Grüne: Zigarrenklub statt Haschtrafik

Ob im elitären Debattierklub, im Wiener Musikverein oder in der Ballrobe – Eva Glawischnig macht überall ausgezeichnete Figur. Wie bürgerlich ist Van der Bellens Kronprinzessin wirklich?

Martin Bartenstein hatte sich eigens eine grüne Krawatte mit bunten Fröschen drauf umgebunden. Doch das interessierte die Damen wenig. Die rund 200 Karrierefrauen, darunter „ZiB2“-Lady Ingrid Thurnher, Society-Gräfin Evi Walderdorff oder VP-Abgeordnete Gertrude Brinek, begehrten anderes: Sie wollten „den Testosteron-Level senken“, wissen, ob „Karenzväter Waschlappen sind“ oder warum die Frauenerwerbsquote hierzulande niedriger ist als in Norwegen.
Der Wirtschaftsminister schlug sich durchaus wacker: Beim Thema „Tagesväter“ mimte er den Aufgeschlossenen, die Öffnungszeiten der Kindergärten möchte er ausgeweitet, den Wiedereinstieg für Frauen erleichtert wissen. Als die frühere Bipa- und jetzige Interio-Geschäftsführerin Janet Kath die Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau monierte, konterte der Minister schelmisch: „Und warum haben Sie als Chefin von 2000 Bipa-Mitarbeiterinnen nicht dafür gesorgt, dass diese Frauen mehr verdienen?“

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die „Jute statt Plastik“-Ära bei den Grünen endgültig passé ist, dann wurde er vergangenen Donnerstagabend erbracht. Zwischen Humidor und Chesterfield-Fauteuils war von der Birkenstockschlapfen-Attitüde aus Pionierzeiten nichts mehr zu bemerken. Im „Zigarrenklub“ des PR-Beraters Wolfgang Rosam in der Wiener Neulinggasse hatte Eva Glawischnig, Vize-Chefin der Grünen, die illustre Damenrunde mit Stargast Martin Bartenstein um sich geschart. Auch bei Wolfgang Schüssel und Karl-Heinz Grasser hatte sie angefragt – doch die beiden zogen es vor zu kneifen.

„Club der Frauen – die überparteiliche Fraueninitiative“ nennt sich Glawischnigs Netzwerk, das in der Öffentlichkeit „die Stimme für Frauenanliegen“ erheben soll. Neben der Grünen-Abgeordneten Brigid Weinzinger sind SP-Mandatarin Ulli Sima, ÖVP-Parlamentarierin Christine Marek oder die von der FPÖ in den ORF-Stiftungsrat entsandte Janet Kath mit von der Partie. Auch Beate Sumper, die Freundin von Karl-Heinz Grasser, zählte zum Gründungskomitee. Doch nach den medialen Attacken gegen ihren Lebensgefährten wollte die Anwältin das Licht der Öffentlichkeit lieber meiden. Weitere prominente Mitglieder: Gabi Semler-Quester vom gleichnamigen Baustoffkonzern, die Motivforscherin Sophie Karmasin, Sotheby’s-Chefin Andrea Jungmann und Ex-ORF-Programmintendantin Kathi Zechner.

Prosecco statt Bier. Hausherr Wolfgang Rosam war begeistert: „Ein erhebender Augenblick. Beim Zigarrenklub kommt sonst auf zehn Männer eine Frau.“ An diesem Abend war es umgekehrt, der Prosecco sprudelte, die Biergläser blieben leer. Von Eva Glawischnig zeigte sich Rosam überaus angetan: „Sie ist so eine herrlich erfrischende Grüne, wie man es sich öfter wünschen würde. Sie zieht wohl deshalb so viele Bürgerliche an, weil sie eine bürgerliche Grüne ist.“
Berührungsängste mit der Bourgeoisie kann man der promovierten Juristin, die nach dem Scheitern der Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP „schon eine Träne“ vergoss und mit Maria Rauch-Kallat „Schwesterschaft“ trank, tatsächlich nicht nachsagen. In heimischen Frauenmagazinen ist sie Stammgast, führt Ballroben von Fürnkranz vor oder posiert als eine von „12 Frauen in Rosa“. Bei der Eröffnung eines Nobelitalieners fehlt sie ebenso wenig wie auf der Geburtstagsgala der Kabarett-Ikone Gerhard Bronner – inmitten der Damen der Wiener Gesellschaft von Margot Klestil-Löffler bis Christine Lugner.

