Heller: „Ich bin ein organischer Feigling“

Demnächst macht André Hellers Revue „Afrika! Afrika!“ in Wien Station. Der Globalkünstler über seine Wünsche an die große Koalition, über Rassismus, Ute Bock, Bob Dylan und die Beziehung zu seiner Nase.

profil: Als Gusenbauer-Intimus müssen Sie es ja wissen: Wer wird denn demnächst Kunstminister?
Heller: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es von Vorteil wäre, ein starkes Kultur- und Wissenschaftsministerium zu haben. Es hat leider Tradition bei uns, dass die Kulturverantwortlichen im Kabinett nicht mächtig sind. So tief wie unter Wittmann und Morak, die sich auch öffentlich zu praktisch gar nichts mehr zu Wort gemeldet haben, war’s nie zuvor. Ein Kapazunder-Kulturminister wie seinerzeit Jack Lang in Frankreich hat sich innerhalb und außerhalb der Regierung selbstverständlich zu allem Relevanten zu Wort gemeldet: zur Gesundheitspolitik ebenso wie zur Ausländerthematik. Ich wünsche mir in diesem Amt jemanden, der begreift, dass alle Felder der Politik mit Kultur vernetzt sind und mit Kultur durchflutet gehören.
profil: Hegen Sie tatsächlich die Hoffnung, dass eine große Koalition mit einer äußerst widerwilligen ÖVP sich dazu aufraffen könnte?
Heller: Zwei der wesentlichen Themen – effiziente Umweltpolitik und die heilsame Macht der Kunst – wurden in diesem armseligen Wahlkampf regelrecht wie Tabus behandelt. Und jetzt kommt noch die Aussicht auf eine vom Wahlergebnis erzwungene große Koalition, die wahrscheinlich alle Beteiligten in Wahrheit als Brechmittel empfinden. Natürlich ist der Wechsel hin zu Gusenbauer und seinem unverbrauchten Team ein von mir lange ersehntes Glück, aber Rot-Grün wäre mit Sicherheit ein Quantensprung an unverzagter, sozial gerechter und lösungsorientierter Handschrift gewesen. Mit dem knappen Resultat haben wir jetzt den uneleganten Scherben auf – und man kann dem Land nur die Hilfe der Qualitätsengel wünschen, dass die ausgelaugte, aber immer noch hochmut-gepanzerte ÖVP nicht auch noch Grasser oder Molterer in die Regierung schickt.
profil: In Ihrer Arbeit verbirgt sich das Politische hinter dem Ästhetischen; die von Ihnen konzipierte Show „Afrika! Afrika!“ trägt die Emphase schon im Titel. Soll da tatsächlich ein ganzer Kontinent vermessen werden?
Heller: Das wäre ein vollkommen hybrider Ansatz. Nein, ich hatte bei der Titelwahl das Bild eines im Ausguck eines Schiffes stehenden Matrosen vor Augen, der nach Monaten der Reise endlich Land in Sicht melden kann. Was wir zeigen können, sind naturgemäß nur Splitter des Wesentlichen. Eine Art afrikanische Show-Version von Günther Nennings „Austrokoffer“-Gedanken wurde von mir nicht angestrebt.
profil: Wie kam das Projekt zustande?
Heller: Am Anfang stand ein fast schockartiges Erlebnis, das ich 1972 in Marokko hatte. Ich kam, überschattet mit Wiener Melancholie, direkt aus dieser wehleidigen, selbstzufriedenen Hawelka-Gesellschaft damals erstmals nach Afrika. Unterwegs traf ich einen zauberhaften und etwas bizarren, sehr alten homosexuellen Herrn namens René Hubert, der mit seinem marokkanischen Geliebten durch dieses gewaltige Land flanierte. Hubert war zu seiner Fabelzeit ein bedeutender Filmkostümbildner, ein Schweizer in Hollywood, der schon in den zwanziger Jahren mit Gloria Swanson gearbeitet hatte, später auch mit Marlene Dietrich. Und er war der letzte Geliebte des 1926 früh verstorbenen Rodolfo Valentino gewesen. Ich schloss mich dem amüsanten Paar René und Achmed an, vor allem auch, weil sie in einem klimatisierten Mercedes mit Chauffeur reisten. Am Rande der Sahara fanden wir eine magische Zusammenkunft verschiedenster Künstlerwesen vor: Tänzer, Musiker, Sänger, Akrobaten, Gaukler, Märchenerzähler. Sie trafen sich, so wurde erzählt, dort alle paar Jahre, um einander mit hoher Kraft aufzuladen.
