Geschichte: Kronprinz Rudolf, der tragische Rebell und das Geheimnis von Mayerling

Und mutierte zum roten Tuch der Monarchisten. Nach zweieinhalb Jahrzehnten weiterer Forschungsarbeit erscheint das Buch nun in einer überarbeiteten und erweiterten Neuauflage. Für profil öffnete Hamann ihr privates Habsburger-Archiv.

Schwächling, Spinner, krankhafter Melancholiker, umnachteter Morphinist, Exzentriker, Frauenheld und Desperado, der in den Liebestod von Mayerling flüchtete, weil er an der erstickenden Welt, in die er hineingeboren wurde, gescheitert war. Als Brigitte Hamann im Zuge ihrer Forschungen über den europäischen Liberalismus Anfang der siebziger Jahre auf den Nachlass des tragischen Habsburger- Kronprinzen stieß, waren die Klischees, die sich um den Mythos Rudolf rankten, so nebulos wie zahlreich.

„Eigentlich haben mich die Habsburger damals überhaupt nicht interessiert“, erinnert sich die Historikerin, „nur als ich langsam begreifen lernte, was für einen Denker, Rebellen und Visionär es hier zu entdecken galt, entschloss ich mich, Rudolf zum Thema meiner Dissertation zu machen. Man wusste damals ja nicht, wie reformbesessen Rudolf eigentlich war.“

Nach der Lektüre seiner Schriften, Durchleuchtung seines liberalen und anti-klerikalen Umfelds und fünfjähriger Quellenforschung publizierte Hamann 1978 ihre Dissertation in Buchform. Und erregte damit Aufsehen, Anerkennung und Ärger. Für kaisertreue Historiker und Monarchisten mutierte die Mutter dreier Kinder, die neben ihrer Forschungsarbeit den Haushalt zu managen hatte und in ihrer Küche Berge von kopierten Akten, Tagebüchern und zeitgenössischen Zeitungen auf Hinweise und verborgene Fakten untersuchte, zum roten Tuch. „Die Hamann hatte damals den Zuckerguss, der an dem ganzen Habsburger-Clan klebte, gesprengt“, erinnert sich Filmregisseur Robert Dornhelm, der zurzeit in Wien mit Hamann als wissenschaftlicher Beraterin das Leben Rudolfs für den ORF verfilmt.

Auch Karl Vocelka, Geschichtsprofessor an der Wiener Universität, zollt Hamann Respekt: „Sie arbeitet ausgesprochen fundiert und hat mit dem Klischeebild dank ausführlichen Quellenstudiums aufräumen können.“ Dreißig Jahre nach dem Beginn ihrer Forschungsarbeiten über das System Habsburg – inklusive seiner Brüche, grausamen Schwerfälligkeiten und psychologischen Abgründe – legt Hamann nun Anfang November ihre Rudolf-Biografie in einer überarbeiteten und erweiterten Neuauflage vor. Der wesentliche Unterschied zum ursprünglichen Buch liegt in „der Klarheit der Fakten, die nach einigen Jahrzehnten mehr Quellenforschung natürlich erhärtet und erweitert wurden“, meinte Hamann.

Liebestod. Den wichtigsten Punkt in ihrem neuen Buch stellt für Hamann die Mayerling-Tragödie dar, „an deren Ablauf es jetzt nichts mehr zu rütteln gibt“: Mit der 17-jährigen Komtesse Mary Vetsera verband den Thronfolger keine wirklich tiefe emotionale Beziehung. Die gefällige und über Jahrzehnte hartnäckig kolportierte Variante eines romantischen Liebestodes ist für Hamann durch Fakten nicht belegbar: „Sie war eines der zahlreichen Groupies, die alles getan hätten, um auch nur in seiner Nähe zu sein. Er wollte sie ja am Morgen vor der Tragödie schon einmal aus Mayerling wegschicken und ließ die Kutsche anspannen – nur, sie setzte alles daran, um bleiben zu können. Sie wollte die Auserkorene sein, die mit ihm in den Tod ging.“ Ein Tod, der auch insofern eine brutale Fortsetzung fand, als die nackte Leiche des Mädchens mit weit aufgerissenen Augen und gestocktem Blut zwei Tage in einer Kammer in Mayerling versteckt wurde, ehe die Verwandten der Komtesse die – für die Monarchie – so diffamierende Kurzzeit-Mätresse des Prinzen bei Nacht und Nebel abtransportierten.

