Heinz-Christian Strache: „Ich bin Mitte-rechts“

Heinz-Christian Strache, Wiens neuer FPÖ-Chef, über sein national-liberales Weltbild, feministische Motive in der Kopftuchdebatte und Jörg Haider als „Bundesligaspieler“. Heinz-Christian Strache, 34 Bei der allein erziehenden Mutter aufgewachsen, acht Jahre Internat, Zahntechniklehre. Ende der achtziger Jahre schließt sich Heinz-Christian Strache der Wiener FPÖ an. 1991 ist Strache jüngster Wiener Bezirksrat, 1996 kommt er in den Wiener Landtag. Am 6. März 2004 wird der vierfache Familienvater, Burschenschafter und „Knittelfelder“ zum Nachfolger von Hilmar Kabas als Wiener FPÖ-Obmann gewählt.

profil: Der Wiener Grünen-Chef Christoph Chorherr sagt über Sie: „Heinz-Christian Strache ist die Fortsetzung von Hilmar Kabas. Und das ist eine Politik voller Ausländerfeindlichkeit.“ Würden Sie dem zustimmen?
Strache: Nein. Chorherr ist einfach nervös, weil er nicht gerade als der spritzigste Politiker in Wien gilt.
profil: Sie gelten als Vertreter des nationalen Flügels der FPÖ. Wie rechts ist Heinz-Christian Strache wirklich?
Strache: Ich bin Mitte-rechts, ein National-Liberaler. Ich bin hart in der Sache, aber herzlich zu den Menschen. Rein sozialpolitisch gesehen bin ich eher ein Linker, weil ich mich für die sozial Schwachen einsetze. Heimatpolitisch bin ich ein Rechter.
profil: Sie waren Burschenschafter bei der pennalen Verbindung Vandalia. Was gibt Ihnen das?
Strache: Ich habe das sehr genossen. Man lernt dort vieles: Gemeinschaftssinn etwa. Zuvor war ich acht Jahre lang im katholischen Internat. So etwas prägt, man wird durchsetzungsstärker, zielstrebiger.
profil: Die katholische Erziehung hat keine Spuren hinterlassen?
Strache: Doch, doch. Ich bin katholisch und gläubig. Bei mir gibt es keinen Antiklerikalismus.
profil: Fühlen Sie sich eher als Österreicher oder als Deutscher?
Strache: Ich bin stolz auf meine Heimat, ich fühle mich als Österreicher. Aber der Umstand, dass wir Deutsch als Staatssprache haben, zeigt, dass wir Österreicher dem deutschen Kulturraum angehören.
profil: Als ihr Knittelfeld-Kollege Ewald Stadler vor zwei Jahren von der „angeblichen Befreiung“ Österreichs im Jahre 1945 gesprochen hat, haben Sie ihn verteidigt. Würden Sie das heute auch noch tun?
Strache: Jeder Historiker wird bestätigen: Die Republik Österreich hat von 1933 bis 1955 leider Gottes nicht existiert, daher waren wir ein unfreies Land. Man sollte die Menschen fragen, die damals bombardiert worden sind, ihre Verwandten, ihr Vermögen und oftmals auch ihre Unschuld verloren haben. Eine Befreiung empfindet
man nur dann als Befreiung, wenn man korrekt behandelt wird. Solange es Krieg, Zerstörung und Vergewaltigungen gibt, empfindet man das nicht so.
profil: Aber Sie, der Sie diese Zeit nicht miterlebt haben, könnten ja sagen: Österreich ist befreit worden.
Strache: Ich bin froh, dass ich diese Zeit und das totalitäre Regime nicht erleben musste.
profil: Sie waren in jungen Jahren mit der Tochter von NDP-Chef Norbert Burger liiert. Hat dessen Weltbild auf Sie abgefärbt?
Strache: Nein. Jetzt höre ich diese Frage zum hundertsten Mal. Niemand würde Johannes Voggenhuber zum hundertsten Mal fragen, wieso er mit der Tochter von Otto Scrinzi verheiratet war. Ich habe heute eine Ehefrau, die meine große Liebe ist. Alles andere ist private Vergangenheit.
profil: Sie haben vier Kinder. Wie darf man sich denn ihr familienpolitisches Weltbild vorstellen?
Strache: Sehr modern. Ich lebe da nicht nach verzopften Philosophien. Meine Frau hat selbst beruflich Karriere gemacht. Und sie hat für sich die Entscheidung getroffen, zu Hause zu bleiben, solange die Kinder noch so jung sind.
profil: War ihre Affinität zur FPÖ familiär bedingt?
Strache: Nein, die FPÖ war für mich Ende der achtziger Jahre einfach die dynamischste Partei. Meine familiäre politische Heimat ist eigentlich die SPÖ. Mein Urgroßvater war Mitglied der Sozialdemokraten und Mitbegründer der Gewerkschaft. Doch die Sozialdemokratie verdient heutzutage ihren Namen nicht mehr. Wenn man sich die soziale Kälte, die Belastungspolitik in Wien ansieht, mit den Erhöhungen der kommunalen Gebühren, der Ausgliederung des Fonds Soziales Wien oder den Lainz-Skandal. Seit 1994 hat Michael Häupl 30.000 Arbeitsplätze vernichtet. Wir haben in Wien ein ganz massives Sicherheitsproblem, und vor unseren Schulen wird offen mit Drogen gedealt.
profil: Wäre Ihnen Rot-Blau lieber als Schwarz-Blau?