profil: Ein Poesiekongress sozusagen.
Heller: Ja, und das stand in einem so unglaublichen Widerspruch zu den bleiernen Wiener Energien, wo selten anderes als Entmutigung, Neid und Frustration herrschte. In Afrika war plötzlich alles leichter und frei von diesen Karl-Kraus-Epigonen-Stimmungen. Die Künstler, mit denen ich dort sprach, waren zwar Konkurrenten, aber jeder wollte vom anderen, dass er noch besser und lebensfähiger werde.
profil: Schon damals hatten Sie also die Idee zu einer solchen Show?
Heller: Ich dachte mir zumindest: Davon sollte man lernen. Nach meiner Rückkehr blieb diese vage Idee, geisterte in meinem Kopf herum, obwohl ich damals professionell überhaupt nicht in der Lage gewesen wäre, daraus ein Bühnenereignis zu heben. Es hat 30 Jahre gedauert, bis die Zeit reif war. Meinen wesentlichen Verbündeten, den von der Elfenbeinküste stammenden Choreografen Georges Momboye, bekniete ich, darauf zu achten, dass die Show nicht zu sehr Heller wird. Sein erfahrenes Denken und Fühlen sollte darin repräsentiert sein, nicht meines. Außerdem – das war uns immer klar – sollte das ein flirrendes vergnügliches Ereignis werden und kein ethnologischer Kongress.
profil: Am Anfang Ihrer Revue heißt es, man möge etwaige Fehler entschuldigen. Aber es scheinen nie welche zu passieren.
Heller: Ich habe bei Probenbeginn etwas ganz Falsches getan, indem ich den Künstlern erklärte, dass Fehler bei uns eine Bedeutung haben: dass es als „falsch“ wahrgenommen wird, wenn etwas spektakulär schiefgeht. In Afrika herrscht gottlob ein ganz anderes Bühnenbewusstsein. Diese Artisten haben keinerlei Perfektionswahn, ihnen muss nicht alles gelingen – und sie müssen nicht immerzu über andere triumphieren, um sich zu beweisen. Sie haben nur eine schöpferische Wollust: jeden Augenblick mit Freude auszufüllen. Ihr Feiern beginnt tagtäglich bereits zwei, drei Stunden vor der Aufführung. Größer kann die kulturelle Differenz nicht sein: Im Burgtheater sitzen zwei Stunden vor der Premiere ängstliche, bleiche, häufig kettenrauchende, einander über die Schultern spuckende, „toi toi toi“-versiegelte Wesen herum – und sprechen Sätze wie „Es wird schon schiefgehen“. Bei „Afrika! Afrika!“ dagegen wird hinter der Bühne getanzt, gesungen und viel gelacht. Die machen auch kurz vor dem Auftritt ganz gefährliche Dinge, üben etwa schnell noch einen Salto rückwärts, wo dann eine besorgte Eislaufmutter wie ich sagt: „Kinder, passts auf, ihr werdets euch verletzen.“
profil: Wie weit hat der Grad der Artistik denn eine Rolle gespielt? Unsereinem tut manches ja schon beim Zuschauen weh.
