Gérard Depardieu: "Mir ist die Schauspielerei herzlich egal"

Gérard Depardieu über Sprache, Gewalt und sein wachsendes Desinteresse am Kino, über seinen früh verstorbenen Sohn, seine Psychoanalyse und Jörg Haiders Konten.

Interview: Stefan Grissemann

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Sie sind nicht zum ersten Mal in Salzburg. Seit 2007 sind Sie eine Art Stammgast bei den Festspielen und auch im Salzburger Hangar-7, wo Sie schon als Gastkoch auftraten – und heuer das Restaurant „Ikarus“ mit Ihren eigenen Weinen versorgen werden. Sie besitzen drei Restaurants und ein Hotel, machen Filme, Wein, Theater und andere Geschäfte. Wie teilen Sie sich Ihre Zeit ein?
Depardieu: Das ist einfach. Ich bin ja nicht nur Schauspieler, das wäre mir wirklich zu wenig.

profil: Haben Sie denn so etwas wie einen Plan im Leben?
Depardieu: Nein. Ich lasse mich treiben. Manchmal treffe ich auch die falschen Entscheidungen, aber was macht das schon? Man verliert ein wenig, aber man hat es wenigstens probiert. Üblicherweise liege ich mit meinen Einschätzungen ohnehin nicht ganz falsch.

profil: Ist die Winzerei derzeit Ihre Lieblingskunst?
Depardieu: Nein, der Wein ist nur ein Teil des Ganzen, zu dem auch das Essen, die Menschen, das Leben selbst gehören.

profil: Das Kino ist Ihnen nicht mehr genug? Langweilt Sie das Schauspielen schon?
Depardieu: Ach, ich hab doch schon so viele Filme gedreht.

profil: Bald werden es 200 sein. Das ergibt einen Schnitt von fast fünf Filmen im Jahr; in manchen Jahren schaffen Sie sogar acht oder zehn Produktionen. Hat Sie das unentwegte Arbeiten müde gemacht?
Depardieu: Sagen wir so: Ich wäre wohl müde, wenn ich Schauspieler wäre. Ich bin aber keiner.

profil: Was sind Sie denn dann?
Depardieu: Am Leben! Mir ist die Schauspielerei herzlich egal. Ich lebe, schaue Leuten zu, esse, trinke, verbringe mein Leben. Herrlich.

profil: Ist es wahr, dass Sie das Schauspielen schon aufgeben wollten?
Depardieu: Es ist eher so, dass das Kino sich selbst aufgegeben hat. Wenn Sie heute Filme sehen, was sehen Sie da? 3D-Animationen, Computersimulationen, aber Geschichten? Nicht wirklich. Es gibt kaum noch künstlerisch ambitionierte Filme. Was gelten denn Künstler heute noch?

profil: Sie sind ein Kulturpessimist.
Depardieu: Überhaupt nicht! Ich beschreibe doch nur, auf welchen Wellen wir gegenwärtig reiten. Ich denke, mit all dem aktuellen Technologie-Overkill befinden wir uns zwischen zwei Wellen. Worüber wird man in 100 Jahren noch sprechen können? Was wird bleiben von der Zeit zwischen 2000 und 2020? Zwischen 1960 und 1980 gab es immerhin die Nouvelle Vague, gab es Truffaut und Pialat, in der Literatur hatten wir Marguerite Duras und Peter Handke. Und seither? Handke ist immer noch sehr interessant, auch wenn er ziemlich eigenwillige Ansichten über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien hegt. Es ist doch offensichtlich, dass sich am Balkan die Geschichte einfach wiederholt.

profil: Sie sprechen Politisches an – aber selbst haben Sie Ihr demokratisches Wahlrecht noch nie ausgeübt. Warum eigentlich?
Depardieu: Weil ich dazu nicht gebildet genug bin.

profil: Meinen Sie das ernst?
Depardieu: Sicher. Meine Familie konnte nicht einmal richtig lesen und schreiben. Das ist aber meine Herkunft. Das sind meine Wurzeln. Ich stamme aus Châteauroux, wo praktisch nicht gesprochen wurde. Man starrte da nur so dumpf vor sich hin, ohne Sprache. In der amerikanischen Provinz leben die Leute auch so. Bei uns daheim war es nicht ganz so arg, nicht so gewalttätig, denn die Menschen, die einst nach Amerika gingen, wollten dort Gold finden. So verloren sie den Verstand.

profil: Sie sind vor diesen Zuständen schon als Kind geflohen, verließen Ihre Familie und schlugen sich auf eigene Faust durch. Allerdings gerieten Sie schnell in eine kleinkriminelle Szene. Was hat Sie vor der Verbrecherkarriere bewahrt?
Depardieu: Die Sprache. Eindeutig. Meine Eltern hatten mir ja keine Sprache gegeben. Ich war tatsächlich ohne Ausdruck. Die Sprache musste ich mir erst über die Literatur aneignen. Aber ich bin kein Philosoph, im Gegenteil, mir liegt nur das Konkrete.

profil: War es nicht auch die Musik, die Sie damals gerettet hat?
Depardieu: Ja, ich sah Janis Joplin live, als ich zwölf war – und mit Bruce Springsteen bin ich seit Jahrzehnten eng befreundet. Als ich 1984 Molières „Tartuffe“ inszenierte, bot Bruce mir an, die Musik dazu zu ­schreiben.

