstäblich alles in Ordnung – und nichts bemerkenswert. So paradox dies angesichts eines Verschwörungsthrillers klingt: Dieser Film hat kein Geheimnis.