Gift: Der überlebte Mord

profil erzählt den Krimi der Spurensuche nach dem Dioxin-Anschlag auf den ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Viktor Juschtschenko: was im Wiener Rudolfinerhaus wirklich geschah.

Es wäre beinahe ein perfekter Mord gewesen. Übelkeit, Erbrechen, heftige Schmerzen, ein sich über Tage und Wochen verschlimmernder Krankheitszustand, ohne dass die Ärzte am Lauf der Dinge etwas Entscheidendes hätten ändern können. Der Patient wäre schließlich verstorben, und kein Gerichtsmediziner hätte nachweisen können, was die Ursache war.

So aber kam alles anders, als es um ein Haar hätte sein können.

Viktor Juschtschenko, der liberale, westlich orientierte Präsidentschaftskandidat der Ukraine, ist zwar – für alle Welt sichtbar – entstellt und wird wohl noch jahrelang an den Folgen seiner Dioxinvergiftung zu leiden haben, aber er lebt. Und vermutlich wird er aus der Wahlwiederholung am 26. Dezember als Sieger hervorgehen. Dann wird man wahrscheinlich endgültig sagen können, dass die Täter, die ihm das Dioxin ins Essen gemischt haben, das Gegenteil dessen erreicht haben, was sie erreichen wollten.

Aber es hätte um ein Haar anders kommen können.

Am 11. Oktober berichtete profil erstmals über seltsame Vorgänge rund um einen prominenten Patienten des Wiener Rudolfinerhauses – dort lag mit heftigen Bauchkrämpfen der 50-jährige Viktor Juschtschenko, umringt von Bodyguards. Ein von den Ärzten geäußerter Vergiftungsverdacht wurde von der ukrainischen Opposition sogleich als Wahlkampf-Munition gegen das Regierungslager genutzt, worauf der ärztliche Leiter des Rudolfinerhauses, Lothar Wicke, diesen Verdacht wieder zurücknahm: Er lasse sein Haus nicht in den ukrainischen Wahlkampf hineinziehen, es gebe absolut keine Hinweise auf eine Vergiftung. Diese Aussage führte im Rudolfinerhaus zu heftigen Auseinandersetzungen: einerseits zwischen Wicke und Juschtschenkos Entourage, die Wickes Aussage als politisch extrem kontraproduktiv empfand – Wicke fühlte sich bedroht und forderte Polizeischutz an. Andererseits zwischen Wicke und dem Präsidenten des Hauses, Michael Zimpfer, der im Gegensatz zu Wicke zu den behandelnden Ärzten gehörte und der hinter Juschtschenkos Krankheit einen Anschlag mit biologischen oder chemischen Kampfmitteln vermutete. Zimpfers Anzeige wegen Verdachts auf Fremdverschulden führte zu Erhebungen der Staatsanwaltschaft und zur Beschlagnahme der Krankengeschichte, wobei es im Rudolfinerhaus zu einem Handgemenge zwischen Staatsorganen und ukrainischen Sicherheitsleuten kam.

Der profil-Bericht rund um den erstmals aufgetauchten Vergiftungsverdacht schlug sich in zahlreichen internationalen Medien nieder, darunter auch in Weltblättern wie „Le Monde“. Inzwischen haben die Analysen mehrerer Labors die Diagnose „Dioxinvergiftung“ bestätigt. profil schildert erstmals die genauen Hintergründe der Spurensuche.

5. September, Geheimdienst
Im Kiewer Haus des stellvertretenden ukrainischen Geheimdienstchefs Volodymyr Satsyuk trifft sich Juschtschenko mit Geheimdienstchef Ihor Smeschko und anderen Geheimen zum Abendessen. Zur Speisenfolge gehörten Rahmsuppe, Sushi und Flusskrebse. In der darauf folgenden Nacht klagte Juschtschenko über heftige Bauch- und Rückenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Vier Tage danach kam er, noch immer von heftigen Schmerzen geplagt, in einem mitternächtlichen Flug von Kiew zur Behandlung nach Wien ins 120 Jahre alte private Nobelspital Rudolfinerhaus. Die Kontakte liefen über Nikolai Korpan, einen aus der Ukraine stammenden, seit vielen Jahren in Wien tätigen Allgemeinchirurgen, der im Rudolfinerhaus als Belegsarzt ordiniert.

