Harte Arbeit für Madonna

Madonna hantelt sich mit ihrem neuen Album „Hard Candy“ durch die eigene Midlife-Crisis – und festigt damit ihren Status als unverzichtbares Rollenmodell.

Man scheut sich fast, es auszusprechen, aber: Madonna hat eine Nebenbuhlerin. So etwas kann vorkommen, hat im aktuellen Fall aber trotzdem eine skandalöse Note. Denn diesmal hat die Konkurrentin offenbar den Sieg davongetragen. Und Madonna weiß das auch. In dem Stück „She’s Not Me“, Track sechs auf ihrem neuen, elften Album „Hard Candy“, singt die größte Popkünstlerin aller Zeiten über eine Frau, die ihre Wäsche trägt, ihr Parfüm benutzt und in ihrem Bett schläft. Natürlich handelt es sich um eine Beziehungsfantasie aus einem Popsong. Aber singt Madonna nicht immer auch von sich (es gibt nichts anderes im Madonna-Kosmos als Madonna)? Und ist es ganz ausgeschlossen, dass diese namenlose Konkurrentin sehr real ist und im wahren Leben Britney Spears heißt? Britney Spears, die Madonnas Platz eingenommen, die sich angeeignet hat, was Madonna zusteht?

Kurz vor ihrem 50. Geburtstag steht Madonna Louise Ciccone vor einer einschneidenden Veränderung. Das, wofür sie selbst immer stand, die unantastbare Starfigur, die alles kontrolliert, vor allem aber ihr ­Image, ist aus der Mode gekommen. Heute interessiert viel mehr die Starfigur im Zustand des Kontrollverlusts, gejagt, zugedröhnt und kahl rasiert. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass Britney Spears in den letzten Wochen nicht nur in abertausenden Klatschheften, sondern auch auf den Titelbildern dreier großer US-Magazine zu sehen war: auf dem des „Rolling Stone“ (was noch nachvollziehbar ist), des Wirtschaftsmagazins „Portfolio“ (was schon überraschender kam) und auf dem des erzseriösen Politikjournals „Atlantic“ (was dann doch reichlich skurril wirkte). Offenbar hat Britney Spears sich im Zustand der völligen Selbstauflösung als echte, in weiten Gesellschaftsschichten relevante Popikone entpuppt – und damit eine Position eingenommen, die Madonna seit einem Vierteljahrhundert besetzte. Madonna weiß das natürlich und reagiert mit einer bewährten Strategie: Arbeit. Dass Madonna hart arbeitet, an sich und ihrer Kunst, ist kein Geheimnis, sie betont es selbst gern in Interviews. Auf ihrem neuesten Album hört man es auch. Die Stücke klingen nach den endlosen Stunden, die in sie investiert wurden. Als Produzenten wurden die regierenden Quotenkaiser des zeitgenössischen R’n’B engagiert: Pharell Williams, Timberland, Kanye West. Spitzenkräfte allesamt, die „Hard Candy“ ein ansprechendes, hie und da auch wirklich unwiderstehliches Soundkonzept angedeihen ließen: synkopiert vor sich hin stolpernde HipHop-Beats, verwegene Samples, ein wenig Streicherschmalz; Musik, geschaffen für tiefer gelegte Autos und Fit­ness­studios.

An Hitpotenzial mangelt es „Hard Candy“ also nicht, an Innovation sehr wohl. Produktionen aus den Häusern Pharell und Timberland dominieren seit Jahren die Charts; auch ausgewiesene Schlagersängerinnen wie Mariah Carey, Nelly Furtado und – ups! – Britney Spears vertrauten bereits auf deren Erfolgsrezepte. Madonna hat sich mal wieder neu, dabei aber nichts Neues erfunden. In der ersten Single „4 Minutes“ beschwört sie gemeinsam mit Jus­tin Timberlake (der sich mit wachsendem Erfolg als Michael-Jackson-Stimmenimitator be­tätigt) die Kraft des großen Popsongs: „We only got four minutes to save the world“, sprich: Dieses Lied verändert die Welt. In der Vergangenheit ist Madonna dieses Kunststück schon mehrfach gelungen, diesmal schlägt der Versuch fehl.

Fitnesstrainerin. Trotzdem bleibt Madonna als Rollenvorbild unverzichtbar. Die Häme über ihren offensichtlichen Versuch, ewig jung zu bleiben, verfehlt ihr Ziel. Auch auf dem Cover von „Hard Candy“ posiert Madonna mit gespreizten Beinen, in knappem Trikot und Overknee-Stiefeln als Sadomaso-Fitnesstrainerin – und nähert sich damit jener Grenze, die im Video zu „4 Minutes“ überschritten wird: Ja, ihr sexuell aufgeladenes Duett mit dem Mittzwanziger Justin Timber­lake (dem Ex-Freund von – ups! – Britney Spears) ist peinlich. Und es ist das popkulturelle Äquivalent einer Midlife-Crisis. Im fünfzigsten Lebensjahr erobert das ewige Material Girl doch noch neue Claims und erhebt, wie sie es zeitlebens tat, unerhörte Ansprüche: Nicht nur frustrierte Geschäftsmänner, die im neuen Sportwagen noch einmal auf Aufriss gehen, nein, auch erfolgreiche Frauen haben das Recht auf eine öffentlich ausgelebte Midlife-Crisis – samt der üblichen Krisenbewältigungsstrategien. Madonna kämpft um ihr Recht auf Peinlichkeit. Auch das ist Gleichberechtigung. Und, natürlich: harte Arbeit.

Von Sebastian Hofer