Hals- und Einbruch: Wie die georgische Mafia tausende Wohnungen ausräumte

Eine georgische Mafia-Bande räumte in Österreich tausende Wohnungen leer. Das hat viel mit dem Terror der Stalin-Zeit zu tun und noch mehr mit der spanischen Immobilienkrise.

Kaum jemand würdigte sie eines Blickes, warum denn auch? So wie die drei am Morgen des 2. März die Rolltreppe der U-Bahn-Station Schwedenplatz heraufgefahren kamen, schienen sie einfach junge Männer auf dem Weg zur Arbeit zu sein: zwischen 20 und 30 Jahre alt; unauffällig und gepflegt gekleidet; zielstrebig, aber ohne offensichtliche Eile.

Um 7.59 Uhr standen sie am Zebrastreifen, der über den Franz-Josefs-Kai auf die Schwedenbrücke führt. Sie warteten an der Fußgängerampel geduldig auf Grün, dann überquerten sie den Donaukanal und tauchten in das Gewirr der kleinen Gassen des zweiten Wiener Gemeindebezirks ein.
Die Männer bemerkten nicht, dass ihnen jemand folgte, der wusste, was sie wirklich vorhatten. Jeder ihrer Schritte wurde von einem Observationsteam des Bundeskriminalamts (BK) beobachtet, das nach Mitgliedern der Ost-Mafia fahndete.

Und genau das waren die drei:
Sie gehörten einer Bande aus Georgien an – als so ­genannte „Soldaten“, spezialisiert auf Wohnungseinbrüche.
Die Diebestour, die sie in den folgenden Stunden durchführten, fand unter den Augen der Behörden statt. Doch statt einzugreifen, ließen die Ermittler die Täter vorerst gewähren. Schließlich ergaben sich dadurch tiefe Einblicke in die Arbeitsmethoden einer Verbrecherorganisation, die so effizient operierte wie kaum eine andere, mit der es die Behörden bislang zu tun hatte.

Uralte Gangstergesetze, archaisch anmutende Rituale und gleichzeitig die kühle Kalkulation der globalisierten Wirtschaft: Auf diesen Grundlagen bauten fünf Paten aus der georgischen Stadt Kutaissi ein kriminelles Großunternehmen auf, das in mindestens fünf europäischen Ländern tätig war, Millionenumsätze machte – und auch in Österreich direkt in das Leben tausender Bürger eingriff.

Denn die Leute aus Kutaissi dürften für nicht weniger als 30 Prozent der Wohnungs- und Hauseinbrüche verantwortlich sein, von denen vor allem Wien und Ostösterreich in den vergangenen Monaten heimgesucht wurden. Zwischen 30 und 40 pro Tag waren es in Spitzenzeiten zuletzt allein in der Bundeshauptstadt.

Hinter jedem dieser Einbrüche steht ein System, das selbst der Polizei einen gewissen Respekt abnötigt: „Wir haben noch selten eine so klar strukturierte Organisation gesehen“, sagt Ernst Geiger, Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt, fast anerkennend.

Die Brigade.
Die drei georgischen „Soldaten“, die an diesem Morgen im März durch den zweiten Bezirk gehen, sind die Fußtruppen dieser Organisation und gehören zu einer zehn bis zwölf Mann starken Brigade. Sie kommen aus einer Wohnung im zehnten Bezirk, in der sie zu acht auf engstem Raum leben, und sind mit der U-Bahn zum Schwedenplatz gefahren. Und zwar mit gültigem Ticket, weil sie nicht riskieren wollen, bei einer Kontrolle erwischt zu werden.

Bevor sie sich auf den Weg machen, haben Späher bereits lohnende Einbruchsobjekte ausgekundschaftet, Bewegungsprofile der Bewohner erstellt und die „Smotreashij“ (auf Deutsch: „die Schauenden“) darüber informiert. Die Smotreashij, erfahrene Ganoven im Alter zwischen 40 und 50, wachen über die Disziplin der Soldaten, weisen ihnen Fachgebiete zu und teilen die Trupps auf: Die ­einen führen Ladendiebstähle durch, die ­anderen Geschäfts-, die dritten Wohnungseinbrüche.