Heller: Weil wir oft solche gefühls- und körperscheuen Hirnwichser sind. Ich habe jahrelang mit den akrobatischen Hauptkönnern dieses Planeten gearbeitet, den Chinesen. Da ging es in einer ursprünglich mönchischen Tradition immer darum, mit neuen Selbstüberwindungen Gott zu zeigen, was für ungewöhnliche Wesen er mit uns geschaffen hat. Bei den afrikanischen Künstlern ist all das aus der schönen Unbändigkeit der Feste und den Traditionen des Dorfplatzes entstanden. Jeder dieser Künstler wäre empört, wenn man ihm sagte, er mache etwas, das nicht für alle gedacht wäre. Unser heiligster Kunstbegriff ist ja meist: Geheimbund! Elite! Wenige arrogante Wissende! Die Avantgarde, das sind im Westen die Hohepriester, die voranmarschieren, während die vermeintlichen Dummerln vielleicht 50 Jahre später auf diesem Erleuchtungsniveau angekommen sein werden. Der afrikanische Avantgardebegriff dagegen besteht darauf, Qualität und Ermutigung an möglichst viele zu verteilen: an Kinder, Greise, den Dorfdeppen und den Schamanen.
profil: Will nicht auch bei uns jeder Künstler so viel Publikum wie möglich?
Heller: Als ich im Herbst 1966 im Café Hawelka an den Tisch der jungen Kunststars um Ossi Wiener oder auch an jenen von Hilde Spiel, Doderer und Torberg kam und verkündete, zum Radio und in die Popwelt gehen zu wollen, war ich praktisch exkommuniziert. Ich sagte, das sei doch bitte hochinteressant und wirksam, da hörten einem täglich ein paar hunderttausend Menschen zu. Mir wurde kühl entgegnet, dass der Rimbaud derlei Schwachsinn nie gemacht hätte. Ich hab geantwortet, ja, aber der neue Rimbaud, Bob Dylan, hat’s gemacht. Da haben die gefragt: Bob wer?
profil: Birgt Ihre Form des Varieté nicht die Gefahr der künstlerischen Deformation afrikanischer Kunsttraditionen?
Heller: Man muss bei gewissen Projekten eine Form finden, die einem in zwei Stunden kaleidoskopartig viele unterschiedliche Stimmungen vermittelt. Wenn Sie zwei Stunden lang MTV-Videoclips sehen, erleben Sie mit etwas Glück auch eine Art Sturz durch unterschiedliche Stile und Weltfacetten. Bei „Afrika! Afrika!“ habe ich einer Reihe von Könnern eine einzige Aufgabe gestellt: Macht eine möglichst unvergessliche Show über euch selbst. Und ich helfe euch dabei in jeder gewünschten Weise.
profil: Dieses Ansinnen erschien den Künstlern normal?
Heller: Die Bitte erschien ihnen zunächst unfassbar – vor allem der Umstand, dass für so etwas Geld da sei. Dass man zwei Monate lang bezahlterweise etwas probieren kann. Dass es Scheinwerfer gibt und Werkstätten für Kostüme – und dass für all dies eigens ein reisendes 2000-Plätze-Theater gebaut wird.
profil: Ein wenig ratlos hinterlässt einen die Nummer, in der eine Gruppe schwarzer Menschen in Baströckchen auftritt.
Heller: Das ist aber mit Verlaub deren Originalkostüm. Darüber haben schon bei der Premiere viele gerätselt. Mir ist das anfänglich auch aufgestoßen. Aber die Künstler haben sehr strikt erklärt, dass wir, wenn wir einen Tanz aus Gabun im Programm haben wollten, eben auch authentische Kostüme verwenden müssten. Die Afrikaner haben alte Kulturen, in denen seit jeher Bastkostüme getragen werden – und im Westen wurde dieser Teil ihrer Kultur zu einem Kitschklischee gemacht. Das wäre aber so, als sagte man Volkskünstlern aus dem Tiroler Pustertal: Lederhosen dürft ihr bei Auslandsauftritten nicht mehr tragen, weil die Amerikaner das in idiotischen Filmen als Bild von Tirol propagiert haben. Die Tiroler würden zu Recht fragen, ob man noch ganz bei Trost sei.
profil: Welche Erwartungen hegen Sie, wenn Sie Ihre Show nun in Wien zeigen, einer Stadt, in der Afrikaner alltäglichen Schikanen ausgesetzt sind?