Auch die Theorie der geistigen Umnachtung als Ursache für den Mord und Selbstmord am 30. Jänner 1889, die bis in die Gegenwart beharrlich gestreut wird, „um die Wahrheit zu vernebeln“, glaubt Hamann mit ihrem jüngsten Erkenntnisstand endgültig eliminieren zu können: „Rudolf war klar im Kopf, was man auch an seinen letzten Briefen sieht, die sehr präzise Anordnungen geben und ein völlig unverändertes Schriftbild zeigen. Man brauchte die Diagnose einer geistigen Umnachtung einfach für die kirchliche Beisetzung.“ Auch der Abschiedsbrief an seine Frau Stephanie liefert keinerlei Hinweise auf eine geistige Verwirrung Rudolfs, sondern zeigt einen bewusst und überlegt handelnden Kronprinzen: „Liebe Stephanie! Du bist von meiner Gegenwart und Plage befreit; werde glücklich auf Deine Art. Sei gut für die arme Kleine, die das Einzige ist, was von mir übrig bleibt. Ich gehe ruhig in den Tod, der allein meinen guten Namen retten kann. Dich herzlichst umarmend, Dein Dich liebender Rudolf.“

Vor nicht allzu langer Zeit konnte Hamann in Ungarn späte Rudolf-Briefe an seine Frau Stephanie, die von Kaiserin Elisabeth wegen ihrer zunehmenden körperlichen Üppigkeit als „Trampeltier“ apostrophiert wurde, ausfindig machen. Diese Dokumente legen über seinen quälenden Krankheitsverlauf Zeugnis ab. Er klagt immer wieder über seine Erschöpfungszustände und darüber, dass er den ganzen Tag nichts als frieren würde und sich einen Pelz gekauft habe, „damit er es endlich warm hat“. Diesen Pelz trug Rudolf auch auf seinen letzten Porträtfotos, von denen sich eines in Hamanns Privatbesitz befindet.

Abschiedsbrief. Als für ihren Ehrgeiz als Historikerin unbefriedigend wertet Hamann die Tatsache, dass sie Rudolfs Abschiedsbrief an „die so geliebte und doch immer so ferne Mutter“ nicht finden konnte. Dass er existiert hatte, ist erwiesen, ebenso wie die Tatsache, dass der Sohn dem Vater keine letzten schriftlichen Worte zugedacht hatte.

Mittlerweile ist Hamann überzeugt, dass der Brief nach Elisabeths Tod vernichtet wurde. Im Laufe der Suche nach dem Schriftstück stieß die Historikerin jedoch in einem Schweizer Archiv auf die längst verschollen geglaubte Gedichtesammlung der Kaiserin. In einem unscheinbaren Pappkarton, der in der Schreibtischlade eines früheren Schweizer Bundespräsidenten verräumt war, fand sie 800 Seiten gebundene Gedichte, teils handschriftlich, teils gedruckt, die ihr „Bild von der Kaiserin stark revidierten“. Die Gedichte der späten Elisabeth zeigten eine scharfzüngige, aggressive Frau, die von einer tiefen Anti-Habsburg-Haltung geprägt war. Der Fund wurde zum Fundament von Hamanns zweitem historischem Coup – ihrer Elisabeth-Biografie, welche die vorletzte regierende Habsburger-Familie erneut als schrecklich dysfunktionale Familie bloßstellte und die klischeeumrankte Kaiserin in einem weit härteren Licht zeigte.