Michael Zimpfer, seit drei Jahren Präsident des Aufsichtsrats des Rudolfinerhauses sowie Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin, der bei Juschtschenkos Aufnahme anwesend war, berichtet, die Ärzte hätten sich zunächst nur auf eine „deskriptive Diagnostik“ beschränken müssen – so ungewöhnlich war das Krankheitsgeschehen. Demnach wurde Juschtschenko „in einem kritischen, aber nicht sterbenden Zustand“ eingeliefert. Die Erstdiagnose lautete auf „akutes Abdomen“ (akuter Bauch).

Zunächst deutete nichts auf eine Vergiftung oder gar eine Dioxinvergiftung hin, wie sie etwa durch eine charakteristische Chlorakneerkrankung der Gesichtshaut erkennbar wird. Wohl zeigten sich im Gesicht des Patienten Hautrötungen, die von zwei hinzugezogenen Hautärzten zunächst als Rosacea, eine chronisch verlaufende Hauterkrankung unbekannter, vermutlich genetischer Ursache, gedeutet wurden. Weiters diagnostizierten die Mediziner einen Herpes zoster (Gürtelrose), eine leichte Gesichtslähmung sowie eine Ohrenentzündung.

11. September, Blutflecken im Darm
Weit dramatischere Befunde ergaben die Aufnahmen aus dem Computertomografen sowie die endoskopische Untersuchung von Magen und Darm durch den AKH-Gastroenterologen Eduard Penner. Demnach zeigten sich im Magen, im Zwölffinger- und im Dickdarm des Patienten geschwollene Blutflecken, auch Leber und Bauchspeicheldrüse waren stark angeschwollen, die Leberwerte im Blut deutlich erhöht – typische Anzeichen einer Leberentzündung (Hepatitis) und eines Leberzerfalls. Überdies zeigten sich an den Rändern der Bauchspeicheldrüse Flüssigkeitsaustritte, deutliches Signal für eine – von Ärzten besonders gefürchtete – Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse).
Es bestand akute Lebensgefahr.

Denn die Pankreatitis birgt in sich die Gefahr, dass sich die Entzündung „selbst propagiert“ und das Organ „verrückt spielt“, wie es Intensivmediziner Zimpfer formuliert. In solchen Fällen sondert die Bauchspeicheldrüse nicht mehr die üblichen Verdauungssekrete in den Darm ab, um den Speisebrei in seine Bestandteile aufzulösen, sondern beginnt, mittels gewebszersetzender Stoffe, seine Umgebung zu verdauen. Außerdem bestand auch Gefahr, dass die Leberfunktion zusammenbricht – für das behandelnde Ärzteteam ein Albtraum.

Die Situation war umso dramatischer, als die Ursache von Juschtschenkos Erkrankung nach wie vor unbekannt war. Die Mediziner konnten vorerst nur versuchen, bekannte Erkrankungen nach und nach auszuschließen, wie etwa eine Fisch- oder eine andere Lebensmittelvergiftung, eine Immunerkrankung oder eine bakterielle oder virale Infektion. Aber im Blut fand sich bis auf den Herpes zoster keinerlei Erreger, auch ließ sich kein „Morbus“, also keinerlei Kombinationserkrankung, finden. Die Ärzte suchten, fanden aber nichts. Sie verabreichten dem Patienten Infusionen und organstabilisierende Medikamente. Aber damit war ihre Kunst auch schon zu Ende.