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Sie haben das abgelehnt?
Depardieu: Nicht direkt. Na ja – doch. Ich war ein bisschen dumm damals. Es war ein Film, in dem ich selbst Tartuffe spielte, eine Arbeit fürs Fernsehen und für den großen Schauspieler François Périer. Ich finanzierte das Unterfangen, und Bruce sagte, er wolle unbedingt den Soundtrack komponieren. Ich nahm dann doch lieber konventionelle klassische Musik.

profil: Wieso mögen Sie eigentlich Salzburg so sehr?
Depardieu: Riccardo Muti hatte mich 2007 gebeten, nach Salzburg zu kommen, weil er mit mir zusammen bei den Festspielen Berlioz’ „Lélio“ aufführen wollte. Ich kam also an und fand diesen atemberaubenden Ort, den Hangar-7. Ich kannte die Marke Red Bull nur vom Hörensagen, in Frankreich hatten wir andere Energydrinks, denn Red Bull war bis 2008 bei uns noch verboten. Ich musste den Mann kennen lernen, der das erfunden hatte, denn Dietrich Mateschitz schien so mysteriös, als käme er direkt aus einem James-Bond-Film. Aber ich bewege mich von hier, aus dem „Ikarus“, ja praktisch nicht weg. Ich kenne Salzburg überhaupt nicht. Ich fahre zwischen dem Festspielhaus und dem Hangar-7 hin und her – und sehe nichts.

profil: Wäre auch schwierig. Sie sind viel zu leicht zu erkennen. Da hätten Sie keine ruhige Sekunde in den Straßen Salzburgs.
Depardieu: Immerhin habe ich das Mozarthaus gesehen. Und das Red-Bull-Haus. Das genügt doch. Salzburg ist eben das weltgrößte Festival seiner Art. Was gibt es denn sonst noch? Bayreuth, okay. Für die Wagnerianer halt.

profil: Waren Sie je in Bayreuth?
Depardieu: Nein, aber meine Töchter. Sie sind sehr wagnerianisch, sehr entschlossen, auch ein bisschen verrückt. Sie passen dorthin.

profil: Hatten Sie je Lampenfieber?
Depardieu: Nein, wieso denn? Bühnen und Filmauftritte jagen mir keine Angst ein. Ich fühle mich absolut frei, und ich lasse mich nicht kompromittieren, da bin ich anders als Cyrano de Bergerac. Ich hasse Kompromisse! Ich bin, wie ich bin. Ich habe keine Politik, ich folge keiner Ideologie. Natürlich: Es gibt Leute, die haben eine Chance – und andere nie. Zum Beispiel mein Sohn Guil­laume: Er hat es einfach nicht gut erwischt im Leben. Er nahm die Herausforderung an, im Beruf seines Vaters zu arbeiten. Aber das war eben immens schwierig. Also wurde er wild, kaufte sich Schusswaffen und trank. Aber ich kann das verstehen, bei all den Kompromissen, die er einzugehen hatte. Ich kann die Art von Gewalt verstehen, die aus ihm brach.

profil: Ich habe Ihren Sohn einmal getroffen, in Paris, vor vielen Jahren. Er war ziemlich beängstigend, sehr haltlos und aggressiv. Er hob betrunken seinen metallenen Gehstock, deutete freundlich lächelnd an, dass er damit gern auch zuschlage. Natürlich tat er es nicht. Er wollte wohl nur spielen.
Depardieu: Vielleicht, ja. Guillaume war extrem fragil. Weil er den Leuten nicht glaubte, die ihm gegenübertraten. Er war voller Misstrauen, weil er stets diesen Schatten hinter sich hatte: mich.

profil: Ihre Präsenz muss ihm übermächtig erschienen sein.
Depardieu: Er fuchtelte mit seinen Revolvern auch vor mir herum. Ich fragte ihn, was er wollte, was das alles sollte. Aber wir kamen am Ende über unsere Differenzen hinweg. Am Tag bevor er starb, telefonierten wir noch; es war ein wunderbares Gespräch, in dem er mir noch mitteilte, dass er nun endlich sicher sei, dass er mich liebte. Guillaume tat alles, was er tat, ohne Angst. Vollkommen furchtlos.

profil: Genau wie Sie.
Depardieu: Nein. Ich hatte nie solche Schatten hinter mir. Ich habe lange nicht begriffen, was ihn so sehr quälte. Die jungen Schauspieler heute sind besessen von der Angst.

