<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
iPad und iHrdlicka

Nach Evas Apfel nun die Versuchung des iPad.

„Als Geschöpfe der Schöpfung sind wir aufgefordert, weiter zu schöpfen“ , Adam Bronstein

Es gibt einen unlöschbaren Rest an USA-Liebe, trotz aller Erschütterungen. Er hat zunächst mit den natürlichen Schönheiten dieses Halb-Kontinents zu tun. Wie soll man San Francisco, die europäischste US-Metropole, vergessen, ihr „Cafe Vienna“, die Golden Gate Bridge und drüben das Napa Valley, wo viele unserer Jungwinzer glückliche Fortbildungszeiten verbrachten? Wie soll man Sausalito vergessen, als ­Erinnerungsstätte der Revolutionsautoren Kerouac, Ginsberg und Burroughs? Wie die Harley-Fahrten ohne Helm, aber mit schützendem T-Shirt durchs Binnenland, wie New Orleans vor dem Hurrikan Katrina, wie den Indian Summer in Massachusetts, Maine und Vermont?

Und wie könnte man jemals die fröhlichen, hochwertig ausgestatteten Hochschul-Campus vergessen, in denen Wissenschaft, Forschung und Industrie unverhohlen zusammenarbeiteten, unbelastet vom europäischen Prinzip der „wertfreien Wissenschaft“, die praktisch doch nur hieß, dass die Wissenschaft volksfern-unverständlich blieb und die geschmeidigsten Professoren hoch dotierte Nebenjobs unter­hielten?

Der zweite Teil meiner unlöschbaren Zuneigung zu den United States of America hat mit beruflichen ­Hi-Tech-Reisen zu tun, die ich anfangs mit Freund ­Alfred Worm unternahm, der im profil vom Bau­ingenieur zum renommierten Journalisten geworden war. Wir waren Apple-Evangelisten der ersten Stunde. Wir interessierten uns für den PC erst, als er menschlich wurde. Genauer: 1984, in der Geburtsstunde des Macintosh (fortan: Mac), drei Jahre nachdem Microsoft (Software) und IBM (Hardware) das ewige Verdienst erworben hatten, den ersten massentauglichen personal computer als „Industrie-Standard-PC“ auf die Welt zu bringen.

Wegen PC und Mac wurden wir im Silicon Valley heimisch. Wir besuchten alles, was für unsere Leser gut und für den Verlag teuer war – daneben auch die wichtigsten Computer-Granden im Nordosten, an der Technology-Mile rund um Boston. Apple in Cupertino sah uns zum blödesten Zeitpunkt, 1985. Apple-Boss Steve Jobs hatte Pepsi-Cola-Spitzenmanager John Sculley engagiert. Er wollte, dass ein erstklassiger Marketingmann das geniale GUI-Konzept verkaufte. GUI stand für „graphical user interface“ und damit für ­vieles, was alle heutigen PCs angenehm bedienbar macht: Icons, Roll-bars, Mäuse.

Von Steve Jobs, der Apple 1976 mit Steve Wozniak und Ronald Wayne gegründet hatte, bekamen wir ein flüchtiges Grüßgott. Ich hielt ohnehin Sculley für inter­essanter, mit einer für Journalisten desaströsen Menschenkenntnis. Sculley war lebhaft, jung, sportlich, ein versierter amerikanischer Marketing- & Machtmensch. Er passte weder chemisch noch in den Techno-Visionen zu Steve Jobs und zwang diesen in „die dunkelste Stunde meines Lebens“ (Jobs). Steve Jobs musste noch 1985 auf Geheiß der Gesellschafter seine eigene Firma verlassen.

Nach einer Zwischenphase, in der er unter anderem avantgardistischer Boss von NeXT und Pixar wurde und Apple mit tödlicher Konstanz Marktanteile verlor, wurde er zwölf Jahre danach als Retter zurückgeholt. Seither ist er wie Midas, in dessen Händen alles zu Gold wurde. Er rettete den Mac durch NeXT-Implantate ins heute erfolgreiche Betriebssystem Mac OS X und durch das Produkt iMac. Die heute bekannten Neben-Revolutionen griffen das kleine „i“ im Namen auf: iTunes, iPod, iTouch, iPhone und jetzt das iPad.

Letzteres packte ich mit spitzen Fingern aus. Das iPad ist so genial und appetitlich, wie wir es vom Hi-Tech-Flüsterer Jobs und seinem kongenialen Design-Partner Jonathan Ive gewöhnt sind. Und doch wurde es meine größte Enttäuschung.

Das iPad ist das schönste Gerät für Leute, die mühelos konsumieren wollen, was andere erfanden: alles Wissen und alle Musik und alle Künste, die sich über einen Bildschirm darstellen lassen. Ich hatte mir erhofft, Steve Jobs würde zuvor ein iHrdlicka offerieren, ein Gerät, mit dem Leute besser (und kleiner und leichter als zuvor) eigene Werke kreieren könnten, als Schreiber, Zeichner, Maler, Komponisten, vielleicht sogar per 3-D als Bildhauer.

Good news: Die Windows-PC-Welt, bis heute bei Desktops, Notebooks und Netbooks im Marktanteil führend und von glänzenden Companys wie HP, Sony, Toshiba und Acer gepflegt, hat eine Chance, mit einem eigenen iHrdlicka den unaufhaltbar scheinenden Vormarsch von Apple zu zähmen. Alfred Hrdlicka, der uns im Dezember 2009 verließ, war erstklassig als Bildhauer, Zeichner, Maler, Musikkenner und Schreiber. Vom Bildschirm lesen konnte er auch, aber das kann jeder.

helmut.gansterer@profil.at