Unlängst sah man Glawischnig im Wiener Musikverein bei einem Violinkonzert von Anne-Sophie Mutter im angeregten Gespräch mit Andreas Treichl, dem Chef der Erste Bank. Mit einer Infiltration der bürgerlichen Reichshälfte habe dies nichts zu tun, wehrt die Grüne ab: „Zum einen habe ich selbst Musik studiert, darunter auch klassisches Klavier, und zum anderen ist die Erste die Hausbank der Grünen.“ Sie sei eben vielseitig, den Vorabend habe sie etwa im B.A.C.H. zugebracht – und dies ist kein weiterer Klassik-Tempel, sondern ein Wiener Alternativlokal.

Was ihre Lebensführung anbelangt, scheint Glawischnig traditionell bürgerliche Tugenden durchaus zu schätzen. In einem Word Rap mit der heimatlichen „Kleinen Zeitung“ gab sie vor zwei Jahren auf die Frage nach ihrem Tick zur Antwort: „Ich bin penibel und ordentlich.“ Ihre „größte Schwäche“ beschrieb sie so: „Ich will oft zu viele Dinge perfekt machen.“

Hausmusik. Eva Glawischnig stammt aus gutbürgerlicher, freiheitlich-protestantischer Familie. In der „Hausmusik Glawischnig“ bediente sie das Hackbrett. Später, als Studentin, erklomm sie mit der „Gerald Gaugeler Band“ gar Platz 10 der Hitparade. Der Heimatdichter Gerhard Glawischnig, ein naher Verwandter, ist als Erneuerer des Kärntnerliedes im Land der Karawanken eine Legende. Ihre Schwester Birgit leitet in Wien einen Kärntner Chor.

Im elterlichen Gasthaus „Zur schönen Aussicht“ bei Seeboden am Millstätter See wurde Eva Glawischnig politisch sozialisiert. Machosprüche an der Theke, der Anblick von Frauen, die ihre Männer um einen Kochkurs anbetteln mussten, machten sie zur engagierten Linksliberalen.

„Bürgerlich? Nein, das klingt so spießig. Das ist die Eva nicht“, findet Glawischnig-Freundin Ulli Sima. Karl Öllinger, Glawischnigs Antipode im grünen Spektrum, denkt ähnlich: „Leider gibt es in Österreich noch immer die Versuchung, Politiker im alten Schema zwischen bürgerlich und proletarisch einzuordnen. Ich glaube, dass gerade die Grünen aufgrund ihrer Geschichte die Chance haben, sich diesem Lagerdenken zu entziehen. Das sieht auch die Eva so.“

Glawischnig selbst reagiert verwundert: „Jetzt bin ich auf einmal die Bürgerliche. Vor einem halben Jahr war ich noch die radikale Marxistin.“ Die wenig schmeichelhafte Bezeichnung stammt von Andreas Khol – er hatte allerdings noch das Attribut „wunderschön“ hinzugefügt. Das war im letzten Nationalratswahlkampf, als die ÖVP von grünen „Haschtrafiken“ fantasierte.

Dennoch strahlt Eva Glawischnig tief ins bürgerliche Lager hinein. Vor allem ehemalige Wähler des Liberalen Forums – und das waren einmal um die sechs Prozent (Nationalratswahl 1994) – bindet sie im Verein mit Parteichef Alexander Van der Bellen an die Grünen. Im parteiinternen Flügelkampf zwischen den „Sozialis“, den ganz Linken, und den „Ökos“, den nicht ganz so Linken, gilt sie als Frontfrau der Letzteren – nicht nur, weil sie aus der Umweltorganisation Global 2000 kommt.
Dass Glawischnigs bürgerlicher Linksliberalismus den Grünen neue Wählergruppen erschließt, wird von vielen in der Partei durchaus goutiert. Es könnte den Grünen auch bei der Bundespräsidentenwahl dienlich sein. Glawischnig selbst hatte medienwirksam mit einer Kandidatur zu kokettieren begonnen. Jetzt, wo es langsam ernst wird, zaudert sie.

Im Dezember 2002 war Eva Glawischnig für so manchen Parteifreund aber doch einen Schritt zu weit gegangen. In den Sondierungsgesprächen mit der ÖVP ließ sie ein großes Kreuz über ihrem Dekolletee baumeln. Eine Anbiederung an die um die Gunst der Grünen buhlenden Christlich-Sozialen? „Nein“, lacht Glawischnig, „das war doch bitte nur Ironie, da ich Andreas Khol in den Verhandlungen direkt gegenüber gesessen bin.“ Als Nicht-Katholikin habe sie geglaubt, sich diesen Gag leisten zu können. Aber sie habe dazugelernt: „Mit solchen Symbolen spielt man nicht.“

Das hätte eine bürgerliche Anstandsdame nicht besser formulieren können.