Haben Sie eine Sprecherin oder einen Sprecher?

Wer heutzutage auf sich hält, kommt ohne sie oder ihn nicht mehr aus.

Um ein schon in den ersten Silben eventuell liegendes Missverständnis auszuschließen: Es darf keinen Gedanken darüber geben, dass diese großartigen, sich, weiß der Himmel, oft bis zum Gehtnichtmehr aufopfernden Menschen nicht jene feinnervigsten Vermittler der Aussagen sind, die sie zu verbreiten haben, da ihnen halt oft nichts andres übrig bleibt.

Sie sind gepflegt und gebildet, schlau und scharfäugig, und weil ihre Klientel das häufig nicht ist, werden sie von dieser gebraucht. Sie haben schon deshalb keinen Dünkel, weil sie von ihren Damen und Herren kaum einen Dank bekommen: Denn wenn in der Bevölkerung nur bedingte Begeisterung auslöst, was in den Zeitungen zitiert wird, dann putzen die Oberen sich ab; sie bitten um Nachsicht, denn offensichtlich sei eine Meinung, Stellungnahme, Erwiderung eben leider, leider missverstanden worden.

Doch auch wenn sie diejenigen, die sie vor allen Hoppalas beschützen, indiskret diskreditieren, bekommen sie sie vom Staat, der Gemeinde, der Firma, dem Studio zugesprochen; ihrem jeweiligen Stand gemäß wird ihnen zuerkannt, die eigene Stimme (und damit die eigene Haut) nicht zu erkennen geben zu müssen.

Sie gehören einer Kaste an, die offenbar gelernt hat, zu wirken, und möglicherweise verlernt hat, zu sprechen. (Über andere üblicherweise von links nach rechts zugängige geistige Grundnahrungsmittel soll hier gar nicht geschrieben werden.)
Sie sind wer. Oft genug wären sie es nicht, hätten sie keinen Sprecher. Oft genug würden sie mit ihren relativ barhäuptigen Ideen im Regen stehen, hätten sie keine Sprecherin.

Sie hätten vielleicht unseren festen Glauben, wie Idole auszuschauen und sich auszustatten haben, verwirkt.

Sie hätten, wenn sie das Pech gehabt hätten, dass wir ihnen beim Reden grad zuhören, jenen Glanz verloren, den wir ihnen seit ewig und zwei Tagen zugestehen und insgeheim anstreben.

Denn wir wollen diese Wunderbaren auch haben, wir wollen auch von Personen umgeben sein, die vielen anderen Menschen erklären, dass wir – nach sorgfältiger Überlegung und reiflicher Prüfung – für richtig befunden haben, dass es in Österreich nach wie vor einen Rechtsverkehr gibt; dass wir von der Sprecherin des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur erfahren haben, dass unser Sprecher darüber informiert wurde, dass dem Sprecher des Kunsthistorischen Museums bekannt wäre, was er vom Sprecher des Rechnungshofs mitgeteilt bekam, und zwar von der Sprecherin der Dokumentations-Vervielfältigungsstelle.

Es gibt doch den – gewiss unbegründeten – Verdacht, wir alle miteinander hätten in diesem Staat zu wenig zu sagen. Aber gerade über dieses vermeintliche Manko sollte geredet werden. Denn wahrscheinlich hängt der jeweilige Grad des graden Einflusses auf andere Höhere davon ab, ob wir etwas anmerken, monieren, erörtern, erläutern, erklären, analysieren oder gar zur öffentlichen Diskussion stellen wollen – oder durch unsere Sprecherin oder unseren Sprecher im Fall geringfügig gewichtiger Umstände unsere unumstößliche Meinung „verlautbaren“, im Fall eines tragischen Ereignisses „verkünden“ lassen.

Jeder Sager wäre eine Auslassung, die aufmerksame Zeitgenossen augenblicklich dafür vorsehen würden, dass diese in Büttenpapier gedruckt würde. Jeder Satz wäre für das Staatsarchiv ein Schatz.

Und unsereins könnte endlich einmal aufhauen. Wenn wir in einem Kaffeehaus gefragt würden, was wir bestellen möchten, dann näselten wir: „Das wird Ihnen mein Sprecher ausrichten.“

Mit dem Chef wird dann sowieso nur über die Bande geredet, der Briefträger kennt ausschließlich die Sprecherin dieser Wohnung, und es wäre natürlich ein Festessen für die „Seitenblicke“, würden wir „die Öffentlichkeit hocherfreut darüber in Kenntnis setzen, dass meine Sprecherin und der Sprecher meiner Töchter sich gestern verlobt haben“.

Es hat was. Um was gleichzuschauen, haben Generationen früher den unglaublichen Aufwand betrieben, einen Bentley, einen Butler und einen Bungalow auf Barbados zu besitzen.

In unseren fortschrittlichen Zeiten wissen nur noch ihrerzeit gut bezahlte Butler, was ein Bentley ist und wo Barbados liegt. Mit so was ist heute kein richtiges Renommee zu machen. Denn wenn Sie mit Ikonen wie Elisabeth Gehrer oder Wilfried Seipel mithalten wollen, dann ist es selbstverständlich klüger, sich nicht selbst zu äußern.
Schicken Sie andere Menschen voraus. Seien Sie clever genug, um jederzeit zu bedenken, dass Sie Ihren gesellschaftlichen Stellenwert verlieren, wenn Sie zu einem anderen einfach ganz ordinär selbst was sagen. Vielleicht würde nicht gleich die ganzseidene Gesellschaft die Augenlider vor Entsetzen niederschlagen, aber in den Kreisen, die sich zunehmend enger um uns drehen, wäre es katastrophal. Denn Sie müssen doch weitergeben, was Meinung werden soll, hm?
Nur die Wahrheit spricht für sich selbst.