profil: Als ich mit Ihrem Sohn sprach, hatte er gerade seinen Film mit Leos Carax gedreht: „Pola X“.
Depardieu: Mein Gott, Carax. Ich weiß noch, Jahre davor, ich drehte „Die Sonne Satans“ mit Maurice Pialat, als alle von Carax sprachen. Er arbeitete gerade an „Die Liebenden von Pont-Neuf“ mit Juliette Binoche – aber er brauchte für alles, was er tat, Jahre! Apropos Juliette Binoche: Bitte erklären Sie mir doch, was das Geheimnis dieser Schauspielerin sein soll. Ich würde gerne wissen, warum die seit so vielen Jahren geschätzt wird. Sie hat nichts! Überhaupt nichts!

profil: Binoche ist Ihnen als Schauspielerin vermutlich zu ordentlich, zu brav.
Depardieu: Sie ist nichts! Isabelle Adjani dagegen ist toll, auch wenn sie völlig durchgedreht ist. Oder Fanny Ardant: Sie ist großartig, extrem beeindruckend. Aber Binoche? Was hatte die je? Pialat jedenfalls verachtete die Clique der „Cahiers du Cinéma“, die unentwegt nur von Leos Carax sprach. ­Carax brauchte sechs Jahre, um seinen Binoche-Film zu drehen, der am Ende noch nicht einmal ein Film war, nur ein Stück Scheiße.

profil: Welche Regisseure mögen Sie denn?
Depardieu: Paul Thomas Anderson! „There Will Be Blood“ war fabelhaft. Der Mann macht mit Mitte 30 einen solchen Film! Ich liebe auch Daniel Day-Lewis. Was für ein Schauspieler. Obwohl er in Andersons Film ein bisschen zu viel des Guten macht.

profil: Day-Lewis ist Ihnen dann doch zu theatralisch?
Depardieu: Ja, trotzdem ist er gut! Man muss in einer solchen überlebensgroßen Rolle zu viel zeigen, richtig poltern! Das ist wie mit Iwan dem Schrecklichen: Ich werde ihn donnernder darstellen als Daniel Day-Lewis und alle bisherigen Iwan-Rezitatoren zusammen! Da kenne ich nichts. Denn die Wirklichkeit ist genau so.

profil: Gewalttätiger als jede Fiktion.
Depardieu: Absolut. Wie soll man historische Gewalt denn abbilden? Das Kino kann das kaum leisten. Es ist symptomatisch, dass ein Schauspieler wie Arnold Schwarzenegger, der das immer versucht hat, in die Politik abgewandert ist.

profil: Er ist Schauspieler geblieben. Jetzt eben im Dienst der Republikaner.
Depardieu: Und dieser österreichische Politiker, der gerade die Schlagzeilen dominiert, wie heißt er gleich? Sie wissen schon, der Rechtsaußen, der schwul war und gestorben ist?

profil: Sie meinen Jörg Haider?
Depardieu: Haider, genau. Ich habe gelesen, dass er einen heimlichen Millionen-Deal mit Gaddafi hatte. Haider ließ sich fast 50 Millionen auf seine Konten überweisen? Das ist doch unglaublich!

profil: Das Magazin, für das ich arbeite, hat diese Geschichte aufgedeckt.
Depardieu: Kein Rauch ohne Feuer: Ich glaube, dass diese Story wahr sein könnte.

profil: Angeblich sind Sie beim Drehen gern schnell, nehmen lieber gleich die erste oder zweite Aufnahme, als eine Szene öfter zu wiederholen. Sind Sie ungeduldig?
Depardieu: Überhaupt nicht. Es ist mir nur völlig egal, welche Aufnahme genommen wird. Warum nicht gleich die erste? Man will ja weiterkommen mit der Arbeit.

profil: Woran haben Sie zuletzt gearbeitet?
Depardieu: An einer Komödie namens „Po­tiche“, die übrigens in drei Wochen beim Festival in Venedig Premiere haben wird. Catherine Deneuve spielt mit, François Ozon hat inszeniert. Und ich habe „Small World“ gedreht, ein Alzheimer-Drama nach Martin Suter.

profil: „Small World“-Regisseur Bruno Chiche ist alles andere als ein bekannter Name. Treffen Sie Ihre Entscheidungen eigentlich nur nach Instinkt?
Depardieu: Nein, ich lese vor allem eine Unmenge an Drehbüchern. Aber das Kino ist sowieso in einer Krise. Viele Produktionen stecken in der Vorbereitungsphase fest.

profil: Sind Sie eigentlich noch in Psychoanalyse?
Depardieu: Nein, alles schon beendet. Das hab ich hinter mir. Ich glaube aber, dass auch die Psychoanalytiker alle am Ende sind.

profil: Hat Ihre Analyse nicht sogar Jahrzehnte gedauert?
Depardieu: Ja, schon. Ich fand es auch gut, die Analyse zu machen. Ich konnte das für mich nützen. Aber die Psychoanalyse stammt aus einer Zeit, als es in Wien noch einen Kaiser gab. Und in Wahrheit endete sie mit Jacques Lacan – in den sechziger Jahren.