Heller: Afrika gegenüber gibt es hierzulande einen Generaldünkel, den auch beschämend viele Intellektuelle transportieren. Der Kontinent wird reduziert auf seine Not, seine Verzweiflung, auf Krieg, Katastrophe, Krankheit. Mich haben viele, auch Künstlerfreunde, schon im Vorfeld gefragt, ob ich das eigentlich nicht merkwürdig fände, dass ich gar nicht auf die Idee komme, statt einer solchen Show lieber Geld zu spenden für Brunnengrabungen oder Medikamente. Dem liegt wohl die Theorie zugrunde, in der Not bräuchte man keine Kultur. Aber haben denn die Briten aufgehört, sich Shakespeare anzuschauen oder Joyce zu lesen, als die Deutschen London bombardierten? Manche gehen offenbar hochmütig davon aus, dass Afrikaner überhaupt kein Grundkulturbedürfnis haben, und schon gar nicht, dass es dort Wesen gibt, die wie unsereins qualifizierte Thomas-Bernhard- oder Strawinsky-Aufführungen erleben möchten. Das kommt ja noch dazu: Wenn wir von afrikanischen Theaterleuten reden, gibt es immer das Vorurteil, die machen inhaltlich und formal sicherlich rein „afrikanisches“ Theater. Aber jeder professionelle Tänzer, mit dem Sie reden, achtet zwar seine Wurzeln, wird aber neugierig über eine Choreografie von „Sacre du printemps“ oder innovative Breakdance-Entwicklungen sprechen wollen. Nun haben wir mit der Unesco eine Stiftung gegründet, mit deren Hilfe von jeder Eintrittskarte ein Euro an die Goethe-Institute vor Ort geht, die damit Stipendien und Projekte für junge afrikanische Künstler finanzieren. „Afrika! Afrika!“ haben bislang fast 700.000 Zuschauer gesehen – das ergibt sehr viel Geld für und in Afrika.
profil: Um auf den allgegenwärtigen Rassismus in Österreich zurückzukommen: Man kann nicht behaupten, dass der Rechtspopulismus bei uns tatsächlich abgewählt worden ist. Mit Straches Erfolgen scheint er durchaus weiter zu florieren.
Heller: Ich bin seit Jahrzehnten der Ansicht, dass wir – und damit meine ich die fantasieintensiven und auch nach außen hin wirkungsfähigen Begabungen – uns zu wenig um die so genannten „Leut’“ kümmern. Wir lassen sie in ihren von den Haider-, Schüssel-, Westenthaler- und Strache-Machtspielen zynisch gesponserten Vereinfachungstragiken vor sich hin köcheln – und regen uns regelmäßig am Abend des Wahltags über die Primitivität ihres Handelns auf. Gerade die so genannte Unterhaltungskultur hat einen Zugriff auf Menschen aller Ausbildungsgrade und sollte sich der Möglichkeit von klugen Verfeinerungsversuchen nicht entschlagen. Alle meine Arbeitsbemühungen hatten und haben diese Verantwortung beharrlich im Auge.
profil: Vor ein paar Jahren setzten Österreichs Rechte Jelinek, Peymann und Turrini Diffamierungen aus, im Wahlkampf wurden relativ unverblümt Ausländerdeportationen gefordert. Hat sich die Situation weiter verschärft?
Heller: Ja. Und schuld sind wir alle und unsere häufige Lethargie in Bezug auf Mindeststandards von tätigem Mitgefühl. In den Schulen sollte zur Anregung ein Porträt der imponierenden Flüchtlingsbetreuerin Ute Bock hängen statt eines des ehrwürdigen Herrn Bundespräsidenten. Heinz Fischer hätte wahrscheinlich gar nichts dagegen.
profil: In Marokko stellten Sie vor dreieinhalb Jahrzehnten fest, afrikanische Volkskunst gehe Sie etwas an. Seither spielen Sie mit allen Genres, Medien und Stilen. Gibt es etwas, das Sie nichts angeht?
