Graz. Ein Wintermärchen.

Ein leider ganz normaler Tag im Leben einer heimatbewussten Politikerin.

Susanne Winter hatte nach dem siebenten Schrei aus ihrer Kuckucksuhr – er klang etwas verzweifelt, wohl weil der von behänder deutscher Hand im schönen Schwarzwald geschnitzte Muntermacher schon seit geraumer Zeit und natürlich nicht zu Unrecht die drohende Überfremdung durch einen Radiowecker aus Hongkong befürchtete – kaum die Augen geöffnet, als sie auch schon spürte, dass es heute wieder einer jener Tage werden würde.
Susanne machte das Fenster auf. Draußen war es grau und feucht. Das lag zweifelsfrei an der Süd-Ost-Strömung, die seit der Schengen-Erweiterung völlig ungehindert in unsere Breiten vordringen konnte. „Danke, EU!“, murmelte Susanne angewidert und beschloss spontan die Einleitung eines weiteren Notwehr-Volksbegehrens.

Als sie sich danach anschickte, ihr Müsli – Haferflocken aus der Lüneburger Heide, ein oststeirischer Apfel und eine halbe Banane, vermutlich aus Nordnorwegen – mit ein paar Rosinen aufzupeppen, prallte sie entsetzt zurück. Auf der Packung stand: „Sulta­ninen“. Und: „Made in ­Turkey“. Zum Ersten war Susanne überrascht, dass die Türken rein technisch überhaupt dazu in der Lage waren, Weintrauben verfaulen zu lassen. Hier musste es einen illegalen Technologietransfer gegeben haben. Der schwerere Schlag war aber natürlich, so etwas in ihrem eigenen Haus vozufinden. Für diese Provokation war sicherlich Edina verantwortlich, Susannes bosnische Haushaltshilfe. Susanne war schon länger unglücklich mit Edina, aber um sechs Euro die Stunde bekam man ja leider keine Österreicherin. Schon gar keine mit einem Universitätsabschluss in Betriebswirtschaftslehre.

Nun wusste Susanne aber natürlich, dass ein Universitätsabschluss von dort in etwa mit einem einsemestrigen Volkshochschulkurs von hier verglichen werden konnte. Und sie wusste auch, dass so gut wie alle anderen Völker gegenüber unserer herausragenden Rasse genetisch dermaßen benachteiligt waren, dass sie viele von ihren haarsträubenden Dummheiten gar nicht absichtlich machten.

Sie waren halt einfach deppert geboren worden. Und daran konnte leider nichts und niemand etwas ändern. Später, in der Straßenbahn, setzte sich unaufgefordert eine Frau mit Kopftuch neben sie. Verwundert schaute sich Susanne Winter um, konnte jedoch im ganzen Wagen kein „Nur für Österreicher“-Schild entdecken. Schade, dass ihr diese schockierende Lücke im heimischen Rechtssystem jetzt erst auffiel. Wo doch der Wahlkampf nun zu Ende war.

Wenigstens stieg die Frau – sofern es sich um eine handelte, denn zum einen hatte der Bartwuchs diesbezüglich bei der stets wachsamen Susanne leichte Zweifel aufkommen lassen, und zweitens gab es ja in einer Religion, deren Gründer ein Kinderschänder war und in der es als völlig normal betrachtet wurde, sich an unschuldigen Kamelen oder Schafen zu vergehen, mit Sicherheit auch eine besonders hohe Zahl von perversen Transvestiten – zwei Stationen später aus. Susanne Winter vermerkte befriedigt, dass sie nicht
explodiert war.

Aber die Freude über diesen Erfolg, der sicherlich ihrer Partei zu verdanken war, verebbte rasch. Nämlich in der Sekunde, als Susanne gleich hinter dem Mufti mit dem gezwirbelten Schnurrbart und dem Turban, der wie jeden Tag an derselben Ecke eine Obdachlosenzeitung verkaufte – einmal hatte Susanne zu ihm gesagt: „Warum du nicht sein obdachlos zu Hause in Teheran, Mufti?“, und er hatte geantwortet: „Das kann ich Ihnen schon sagen: weil ich ein indischer Sikh aus Amritsar bin“ –, einen Neger sah. Ach, die Neger! Susanne seufzte. Warum man zu ihnen angeblich nicht mehr „Neger“ sagen durfte, obwohl sie doch nun einmal welche waren, wollte nicht in ihren Kopf.

Sie hatte früher „Negerbrot“ geliebt und verdankte dem „Negerboxen“ eine ihrer frühesten erotischen Erfahrungen, weil sich der Grasberger Martin aus der Parallelklasse beim Versuch, ihr mit dem Zeigefinger in den Bauch zu piksen, einmal grob in der Angriffsebene vertan hatte. Und was für eine Freude sie immer gehabt hatte, dass von den zehn kleinen Negerlein am Ende keines übrig blieb!

All diese Erinnerungen wollte man ihr nehmen. Aber sie würde das nicht zulassen. „Neger!“, zischte sie im Vorbeigehen. „Neger, Neger, Neger!“, wiederholte sie dann schnell und war gespannt, was nun passieren würde. Doch der Neger stand nur da und tat nichts. Gut, andererseits taten Neger ja nie was.

Wenigstens, dachte Susanne dann, als sie im Wartezimmer ihres Arztes saß, erkennt man die Neger gleich. Und die Moslems eigentlich auch. Das machte einem das Nichtanstreifen leichter. Bei manchen anderen war das ja ungleich komplizierter. Man müsste sie irgendwie kennzeichnen, mit einem gut sichtbaren roten Punkt etwa. Oder nein, vielleicht eher mit einem Stern. Der könnte dann aber natürlich nicht rot sein. Aber was dann? Susanne würde diese Frage in der nächsten Vorstandssitzung aufwerfen.

Endlich kam Susanne dran. Der Arzt lächelte sie freundlich an und sagte: „Nun, Frau Winter, zuerst einmal die gute Nachricht: Paranoia ist heutzutage heilbar.“