Elternhaus. Der kränkliche Rudolf wuchs im Spannungsfeld zwischen einem emotional tollpatschigen, ungerührt absolutistischen Vater und einer egozentrischen Mutter heran, die für ihre Aufgaben als Kaiserin und Mutter wenig Interesse hegte. Bereits in Rudolfs Kindheit wurden derart viele Weichen für die spätere Tragödie gestellt.

Rudolf wurde am 21. August 1858 als drittes Kind des Kaiserehepaars geboren. Elisabeth, emotional stark beeinträchtigt, da ihre erstgeborene Tochter Sophie erst fünfzehn Monate zuvor an Typhus verstorben war, begegnete dem so ersehnten männlichen Nachkommen von Anfang an mit Kälte und Gleichgültigkeit. Auf oberste Anweisung wurden die Feierlichkeiten anlässlich der Geburt des Thronfolgers bescheiden gehalten; das Land war nach der Revolution von 1848 finanziell erschöpft. 1859 musste der Kaiser in der Schlacht von Solferino eine schwere Niederlage einstecken. Die Stimmung in der Donaumonarchie war auf dem Tiefpunkt; alle Hoffnung konzentrierte sich „auf das durchlauchtigste Kind“, dessen schwache Konstitution Franz Joseph erhebliche Sorgen bereitete. Um das „Krepierl“ für ein späteres Dasein als strammer Soldat zu rüsten, engagierte Kaiser Franz Joseph Generalmajor Leopold Graf Gondrecourt als Erzieher. Gondrecourt quälte den Fünfjährigen mit Kaltwasserkuren, schreckte ihn nachts mit Pistolenschüssen auf und sperrte ihn im Lainzer Tiergarten ein, um dem Kind über die Mauer zuzurufen: „Achtung, ein Wildschwein!“

Hilferuf. Rudolfs erste Jahre waren von einer fast ständig abwesenden Mutter und traumatisierenden Angstzuständen geprägt. Mit sechs begann Rudolf sämtliche Nahrung zu verweigern. Einem Hilferuf des Gondrecourt zugeordneten Oberst Joseph von Latour an die Kaiserin war es zu verdanken, dass Rudolf gerettet wurde. Elisabeth stellte ein Ultimatum an den Kaiser, in dem sie die alleinige Vollmacht über die Erziehung ihres Sohnes forderte. Mit der Konsequenz, dass bürgerliche Lehrer engagiert wurden – ein geradezu revolutionärer Schritt. Nach dieser erzieherischen Wende, mit der sie sich gleichzeitig mehr Bewegungsradius für ihr eigenes Leben erkauft hatte, flaute Elisabeths Interesse am Wohlbefinden ihres einzigen Sohnes freilich bald wieder merklich ab.

Im Alter von 18 Jahren endet die Studienzeit Rudolfs bei seinen geliebten, vom bürgerlichen Liberalismus geprägten Lehrern, wie dem protestantischen Darwinisten und Geologen Ferdinand Hochstetter und dem – die bürgerlichen Revolutionen durchaus in den Lehrplan einbeziehenden – slowenischen Historiker Josef von Zhisman. Der Kaiser hingegen verbietet seinem Sohn das Studium der Naturwissenschaften und drängt Rudolf in eine militärische Laufbahn. Um den umschwärmten Knaben, dessen Idol der Reform-Kaiser Joseph II. ist, von seinen subversiven Freunden und gefährlichen Büchern fern zu halten, wird der als „Homme à Femmes“ reputierte Obersthofmeister Graf Charly Bombelles engagiert. Der verwegene Lebemann hat nun die Aufgabe, dem Kronprinzen die Wege zum zwischengeschlechtlichen Vergnügen diskret zu ebnen.

