Österreichs Goldreserven

Die Nationalbank hält Goldreserven im Wert von elf Milliarden Euro. Wo dieser Schatz liegt, wird aber nicht verraten. Nicht nur die FPÖ findet das Versteckspiel seltsam.

Geduld ist wichtig in der Politik. Nur wer warten kann, hält es in dieser Branche aus. Denn schnell geht hier gar nichts. Gerhard Deimek beispielsweise, Nationalratsabgeordneter der FPÖ, bearbeitet seine Lieblingsmaterie nun schon seit drei Jahren. Zwölf parlamentarische Anfragen hat er gestellt, die letzte ist erst ein paar Tage alt. Erkennbare Fortschritte waren ihm bis dato nicht vergönnt. Aber Deimek bleibt motiviert. „Spätestens wenn die ­Diskussion in Deutschland und in der Schweiz offen ausbricht, muss sich auch in Österreich was tun“, glaubt er.

Deimeks politische Leidenschaft gehört den Goldreserven der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). In den vergangenen Jahren quälte er das Finanzministerium mit Fragen wie: „In wie vielen unterschiedlichen Lagerstätten befinden sich die Goldvorräte der OeNB?“, „Wie hoch sind die gegenwärtig anfallenden Lagerkosten?“, „Ist die OeNB gesetzlich verpflichtet, ihre Goldbestände in regelmä­ßigen Abständen in Augenschein zu ­nehmen?“

Die Antworten fielen dürftig aus. Das Ministerium orientiert sich offenbar am alten Sprichwort, wonach Reden Silber und Schweigen Gold ist. Gerne wird auf die Unabhängigkeit der Nationalbank und diverse Vertraulichkeitsregeln hingewiesen. „Auch veröffentlicht die OeNB, der international üblichen Notenbank-Praxis folgend, ihre Strategie hinsichtlich der Lagerung und der Disposition im In- und Ausland nicht“, textete etwa der damalige Finanzminister Josef Pröll im Februar 2011.

Das Edelmetall Gold beflügelt die Fantasie der Menschen seit jeher. Um Gold wurden Kriege geführt, für Gold riskierten Abenteurer ihr Leben, die Gier nach Gold begründete Hochkulturen und löschte andere aus. Es liegt also nahe, dass eine populistische Oppositionspartei wie die FPÖ dem Goldrausch erliegt. Das Thema interessiert die Wähler nun einmal mehr als das Eisenbahngesetz, für das Gerhard Deimek als Infrastruktursprecher der Partei ebenfalls zuständig wäre.

Doch abseits von parteipolitischen Manövern sind die Fragen der Freiheitlichen berechtigt. Das Gold der Nationalbank gehört eigentlich den Bürgern. Es ist also schon ein wenig seltsam, wenn die Österreicher keinesfalls erfahren dürfen, wo ihre edlen Notgroschen gebunkert sind.
Gesicherte Informationen gibt es nur wenige: Die Nationalbank besitzt aktuell 280 Tonnen Gold mit einem Wert von rund elf Milliarden Euro.

Gelagert wird dieser Schatz „teilweise in Österreich, teilweise an internationalen Goldhandelsplätzen“, sagt Christian Gutlederer, Sprecher der Nationalbank. Wo wie viele Tonnen schlummern, kann er leider nicht verraten: „Es ist die Politik der Europäischen Zentralbank, das nicht zu kommunizieren.“ Immerhin darf er erklären, warum die Nationalbank ihren Vorrat nicht zur Gänze im eigenen Keller bunkert. „Es kommt vor, dass wir Gold an andere Banken verleihen. Solche Geschäfte sind nur an Großhandelsplätzen möglich.“ Gemunkelt wird über Lagerräume bei den Zentralbanken in New York und London. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nie.

Die Magie des Golds verleitet selbst nüchterne Notenbanker zu Agententhriller-Marotten. Mit sachlichen Argumenten lässt sich die Geheimniskrämerei nur schwer erklären. Gold ist heute ein Investment wie jedes andere. Die OeNB wäre nicht einmal verpflichtet, überhaupt noch Barren als Notreserve zu halten. Und selbst wenn bekannt würde, wie viel Gold in Österreich lagert, kämen heimische Dämmerungseinbrecher wohl nicht auf die Idee, den Tiefspeicher der Nationalbank auszuräumen. Solche Plots gibt es nur auf der Kinoleinwand. Im richtigen Leben ist der Bankomat ums Eck für die meisten Ganoven Herausforderung genug.