18. September, kritische Leberwerte
Acht Tage nach seiner Aufnahme im Rudolfinerhaus flog Juschtschenko zurück in die Ukraine, um sich wieder im Präsidentschaftswahlkampf zu engagieren – entgegen dem dringenden Rat der Wiener Ärzte, die Schlimmes befürchteten, weil sich die Leberwerte des Patienten weiter verschlechtert hatten. Am 30. September kehrte Juschtschenko wieder nach Wien zurück, um sich einer neuerlichen ärztlichen Behandlung zu unterziehen. Unterdessen klagte er über unerträgliche Rückenschmerzen, wie sie sonst allenfalls nach einem Unfall oder im Zusammenhang mit einem Bandscheibenvorfall auftreten. Doch die Abklärung im Kernspintomografen unter Beiziehung des bekannten Wiener Neurologen Heinrich Binder, des Ärztlichen Leiters des Neurologischen Krankenhauses im Wiener Maria-Theresien-Schlössl, ergab keinerlei Befund im Bereich der Wirbelsäule.

2. Oktober, unerträgliche Schmerzen
Um die unerträglichen Schmerzen zu lindern, verabreichten die Ärzte dem Patienten intravenös extrem hohe Dosen morphinartiger Medikamente. In einer nicht ungefährlichen Aktion injizierten sie ihm zusätzlich mittels Katheter ein Lokalanästhetikum neben das Rückenmark der Brustwirbelsäule, weil die durch nichts erklärbaren Schmerzen stärker wurden, obwohl sich Juschtschenkos Allgemeinzustand inzwischen leicht gebessert hatte. Die Ratlosigkeit der Ärzte wurde nur noch größer, nachdem sich auch bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung von Harn- und Blutproben des Patienten „kein Hinweis für toxikologisch relevante Komponenten“ ergeben hatte (siehe Faksimile).

Heute wissen sie, warum: Zwar gilt der Chefchemiker des Wiener Instituts für Gerichtsmedizin, Walter Vykudilik, allseits als hervorragender Detektiv mit der Pipette. (Er konnte unter anderem in den neunziger Jahren die von der „schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner mithilfe des Blutzuckermittels Euglucon begangenen Giftmorde an drei Pensionisten aufklären.) Aber es fehlen am Wiener gerichtsmedizinischen Institut jene Präzisionsgeräte, die man benötigt, um auch eine Dioxinvergiftung zu entdecken. „Man kann so eine Analyse ohne die entsprechenden Geräte, ohne die personellen und strukturellen Voraussetzungen nicht machen, das geht nicht“, sagt Vykudilik.

7. Oktober, ärztlicher Hilferuf
Weil die behandelnden Ärzte schon frühzeitig auf eine unbekannte biologische oder chemische Waffe getippt hatten, wandten sie sich weltweit an höchste Repräsentanten ihres Fachs, an wissenschaftliche Institute und internationale Organisationen um Hilfe bei der Aufklärung des schwierigen Falles: „Da die Erkrankung untypisch verläuft, ist auch der Verdacht des individuellen Einsatzes eines biologischen Kampfstoffes gegeben. Aufgrund der geschilderten Situation benötigen wir Ihre Hilfe und möchten Sie herzlich ersuchen, uns diese bezüglich chemischer Kampfmittel und biologischer Waffen zu gewähren“, heißt es in dem von Korpan und Zimpfer unterzeichneten Schreiben. Zugleich setzte sich Zimpfer telefonisch mit Kollegen in weltweit führenden Instituten der Toxikologie, darunter dem Center of Poison Control in Washington, in Verbindung, um mit ihnen die seltsamen Krankheitssymptome zu erörtern. Aber auch diese Gespräche blieben vorerst ohne Ergebnis.

Nach neuerlichem zehntägigem Aufenthalt im Wiener Rudolfinerhaus flog Juschtschenko, begleitet von Zimpfer und einer Wiener Ärztin, am 10. Oktober über Lemberg, wo Juschtschenko eine Wahlveranstaltung abhielt, nach Kiew, um sich dort in weitere ärztliche Behandlung zu begeben. Die Wiener Ärztin blieb als Beratungs- und Auskunftsperson in Kiew zurück.