Strache: Wir haben mit der ÖVP im Bereich Familie Gemeinsamkeiten und mit der SPÖ in den Bereichen Soziales und Gesundheit. Sozialpolitik ist das Zukunftsthema in unserem Land. So gesehen halte ich das Farbenspiel Rot-Blau für eine Idee mit Zukunftscharme. In Kärnten wurde das Eis gebrochen. Leider gibt es in der SPÖ noch immer viele rote Dinosaurier. Aber dort spielt sich derzeit eine sehr interessante Entwicklung ab: Eine Art Perestroika wie damals in der UdSSR. Nur in Wien gibt es die noch nicht.
profil: Soll Jörg Haider wieder FPÖ-Chef werden?
Strache: Er muss selbst entscheiden, ob er das überhaupt will. Sein Herminator-Sieg in Kärnten hat aber gezeigt, dass er prädestiniert für größere Aufgaben wäre. Man sollte Bundesligaspieler nicht nur in der Landesliga einsetzen.
profil: Soll die FPÖ-Fraktion in der Regierung umgebildet werden?
Strache: Das ist eine Frage, die der Bundesparteivorstand zu behandeln hat. Es gibt aber sicher einige, die zu Höherem berufen wären. Aus der so erfolgreichen Kärntner Landesgruppe fallen mir Martin Strutz oder Karl Pfeifenberger ein, in Wien denke ich etwa an Eduard Schock. Aber auch ich werde mich in der Bundespolitik öfters zu Wort melden. Etwa jetzt, aus Anlass des 60-Prozent-Rabatts für Steuersünder: Das ist wirklich ein Betrug am anständigen Steuerzahler. Ich frage mich, ob das nicht möglicherweise eine Lex Grasser ist. Damit er vielleicht seine Homepage-Förderungen anonym versteuern kann?
profil: Wem werden Sie denn bei der Bundespräsidentenwahl ihre Stimme geben?
Strache: Leider gibt es keinen dritten Kandidaten. Da wurde eine große Chance vertan.
profil: Benita Ferrero-Waldner oder Heinz Fischer?
Strache: Ich weiß es nicht. Bei Heinz Fischer frage ich mich, ob er nicht ein schlechtes Gewissen hat: Er war einst einer der Initiatoren von Rot-Blau, jetzt äußert er sich negativ dazu. Und bei Ferrero-Waldner stellt sich die Frage: Wie steht sie zum EU-Beitritt der Türkei?
profil: Wie stehen Sie zum EU-Beitritt der Türkei?
Strache: Partnerschaft ja, aber es kann keine Vollmitgliedschaft geben. Die Türkei wäre ein islamisch-trojanisches Pferd in der EU. Die EU muss an den Grenzen Europas enden. Und der Erweiterungswahn sollte endlich beendet werden. Wenn schon Erweiterung, dann Richtung Russland. Aber auch erst in 20 bis 25 Jahren. Es wurde ja auch Polen zu schnell hereingeholt. Meine Vision für Europa ist: Wer zahlt, schafft an. Wir sind seit Jahren Nettozahler, schlagen aber keinen Nutzen daraus. Die Arbeitslosigkeit steigt, der Mittelstand wird zerstört, der Euro ist ein Teuro. Ein Kerneuropa muss aus Nettozahlern bestehen.
profil: Soll das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Gebäuden verboten werden?
Strache: Ja. Hier halte ich es mit dem Staat Türkei. Jene, die zugewandert sind, werden das mit Sicherheit verstehen, denn sie kennen das ja aus der Türkei.
profil: Sagen Sie das jetzt aus nationalen, aus liberalen oder gar aus feministischen Motiven?
Strache: Aus liberalen Motiven und auch aus Motiven der Frauenrechte. Wir haben eine Aufklärung hinter uns, Gleichberechtigung hat bei uns einen hohen Stellenwert. Unsere Sitten und Gebräuche sollten von den Zuwanderern akzeptiert werden.
profil: Wie man hört, werden diese von der Wiener FPÖ jetzt intensiver umworben.
Strache: Ich brauche niemanden zu umwerben. Die Mehrheit der Zuwanderer, die heute in Wien lebt, hat sich mühevoll einen Wohlstand erarbeitet, sich integriert und weiß ganz genau, dass es zu keiner weiteren Zuwanderung kommen darf. Sonst würden sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Ein Zuwanderungsstopp ist daher für alle Beteiligten von Vorteil.
profil: Rechnen Sie sich tatsächlich Chancen aus, in Wien gegen Michael Häupl zu reüssieren?
Strache: Wir haben in Wien alle Chancen, diese rote Allmacht zu brechen. Die Wiener haben nur darauf gewartet, dass es endlich einen ernst zu nehmenden Herausforderer gibt. Ich schätze Michael Häupl als Menschen. Politisch muss er aber nach Kärnten zum Nachhilfeunterricht fahren. Seit 1994 hat Häupl nur eine Show- und Eventpolitik betrieben.
profil: Da ist er in Kärnten aber gerade richtig.