Ein Wohnungstrupp umfasst in der Regel zwei bis drei Leute, die in der Lage sind, normale Türen rasch und unauffällig zu öffnen. Ist bereits vor dem Einsatz abzusehen, dass eine Wohnung oder ein Haus stärker gesichert ist, werden eigens ausgebildete Spezialisten hinzugezogen – gefragte Leute, die bei Bedarf auch aus anderen Ländern eingeflogen werden. Das ist an diesem Tag aber nicht notwendig.

Die drei Soldaten betreten auf ihrem Weg immer wieder Häuser, klopfen an Türen und überprüfen, ob sich jemand in der Wohnung aufhält. Sie bleiben dabei immer in der Nähe von öffentlichen Verkehrsmitteln, um ihre Beute im Fall des Falles nicht allzu weit schleppen zu müssen. Bis knapp nach neun Uhr haben sie keinen Erfolg. Aber um 9.06 Uhr verschwinden sie in einem Haus in der Mayergasse, nahe am Praterstern. Dort knacken sie die erste Tür an diesem Morgen.

Um 10.15 Uhr folgt in der Zirkusgasse der nächste Einbruch, bereits um 10.39 Uhr betreten sie eine Adresse an der Unteren Donaustraße.
Für die Soldaten ist Einbrechen in Westeuropa ein durchaus attraktiver Job. Kutaissi, 200 Kilometer westlich der Hauptstadt Tiflis gelegen, gilt zwar als wirtschaftliches Zentrum Westgeorgiens und ist trotzdem bitterarm: sowohl was den Lebensstandard als auch was die Perspektiven betrifft. Hier ist aber auch ein prägender Gangstermythos des ehemaligen Ostblocks besonders lebendig: jener der „Diebe im Gesetz“, der noch auf die Zeit des stalinistischen ­Terrors in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zurückgeht.

In den Gefangenenlagern des Gulag waren Kriminelle besser gestellt als politische Gefangene und wurden sogar dazu herangezogen, unter Letzteren für Disziplin zu sorgen. Im Gegensatz zu den jenseits aller Gesetze stehenden politischen „Volksfeinden“ begannen die Kriminellen, sich als „Diebe im Gesetz“ zu bezeichnen. Im Laufe der Zeit bildeten sie eine Elite aus, die ihren Einfluss auch außerhalb der Lager und nach der Haft geltend machen konnte – besonders in Kaukasus-Republiken wie Georgien. Im Jahr 1982 soll in Tiflis bei einer „Shodka“, dem Gipfeltreffen der „Diebe im Gesetz“, sogar ernsthaft darüber debattiert worden sein, das bereits brüchige politische System im Land zu stürzen und die Macht zu übernehmen. Freilich folgenlos.

Die „Diebe im Gesetz“ stehen heute wie damals an der Spitze von Mafia-Organisationen im ehemaligen Ostblock. Ihren Status tragen sie in Form tätowierter Sterne auf der Haut. Einem der berühmtesten Paten von Kutaissi, dem 2006 verhafteten Zakhar Kalashov, war selbst das nicht genug. Als österreichische Fahnder vor einigen Monaten im Zuge ihrer Ermittlungen seine millionenteure Villa nahe Tiflis besuchten, staunten sie nicht schlecht: Im Konferenzsaal, gleich neben dem Aufzug zum Hubschrauberlandeplatz, prangte unübersehbar der Stern der Diebe als Fußboden­ornament.

Kalashov war hauptsächlich in Spanien tätig gewesen. Dort, vor allem in Barcelona und an der Costa Brava, lagen zuletzt die Schwerpunkte der Kutaissi-Clans. Ähnlich wichtig für die Organisation war aber auch Österreich.

Der für die hiesige Mafia-Filiale zuständige „Dieb im Gesetz“ führte die Geschäfte von einer exquisiten Wohnung im Nobelbezirk Währing aus – getarnt als Asylwerber. Mit dem täglichen Einbruchs- und Diebstahlgeschäft brauchte sich der 42-jährige Zaali M. nicht mehr zu plagen. Damit setzte er sich nur auseinander, wenn ihm seine Soldaten oder Brigadeführer ein besonderes Beutestück als Geschenk anboten: Vor nicht allzu langer Zeit etwa eine 4500 Euro teure Lederjacke, die aus dem Kaufhaus Steffl entwendet worden war. Unglücklicherweise war sie ihm zu groß und wurde in der Folge am Schwarzmarkt verscherbelt. Um 700 Euro.