Heller: Es geht in meinem Leben nicht um Kunst, es geht nicht um einen Beruf, sondern nur darum, mich immer neuen Erfahrungen auszusetzen, aus denen ich am Ende, wenn möglich, gescheiter hervorgehe. „Sich lernend verwandeln“, diesen Satz wiederhole ich wie ein Mantra. Viele Leute, die ich „Abziehbildfabrikanten“ nenne, stellen ausschließlich Dinge her, die ihnen bestenfalls den immergleichen Erfolg versprechen. So lernen sie sich nicht genügend in turbulenten, herausfordernden, erkenntnisstiftenden Situationen und Zerreißproben kennen. Ich fürchte mich im Grunde immer und bin ein organischer Feigling, der sich dann doch häufig in schwierige Situationen lockt, in denen er sich, wenn er nicht untergehen will, bewähren muss.
profil: Sind Sie Ihrem „Feuerkern“, wie Musil das nannte, Ihrem Innersten, bereits nahegekommen?
Heller: Wissen Sie, ich lebe nicht besonders gern auf diesem Stern der äußersten verstörenden Polarität. Die große bittere Erfahrung meiner Kindheit und Jugend war: Mir fehlt jegliches Zugehörigkeitsgefühl, und ich wusste deshalb nicht, wie man sich hier klug zu verhalten hat. Diese Unsicherheit hat mich auffällig gemacht, ich bin ein bisschen wie Kaspar Hauser in einer mir unverständlichen Umgebung und Kälte herumgestapft, die an sich klar definiert war: lieblose Fabrikantenwelt, jüdisch durchflochtener Familienclan mit katholischer Hinwendung. Alles zu Hause war damals von einer Glocke des Nichtreflektierens umgeben. Mein Vater starb, als ich zwölf war. Ich habe lange viele Wahrheiten nicht erfahren: nichts über die Emigration, über die Hitler-Schrecken, über diesen von Nazi-Rotzbuben zum Straßenputzen gezwungenen Judenvater. Weil ich so fremdelte, begann ich, mir in diesem Treibsand mein Leben mit Verwirklichungen aus dem Geist meiner Fantasie einzurichten, auf denen ich dann halbwegs Halt fand. Zuerst vielleicht mit einem Gedicht, dann Zeichnungen oder kleinen Kompositionen. So begann ich, Tritt zu fassen.
profil: Sie sagten einmal, Sie hätten damals gleichsam mit Handgranaten jongliert …
Heller: Meine Selbstmordverliebtheit zwischen 17 und 30 hatte leider gar nichts Gespieltes. Es gibt ja nichts Peinlicheres als jemanden, der immer ankündigt, er werde sich umbringen, und es passiert nie. Ich war aber innerlich zitternd tatsächlich stets auf dem Sprung heraus aus dieser brachialen Heimatlosigkeit. Als ich die 30 erreichte, beging meine Freundin Selbstmord. Aus der daraus entstandenen Schockstarre bin ich als ein ziemlich anderer hervorgegangen. Damals habe ich verstanden: Wenn ich meine Ausbildung zum Menschen nicht durch Tod abbrechen will, muss ich mich hier schleunigst verankern – und zwar am besten durch Liebe. Mit Aggression, mit Hass und Grobheit erreicht man gar nichts Konstruktives. Von da an habe ich nicht mehr wirklich an das egomanische Künstlertum geglaubt, sondern nur mehr an sinnliche Expeditionen, an nützliche Erfahrungen des Scheiterns und Gelingens.
profil: Als sich die junge Literatur der Moderne verschrieb, haben Sie Doderer propagiert. Der Zeitgeist war und ist Ihnen egal?
Heller: Wenn man sich damit einlässt, hat man eine empfohlene Aufbrauchsfrist. Da ist es besser, man wird Joghurt. Man wird gegessen und hat es hinter sich.
profil: Die Heller-Werkstatt funktioniert abseits der Moden seit Jahrzehnten wie geschmiert. Was machen Sie richtig?
Heller: Ich lebe, so gut ich es irgend kann, solidarisch mit den Bedürfnissen meiner Seele. Wenn man nie seine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik überprüft, fangen sie eines Tages zu gären und faulen an, und man stirbt an einer Innenvergiftung von Unausprobiertem, von Mutlosigkeit und trostlosem Sich-Fügen. Ich habe bei aller Ängstlichkeit immer auch Lust gehabt, für mich und meine Ausbildung auf die Barrikaden zu gehen. Manche nannten mich abschätzig „Selbstdarsteller“ – was soll ich denn bitte sonst sein? Was soll dieser irrlichternde, auch schon bald 60-jährige ewige Schüler Heller anderes sein als er selbst in möglichst gelungener Form?
profil: Die meisten Ihrer Projekte spielen sich in gewaltigen Dimensionen ab. Muss Ihre Kunst zwangsläufig laut und teuer sein?
Heller: Das ist doch eine ungenaue Wahrnehmung. Ich habe Lieder, Gedichte, Romane und Erzählungen geschrieben. Meine Gärten oder der Film über Hitlers Sekretärin sind auch nicht gerade laut und teuer. Aber ich halte auch die großen Spektakel für nichts Anrüchiges. Es kommt doch bei allem auf die Qualität an.
profil: Empfinden Sie die Flut der Ideen, die Sie wälzen, mitunter auch als Zumutung?
Heller: Mein Hirn ist wie ein Sieb, in dem ununterbrochen irgendwas Funkelndes liegen bleibt, das um meine Aufmerksamkeit buhlt. Das fand ich eine Zeit lang großartig, weil es mir vorkam, als ob ich Gold- oder zumindest Katzengoldwäscher wäre. Aber die Faszination hielt nicht an. In der TV-Show „Wer war André Heller?“, meinem sehr frühen Nachruf zu Lebzeiten, stand ich in der Wiener Stadthalle auf der Bühne und wiederholte zehnmal den Satz: „Karg wie ein Teller mit Wasser möchte ich sein.“ Das habe ich mir mit 23 gewünscht, davon war ich aber weit entfernt und bin es bis heute. Die Hoffnung, jemand ganz anderer, Arabeskenloserer sein zu können, war so kindisch wie Michael Jacksons Wunsch, weiß zu werden.
profil: Sie bekannten einst auch, sich immer ein anderes Gesicht gewünscht zu haben. Haben Sie es inzwischen bekommen?
Heller: Heute kann ich mit meinem Gesicht gut leben. Früher war ich das, was der Wiener „ein rachitisches Knochenbouquet“ nennt, und hatte eine, wie mir schien, zu große Nase. Bis mir eine Art Gottesbeweis widerfuhr. Als ich als Liedermacher 1971 die Einladung zu einer ersten großen Deutschlandtournee erhielt, dachte ich: Herrlich, jetzt werde ich endlich so viel Geld verdienen, dass ich mir danach die Nase operieren lassen kann. Das war offenbar mein Bubi-Traum vom Stupsnasenglück. Als die Tour vorüber war, empfing mich meine Sekretärin in Wien mit einem Packen Post. Im ersten Stapel war tatsächlich der Brief eines Schönheitschirurgen aus Frankfurt. Er enthielt eine Bitte: „Sehr geehrter Herr Heller, darf ich Sie um drei Porträtfotos bitten, eins links, eins recht im Profil und eins von vorn.“ Einer seiner Klienten, so der Arzt, plane, sich genau meine Nase machen zu lassen. So habe ich mein Riechwerkzeug dankbar gesegnet und trage es heute noch unverändert voll der Sympathie.

Interview: Stefan Grissemann, Wolfgang Paterno