<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Sag Sorry, Uncle Sam!

Der kalte Krieg zwischen Washington und Teheran geht zu Ende.

Kürzlich stieß ich beim Aufräumen einer Kommode auf Uncle Sam. Aus Pappendeckel. Der alte Mann mit dem Spitzbart und dem Zylinder hat im Rücken ein Schnürchen. Zieht man daran, hebt die Symbolfigur der USA beide Hände hoch. Uncle Sam kapituliert. Ich habe diesen politischen Juxartikel im Februar 1980 vor der amerikanischen Botschaft in Teheran erstanden. Ab dem 4. November 1979, als radikale Studenten das Gebäude besetzt hatten, wurden 55 US-Diplomaten dort als Geiseln festgehalten – sie sollten erst Ende 1980 freikommen. Vor der Botschaft herrschte Volksfeststimmung. An Ständen wurden in diesen kalten Wintertagen neben heißen roten Rüben eine Unzahl von Zeitungen und politische Literatur aller Schattierungen feilgeboten. Gruppen von meist jungen Teheranern diskutierten heftig über die politische Situation. Sosehr da auch gestritten wurde – in einem war man sich einig: Amerika ist der Feind.

Die iranische Revolution jährt sich dieser Tage zum dreißigsten Mal. Die Khomeini-Revolution – das ist heute die Sprachregelung. Es stimmt: Mit den turbulenten Ereignissen im Iran des Februar 1979 begann der globale Aufstieg des Islamismus. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Da standen nicht nur die fundamentalistischen Massen gegen die brutale Herrschaft des Schah auf. Es war eine demokratische Volksrevolution, an der alle Schichten der iranischen Gesellschaft und das ganze politische Spektrum aktiv mitwirkten. Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale, aber ebenso – neben den Radikal-Moslems – der aufgeklärte Teil des Klerus, all jene, die auch wegen ihrer politischen Gesinnung in den Kerkern der Savak, des berüchtigten Schah-Geheimdienstes, schmachten mussten, revoltierten gegen den Tyrannen.

Sosehr das angesichts der Mullah-Herrschaft seither erstaunen mag – als die Millionen in diesen Tagen im Februar vor dreißig Jahren auf den iranischen Straßen marschierten und den Schergen der Schah-Diktatur trotzten, ging es ihnen weniger um Allah als um Freiheit und Demokratie.
Damals, als ich vor der besetzten US-Botschaft in Teheran stand, hatte der islamische Klerus unter dem Schutz des geistlichen Führers Ayatollah Khomeini bereits einen Teil der revolutionären Macht usurpiert. Ein liberaler persischer Freund, ein kultivierter, in Oxford ausgebildeter Ökonom, der zu dieser Zeit als hoher Beamter in einem der Ministerien arbeitete, war über die Entwicklung besorgt. Dennoch versicherte er: „Noch nie in seiner Geschichte war Persien so frei wie jetzt nach der Revolution.“ Und er fügte hinzu: „Aber wie lange noch?“ Jahre später, in den neunziger Jahren, traf ich ihn in Teheran wieder. Er war ein gebrochener Mann. Man hatte ihn gefoltert. Jahre des Gefängnisses lagen hinter ihm.

Bei aller Ablehnung der Geiselnahme der US-Diplomaten – den Antiamerikanismus der radikalen Perser konnte man damals verstehen. Uncle Sam hatte dem Iran übel mitgespielt. 1953 wurde der gewählte linksdemokratische Ministerpräsident Mohammad Mossadegh, der die Nationalisierung der Ölproduktion vorantrieb, unter tatkräftiger Mithilfe des CIA weggeputscht, der kurz vorher aus dem Land geflohene Schah als Herrscher wieder eingesetzt. Vollständig von den USA abhängig, entwickelte sich der in der Folge zum Liebling der Boulevardpresse avancierte Monarch zu einem der ruchlosesten Diktatoren seiner Zeit.
Vergessen soll man auch nicht, dass die USA den Überfall der Armee Saddam Husseins auf den Iran im Jahr 1980 voll unterstützten. Der Iran-Irak-Krieg sollte acht Jahre dauern und etwa eine Million Menschenleben fordern.

30 Jahre kalter Krieg zwischen Washington und Teheran. Diese Periode könnte nun ihrem Ende entgegengehen. Das erste Mal seit 1979 ist Amerika bereit, direkt mit der persischen Führung zu reden, und zwar „auf der Basis gegenseitigen Respekts und in einer fairen Atmosphäre“, wie vergangene Woche Barack Obama sagte. Der durchgeknallte iranische Präsident, Mahmud Ahmadinejad, der mit seinen antisemitischen Fundi-Tiraden den Iran zu einem Paria-Staat gemacht hat, sah sich gezwungen, positiv auf die neuen Töne aus Washington zu reagieren. Viel wichtiger aber: Der liberal-islamische Ex-Präsident Mohamed Khatami, ein Mann, der für eine Öffnung gegenüber dem Westen eintritt, die Demokratisierung des Iran propagiert und die aggressive Rhetorik Ahmadinejads gegenüber Israel scharf kritisiert, hat am gleichen Tag angekündigt, bei den kommenden Präsidentenwahlen im Juni gegen diesen antreten zu wollen.
Zwar waren viele Iraner von Khatami enttäuscht, als er sich in seiner Amtszeit von 1997 bis 2005 gegen die konservativen Kleriker nicht durchsetzen konnte, aber es sieht ganz so aus, als ob Khatami nun Ahmadinejad, der das Land in die wirtschaftliche Misere und internationale Isolation geführt hat, besiegen könnte.

Nach der Paarung Bush-Ahmadinejad jetzt das Duo ­Obama-Khatami? Eine Perspektive, die optimistisch macht: Da eröffnet sich die Chance, dass im Iran wirklich so einiges in Bewegung gerät. Vielleicht kommen die demokratischen Impulse, welche die iranische Revolution angetrieben hatten und dann so brutal erstickt wurden, wieder machtvoll zum Vorschein. Dann könnte die Angst vor der iranischen Bombe langsam eingemottet werden. Kluge Diplomatie Washingtons ist jedenfalls gefragt. Besonders wirksam wäre eine symbolische Geste. Warum kann Uncle Sam nicht im Rahmen der neuen Entspannungspolitik auch historische Fehler eingestehen und sich bei den Persern für vergangenes Unrecht entschuldigen? Das könnte Wunder wirken.

georg.ostenhof@profil.at