Das seltsame Verhalten der Notenbanken sorgt nicht nur in Österreich für Diskussionen. Der CSU-Abgeordnete Peter Gauweiler richtete schon vor eineinhalb Jahren eine Anfrage an die deutsche Bundesregierung. Im Gegensatz zu seinen österreichischen Politikerkollegen bekam Gauweiler wenigstens Auskunft über die Lagerstätten: Ein Teil der 3402 Tonnen, die von der Deutschen Bundesbank gehalten werden, liegt in Deutschland, der Rest bei der Bank of England in London und bei der US-Zentralbank Federal Reserve in New York. Der deutschen Tageszeitung „Bild“ waren die Informationen dennoch zu dürftig. Vor ein paar Wochen begab man sich deshalb zum Lokalaugenschein. „Bild beim Goldschatz der Deutschen in New York“, titelte das Blatt. Das war allerdings übertrieben: Weder der Reporter noch der ebenfalls anwesende CDU-­Bundestagsabgeordnete Philipp Mißfelder durfte einen Blick ins Innere der Tresorräume werfen. „Wie viele Barren? ­Alles geheim. Keine Fotos!“, schrieb der ­Reporter entnervt.

Auch die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei (SVP) macht sich Sorgen um die Goldreserven des Landes. Sie sammelt derzeit Unterschriften für die Initiative „Rettet unser Schweizer Gold“. Ziel ist unter anderem eine Verfassungsbestimmung, wonach die etwas mehr als 1000 Tonnen nur im Inland gelagert und keine Barren mehr verkauft werden dürfen.

Eine parlamentarische Anfrage zu den Lagerstätten wurde von der Schweizer Regierung mit noch spitzeren Fingern behandelt als jene in Österreich und Deutschland. Statt ausweichender Antworten gab es – angeblich aus Sicherheitsgründen – gar keine.

Angesichts all dieser Mühen stellt sich die Frage, ob es für Notenbanken heutzutage überhaupt noch sinnvoll ist, Gold zu horten. Der Ökonom Stephan Schulmeister glaubt das durchaus: „Solange die theoretische Möglichkeit besteht, dass die Währungsunion zerfällt, sind Goldreserven in einem gewissen Ausmaß wichtig.“ Eigenartig findet er allerdings die Praxis, diese Absicherung für den allerschlimmsten Notfall im Ausland zu parken. „Sollte es wirklich einen weltweiten Wirtschaftskrieg geben, wäre es vermutlich nicht so gut, wenn das Gold woanders liegt.“

FPÖ-Mann Gerhard Deimek teilt diese Sorge – er formuliert sie nur deftiger: „Ich traue den Amerikanern zu, dass sie im Ernstfall hinlangen.“
Der Nationalbank gelangen allerdings auch ohne ausländische Mitwirkung ein paar richtig schlechte Geschäfte. Zwischen 1999 und 2006 reduzierte die OeNB den Bestand um rund 130 Tonnen. Etwas mehr als 20 Tonnen gingen im Rahmen der ­Euro-Einführung an die Europäische Zentralbank.

Der Rest wurde verkauft – und zwar zum ungünstigsten Zeitpunkt. Eine Feinunze (31,1 Gramm) kostete damals höchstens 400 Dollar, derzeit müssen ­Käufer mehr als das Vierfache bezahlen. Hinterher sei man immer klüger, meint Banksprecher Gutlederer: „Es gab damals erstens eine andere Einschätzung über die Entwicklung des Goldpreises. Aber Goldtransaktionen von Notenbanken orientieren sich zweitens, und das ist ein sehr wichtiger Punkt, nicht in erster Linie am Gewinn, sondern an währungspolitischen Inter­essen.“

Der große Goldbazar der OeNB fiel in die Zeit der schwarz-blauen Koalition und dürfte die Budgeterstellung des damaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser etwas erleichtert haben. Jörg Haider hatte seinerzeit sogar angeregt, das Gold der Nationalbank komplett zu verhökern. Deshalb ist die FPÖ bei ihren Forderungen jetzt auch nicht so schrill wie gewöhnlich. Man wolle sich weder einmischen noch Kritik üben, verspricht Gerhard Deimek. „Es geht uns nur um Transparenz.“

Bis Ende Mai hat Finanzministerin Maria Fekter nun Zeit, die aktuelle Gold-Anfrage der Freiheitlichen zu beantworten. Fekter gilt als Plaudertasche, vielleicht verrät sie ja ein paar Geheimnisse.