Nun behauptete der vom Westen unterstützte Juschtschenko auch im Parlament in Kiew, er sei von Regierungskreisen vergiftet worden, was nicht ohne Wirkung auf die öffentliche Meinung in der Ukraine blieb: Der Kandidat der Opposition legte in allen Umfragen deutlich zu und schien gute Aussichten zu haben, nach dem ersten Wahlgang am 31. Oktober in die für 20. November angesetzte Stichwahl zu kommen und seinen Hauptrivalen Viktor Janukowitsch, den Kandidaten des Regierungslagers, zu schlagen. Zum Beleg seiner Behauptung legte Juschtschenko jenes ärztliche Schreiben aus Wien vor, das zu den erwähnten Erschütterungen unter den Ärzten des Rudolfinerhauses führte.

22. November, Dioxin-Verdacht
Einige Wochen später war der Beleg für Juschtschenkos Behauptung auch in seinem Gesicht zu sehen: anthrazitfarben aufgedunsen, zerfurcht und mit Pusteln überzogen, die Augen verschwollen. Als der Londoner Toxikologe John A. Henry diese Aufnahmen sah, tippte er sofort auf eine Dioxinvergiftung. Die Furchen und Geschwulste in Juschtschenkos Gesicht seien allem Anschein nach eine Chlorakne, und die sei nun einmal charakteristisch für eine Dioxinvergiftung, sagte Henry gegenüber einem Redakteur des Londoner „Inde-pendent“.

Er verfüge zwar über keine toxikologische Evidenz zur Untermauerung seines Verdachts, aber seine Diagnose beziehe sich auf diese Bilder sowie auf den medizinischen Bericht, wonach Juschtschenko zwei Monate zuvor völlig gesund gewesen wäre. „Es gibt nur sehr wenige medizinische Konditionen, die innerhalb so kurzer Zeit zu dieser Art Veränderung führen können“, sagte Henry, der es für durchaus möglich hielt, dass eine einzige hohe Dosis Dioxin, versteckt im Essen, genügen würde, um jenen Effekt zu erzeugen, wie er nun in Juschtschenkos Gesicht zu sehen war (siehe auch Interview oben).

11. Dezember, Dioxin-Bombe
Die Veränderungen in Juschtschenkos Gesicht, wie sie im Fernsehen und in Zeitungen zu sehen waren, waren auch Ärzten in Wien aufgefallen. So etwa tippte auch Hubert Pehamberger, der neue Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Dermatologie, auf eine Chlorakne. Solche Vergiftungen sind zwar äußerst selten, aber es gab auch schon Fälle in Österreich, weil Dioxin auch bei normalen Verbrennungs- oder industriellen Produktionsprozessen anfällt. Im Jahr 1998 wurden bei fünf Mitarbeiterinnen des österreichischen Textilinstituts erhöhte Dioxinwerte im Blut festgestellt. Zwei der Betroffenen erlitten schwerste Vergiftungen und waren „mit Chlorakne übersät und schwer entstellt“, wie die Austria Presse Agentur damals meldete.

Unterdessen hatten die Wiener Ärzte an Juschtschenko appelliert, wieder nach Wien zu kommen, um sich weiteren Untersuchungen zu unterziehen. Schon zuvor wurden ihm in Kiew neuerlich Blutproben abgenommen und von einem bei der Prozedur anwesenden österreichischen Zeugen in einer eidesstattlichen Erklärung als von Juschtschenko stammend bestätigt. Diese Proben gingen an mehrere Labors, darunter an ein EU-Referenzlabor in Amsterdam. Am Samstag, den 11. Dezember platzte dann die Bombe: In einer internationalen Pressekonferenz gab das behandelnde Ärzteteam in Juschtschenkos Gegenwart die Analyse des Labors in Amsterdam bekannt: Demnach enthielten die Blutproben derart hohe Dioxinwerte, dass eine exakte Bestimmung vorerst unmöglich war. In der Vorwoche bestätigten zwei weitere EU-Referenzlabors, Juschtschenkos Blutproben würden Dioxinwerte zeigen, die etliche tausend Mal höher liegen als die im menschlichen Blut vorhandenen Normalwerte.