Auch die Soldaten, die binnen vier Stunden vier Wohnungen im zweiten Bezirk ausgeräumt haben, kommen nur kurz mit der Beute in Berührung. Sie deponieren sie gleich nach dem Einbruch in einem vorbereiteten Versteck, etwa in einem wartenden Auto. Während sie an diesem Morgen noch unterwegs sind und um zwölf Minuten nach elf Uhr in der Großen Mohrengasse zuschlagen, ist das Räumteam längst unterwegs. Ein weiterer Trupp schafft das Diebsgut in eine so genannte Bunkerwohnung, die maximal zwei bis drei Wochen benutzt wird.

In dieser Woche liegt sie im dritten Bezirk.
Dort wird von den Brigadeführern sortiert: Was kann am Schwarzmarkt, der für die Georgier traditionell am Mexikoplatz liegt, losgeschlagen werden? Was in einem Pfandhaus? Was wird am besten nach Georgien geschickt, per Post oder Paketdienst? Was muss per Auto oder Lkw außer Landes geschmuggelt werden?

Unter Druck.
Das erlöste Geld wird nach peniblen Richtlinien verteilt: an den „Dieb im Gesetz“, die Brigadeführer und die Soldaten. Eine Tranche wandert auch in den „Obshak“, die Gemeinschaftskasse, aus der im Notfall Anwälte bezahlt, Prozesskosten gedeckt und Familien unterstützt werden können.

Seit geraumer Zeit stehen die Kutaissi-Leute unter starkem Druck: Die „Diebe im Gesetz“ haben Millionenbeträge in Spanien investiert. Und dort sorgt das Platzen der Immobilienblase für dramatische Verluste. Für Soldaten und Brigadeführer heißt das, dass ihre Umsatzvorgaben drastisch erhöht werden. Wenn sie nicht spuren, drohen nicht nur ihnen Konsequenzen, sondern auch ihren Familien in Georgien. Sie müssen also heranschaffen, was geht.

Die Fahnder des Bundeskriminalamts vermuten, dieser Umstand habe zumindest dazu beigetragen, dass die Zahl der Einbrüche in Wien im vergangenen Jahr unaufhaltsam gestiegen ist. Damit wuchs aber nicht nur der Umsatz, sondern auch die Gefahr, erwischt zu werden. Von der Verhaftung einzelner Soldaten hatte die Organisation nicht viel zu befürchten: Sie hielten immer dicht. „Gefängnis in Österreich – das ist für einen georgischen Mafioso so etwas wie ein Kuraufenthalt“, sagt Ernst Geiger vom Bundeskriminalamt.

Gefährlicher waren da schon die zahlreichen Geldwäsche-Verdachtsmeldungen, die 2009 vor allem aus der Schweiz kamen und sich auf georgische Staatsbürger bezogen. Sie führten die Fahnder schließlich auf die Spur des Kutaissi-Clans. Vergangene Woche schlugen die Behörden schließlich zu.

In Österreich, Spanien und mehreren anderen EU-Ländern wurden an die 100 Verdächtige einkassiert. Nicht nur Soldaten und Brigadeführer sitzen nun in Untersuchungshaft, sondern auch zumindest vier „Diebe im Gesetz“, darunter der für Österreich zuständige Pate Zaali M.

Die Beute, die bei der Aktion sichergestellt wurde, lässt einen Rückschluss auf die Größe der Organisation zu. In Deutschland wurden nicht weniger als 20 Tonnen gestohlene Waren gefunden, in Österreich allein 37 Kilogramm Schmuck, entwendet im Zeitraum von lediglich zwei Wochen. In Wien sank die Zahl der Wohnungseinbrüche nach der Verhaftungswelle auf 14 bis 15 pro Tag und lag damit um 50 Prozent unter dem Schnitt der Vormonate. Dass es so kommen würde und auch sie bald hinter Gittern landen würden – das konnten die drei Soldaten des Kutaissi-Clans natürlich nicht ahnen, als sie nach vier Stunden Diebstour durch den zweiten Bezirk um 11.59 Uhr am Praterstern in die U1 Richtung Favoriten einstiegen, ohne unter den anderen Fahrgästen aufzufallen: drei junge Männer am Heimweg von der Arbeit.