Mit partiellem Erfolg. Zwar erweist sich Rudolf als äußerst lernfähig, was den Umgang mit Frauen betrifft, doch an seinen politischen und intellektuellen Ambitionen ändert das wenig. 1878 publizierte er gemeinsam mit dem Wirtschaftsjournalisten Carl Menger anonym die 48-seitige Broschüre „Der österreichische Adel und sein constitutioneller Beruf“. In dem Schriftwerk wird der Verfassungsstaat gefordert und dem Adel „grenzenlose Trägheit“ vorgeworfen. Im Zuge seiner zunehmenden Isolation am Hof und Rudolfs Befürchtung, über die tatsächlichen Zustände und Entwicklungen in den habsburgischen Landen nicht authentisch informiert zu werden, kommt auf Vermittlung von Carl Menger 1881 der Kontakt mit Moritz von Szeps, dem jüdischen Herausgeber des „Neuen Wiener Tagblatts“, zustande, aus dem sich eine enge, geheime Freundschaft entwickelt. Für das antiklerikale und linksliberale Blatt, das den Untertitel „Demokratisches Organ“ trägt, beginnt Rudolf in Folge anonyme Leitartikel zu verfassen, die sich gegen die Kirche, die Aristokratie und die konservativen Kräfte der Monarchie richten. Szeps selbst muss Rudolfs Texte bisweilen mildern, um keine Beschlagnahme der Zeitung durch die staatliche Zensurbehörde zu riskieren.

Kinderglück. Im Mai 1881 heiratet Rudolf endlich die 16-jährige belgische Prinzessin Stephanie, in der Folge ändert er seine promiskuitiven Gepflogenheiten allerdings nur marginal. Schon bei der Brautwerbung in Brüssel hatte er eine Geliebte im Tross. 1883 kommt Tochter Elisabeth zur Welt, bei deren Geburt Rudolf – für damalige Zeiten auch das revolutionär – durchgängig anwesend war. Es sollte Rudolfs einziges Kind bleiben. 1886 wird ruchbar, dass Rudolf ernstlich an einer Geschlechtskrankheit leidet. Der Kronprinz infiziert auch seine Frau, die so unfruchtbar wird. Rudolfs letzte große Liebe ist die 23-jährige Grazerin Mizzi Caspar, die ihm Johanna Wolf, offiziell den Beruf der Weißnäherin ausübend und inoffiziell als Mädchen-Vermittlerin für die allerlauchtesten Kreise tätig, zugeführt hat. Wolf belieferte auch Rudolfs Intimfeind, den Hohenzollern-Prinzen Wilhelm, mit geeigneten Halbweltdamen, mit denen sich Wilhelm bei seinen häufigen Wiener Exkursionen vergnügte. Der Bitte Rudolfs, den derben Hohenzollern auszuhorchen, kam Wolf zwar nach, spielte aber insofern ein falsches Spiel, als sie auch Intiminformationen über Rudolf an Wilhelm weitergab. Mit dem Tod des liberalen Kaisers Friedrich III. starb für Rudolf im Juni 1888 auch die Hoffnung auf einen ähnlich gesinnten Bündnispartner.

Kreuzzeichen. Im Sommer 1888 bat Rudolf Mizzi Caspar wiederholt, sich mit ihm zu erschießen. Die von Rudolf zur „Hausbesitzerin“ gemachte Frau nahm all ihren Mut zusammen und meldete die Suizid-Absichten ihres heimlichen Geliebten dem Polizeipräsidenten. Die Meldung wurde jedoch nicht weitergegeben. Der erzkonservative Innenminister und Ministerpräsident Graf Eduard Taaffe sah in einem möglichen Selbstmord Rudolfs die Chance, seinen Widersacher bequem loszuwerden.

In der Nacht vor seinem Tod besucht Rudolf noch einmal Mizzi Caspar. Der Polizeiagent Florian Meissner notiert in seinem Protokoll: „Montag, den 28.1.1889 war E. R. bei Mizzi bis drei Uhr morgens, trank sehr viel Champagner und gab dem Hausmeister zehn Gulden (rund 100 Euro) Sperrgeld. Als er sich von Mizi empfahl, machte er ganz gegen seine Gewohnheit ihr an der Stirne ein Kreuzzeichen.“

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer