<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Frümmer und Sommling

Über die große Zeit zwischen Frühling und Sommer.

Was der Frühling nicht sät,/ kann der Sommer nicht reifen,/
der Herbst nicht ernten,/ der Winter nicht genießen.

Johann Gottfried von Herder

Türkei, nahe dem Städtchen Kemer, ein Freizeit-Resort, in dem sich vieles witzig verbindet. Es bietet Nischen von Luxus, beispielsweise eine Penthouse-Suite, deren Sonnenbad-Terrasse so groß ist, dass du wie Aristoteles im Gehen denken kannst. Und bietet drüben im Haupthaus den fröhlichen Wahnsinn von all-inclusive.

In den grünen Anlagen lockt ein beschaulicher secret garden, in dem ich Franz Schuhs feine Essays zum Thema Güte lese.* Ich werde leise betreut wie Prof. Gustav von Aschenbach in Thomas Manns „Tod in Venedig“. Dies in wunderbarem Kontrast zur pool area, wo du in vier Tagen und Nächten ein perfektes Alltags-Russisch lernst. Einerseits mit Männern, die Wodka aus Wassergläsern trinken, anderseits mit Frauen, die jauchzend die Tanzbühne erobern und vorführen, was Anna Netrebko gemeint haben mag, als sie sagte: „After all I’m a Russian girl.“

Ein Wetterleuchten der Kontraste, fortgeführt in einer entlegenen Bucht, die du nach Umrundung einer Felszunge gewinnst. Dort öffnet sich ein Atrium. Bei Tag dort allein, kannst du ungestört Georg Friedrich Händels Liebesballade „Oh When the Dove“ im mobilen Weltklasse-MP3-Player buchtfüllend abspielen. Die Bergziegen, die lässig in senkrechten Felswänden stehen und feine Kräuter fressen, die auf dem freien Weltmarkt teurer als Safran sind, spitzen dann die Ohrwaschln und weinen mit der Taube, die sehnsüchtig die Wiederkehr ihres Geliebten herbeisingt.

Ganz anders die Nächte der Bucht. Da mag es vorkommen, dass ein riesiges Lagerfeuer 50 Unternehmer umflackert, die einen ganzheitlichen Weg aus der Krise suchen, bis in den frühen Morgen. Sie sind gut zahlende Gäste der Volksbanken-Sommerakademie, die ich hier lobe. „Bildung unter Palmen“ ist die elitäre Spitzenversion der kontinuierlichen Schulung „Fit for Business“.

Sie kam unter Volksbanken-Boss Franz Pinkl auf die Welt, der künftig die komplexe Hypo Alpe-Adria managen wird. Als spiritus rector ist Marketing-Direktor Kurt Kaiser zu nennen, im Paarlauf mit dem Management-Pädagogen Christian Brandstätter. Und gleich danach die handverlesenen Trainer zur Schärfung jener Spezialfähigkeiten, die für Einzelunternehmer und KMU wichtig sind: effektives Marketing, Betriebswirtschaft & Steuern, Projektmanagement, Selbstmanagement, Strategieentwicklung, Personalmanagement, Team & Führung, Wirtschaftsmediation, Corporate Website, Vertrieb, Erfolgsfaktor Netzwerk.

Das Ganze ist übermütig vernetzt und verdichtet durch Moderator Bernhard „Alois“ Baumgartner und seine Frau Lisa, die daraus Filme macht, die wie Palmen in Cannes sind. Bei aller Verehrung der Volksbanken-Pioniertat wünschte ich mir als Patriot viele Eins-zu-eins-Kopien anderer Geldinstitute. Nicht dass ich es fair fände, sondern weil Pioniertaten in dieser Branche zunächst die eigenen Kunden sichern. Man gewinnt maximal zehn Prozent Fremdkunden dazu. Österreicher sind ihren Banken treu.

Kopieren ist eh nicht leicht. „Fit for Business“ geht noch. Das gibt es auch anderswo, nur nicht so schön betitelt. Die Spezialform „Bildung unter Palmen“ ist schon schwieriger nachzumachen. Da steckt der Teufel im Detail. Nördliche Effizienz in südliche Treibhäuser zu pflanzen ist gärtnerisch ein Fegefeuer. Kaisers Vor-Ort-Mitarbeiter Mirjam Ernst und Thomas Hahn brauchten drei Jahre, um in den Himmel zu kommen.
Zu diesem Vorsprung, der ihnen bleiben wird, gesellte sich ein feines Gespür für die Jahreszeiten. Man entdeckte die Mitte aus Frühling und Sommer. Frümmer und Sommling erwiesen sich als Ideal. Man ahnt die touristischen Gründe. Es gibt aber auch philosophische. Wir Menschen sind gut im Aufwärtsstreben zur Sonne und verschatten in der Entfernung zu ihr. Dem Frühling verdanken wir wesentlich helle Werke, dem Herbst die dunklen. Die Zwischenmonate Jänner und Februar sind immer sinnlos gewesen. Die herbstliche Frankfurter Buchmesse lebt von Büchern, die an der Grenze von Frühling und Sommer vollendet wurden.

In meinem Langzeitversuch, ein türkisches Experiment der Volksbanken aktiv zu begleiten, war ich auf keine Überraschung gefasst. Eher auf ennui, eine Rückbildung des Entzückens. Doch siehe, ich entdeckte im dritten Jahrgang von „Bildung unter Palmen“ die Skispringer als philosophische Tieftaucher. Die Spitzensportler Goldberger und Neuper, nach menschlichem Ermessen Geistesgestörte (Frage: ­Haben Sie jemals eine Sprungschanze von oben gesehen?), erwiesen sich als erstklassige Aufziegler für die anwesenden Unternehmer. Andreas Goldberger motivierte unter anderem mit der spartanischen Anweisung, man müsse einmal öfter aufstehen, als umzufallen. Und Hubert Neuper zog aus den grotesken Tiefen und Höhen seiner Existenz elementare Lebensgesetze. Jede der Goldi-Anweisungen und jedes der Hubert-­Gesetze wirkte klüger als alles, was ich jemals über menschliche Grenzen las. Ausgenommen die Testimonials anderer Sportler wie Thomas Bubendorfer und Lance Armstrong.

Alles ist hinterfragbar, aber als Fazit bleibt: Erstklassige Sportler, die auch gut sprechen können, sind bessere Zeugen als die Funktionäre, die wir per TV sehen. Sie sind unmittelbar glaubwürdig. Sie sind eine wunderbare Ergänzung ihrer Bücher. Sie machen aus flachen Seiten Würfel.

helmut.gansterer@profil.at