Hillary für Barack

… aber die wahre Leidenschaft fehlt. Hätte sie ihm nicht die Füße küssen müssen?

Also, Hillary Clinton hat sich jetzt auf dem Parteitag der Demokraten hinter Barack Obama gestellt, wie es sich gehört. Eine stolze Unterstützerin Obamas sei sie, sagte sie, und dass es jetzt gelte, einig hinter dem demokratischen Kandidaten zu stehen und McCain zu verhindern.
Gut so. So spricht eine anständige Verliererin. So hätte Clinton ja nach Ansicht vieler Kommentatoren schon längst reden sollen, wurde sie doch ziemlich vom Beginn ihres Wahlkampfes weg medial aufgefordert, das Feld endlich für den jüngeren, den charismatischeren, den beliebteren
Anwärter auf die Kandidatur freizugeben. Aber bitte: Immerhin. Alle Achtung. Oder doch nicht?

Die ersten Meldungen über ihre Parteitagsrede waren noch voll des Lobes für ihre Selbstüberwindung. Feuriger Auftritt, voll hinter dem einstigen Gegner, große Worte et cetera. Klang ja auch beeindruckend, was man so von Clintons Auftritt zu hören und zu sehen bekam. Aber kurz danach schon die kritischen Stimmen der Durchblicker, die sich nicht so einfach täuschen lassen. Eine Pflichtübung habe Clinton absolviert, schrieben sie, die wahre Leidenschaft habe ihr gefehlt, sie tauge eben nicht für die zweite Reihe. So ist das mit Frauen, die in die erste Reihe drängen (selbstverständlich vergeblich) – sie haben sich auf ewig disqualifiziert. Es genügt nicht, dass sie ihre Niederlage schlucken und den Rivalen unterstützen, nein, mit wahrer Leidenschaft sollten sie ihre Niederlage schlucken, mit Begeisterung müssten sie sich in den Staub werfen. Fragt sich, wie sie das zum Ausdruck bringen sollten, wo doch offensichtlich eh alles, was sie tun und sagen, von den Auskennern als matte Show, als in Wahrheit lustlose Pflichtübung, als Verstoß gegen das Gebot, ihre Minderwertigkeit zu verinnerlichen, entlarvt wird? (Abgesehen davon, bloß so als Gedanke, wäre es eigentlich wirklich illegitim, als Unterlegene auch ein wenig Wehmut zu zeigen, Enttäuschung zuzugeben, bei aller Parteidisziplin nicht ganz zu vergessen, dass die eigenen Pläne gescheitert sind?)

Unverbesserliche Hillary: Nicht nur hat sie Obama nicht die Füße geküsst, sie betonte in ihrer Rede auch, wie wichtig eine allgemeine Krankenversicherung für die US-BürgerInnen wäre, etwas, wofür sie sich bekanntlich seit Jahrzehnten einsetzt. „Der Standard“1): „Beim demokratischen Parteitag in Denver rief Hillary Clinton dazu auf, Obama bedingungslos zu unterstützen. Ihm ein paar Tipps mitzugeben, konnte sie sich nicht verkneifen.“ Und: „Es ist, als wollte sie ihm in knappen Passagen ein Regierungsprogramm aufschreiben.“ Ja, und? Was wäre geboten gewesen? Dass sie sich hinstellt und die Delegierten auffordert: Vergesst alles, wofür ich jemals eingetreten bin, Leute, lauter Unfug, nebensächlich, gilt nicht mehr?

Clinton also angeblich nicht demütig genug Zweite, auch zur Vizepräsidentschaftskandidatur hat es nicht gereicht. Obama hat Joe Biden nominiert, das musste sein, weil Biden erstens ein erfahrener Politiker und zweitens ein erfahrener Außenpolitiker ist und Obama doch als reichlich jung und als außenpolitisch reichlich unbeleckt gilt. Pure Notwendigkeit. Taktik. Vernunft. Sachzwänge. Man könnte einwenden, dass Hillary ebenfalls erfahren … Ach, was. Biden ist ein qualifizierter Mann, basta. So ist das eben: Wenn Sachzwänge qualifizierte Männer erfordern, dann …!

So ist das meistens. Männliche Kandidaten setzen sich durch, und man wäre ein kleinlich plapperndes Frauenzimmer, wollte man ihren Vorrang infrage stellen, bloß weil sie Männer sind. Das Geschlecht darf doch keine Rolle spielen. Genau. Weil das Geschlecht keine Rolle spielt, machen männliche Bewerber das Rennen, und Bewerberinnen müssen den Sachzwängen geopfert werden, das passiert einfach so, immer wieder, durch Zufall. Und wer das später einmal sonderbar findet, bekommt zu hören, die Geschichte beweise, welches Geschlecht sich wofür eigne, es sei ja wohl kein Zufall, dass die Frauen kaum Führungspersönlichkeiten hervorgebracht hätten. Doch he, halt, hoppla, zur Konkurrenz geschaut und
alles widerrufen, denn McCain hat ja immerhin eine Frau als Vize nominiert, und was für eine: Sarah Palin, erste Gouverneurin von Alaska, strikte Abtreibungsgegnerin, Waffennärrin.

Das sei, heißt es, ein Angebot an Hillarys enttäuschte Anhängerinnen. Hm. Weil Frau gleich Frau ist und Weiber, die Geschlechterparität einmahnen, im Zweifelsfall selbst die Braut des Teufels einem männlichen Kandidaten vorziehen würden? Ein beliebter Denkfehler. Doch so wie das Geschlecht kein Ausschließungskriterium sein darf, ist es auch kein ausreichender Grund, jemand blindlings zu befürworten. Die Überlegung, dass Clinton-Fans keine Unterschiede sehen werden zwischen Clinton und Palin beziehungsweise zwischen dem, wofür sie stehen, scheint doch einigermaßen beleidigend. Was die Tatsache anlangt, dass Obamas Nominierung als erstaunliche Überwindung rassistischer Vorurteile gilt, so wundert es mich, dass sich niemand wundert, wie selbstverständlich er den Afroamerikanern zugerechnet wird. Genetisch betrachtet (wenn denn die Genetik zur Debatte steht) könnte er genauso gut als weiß gelten – wären die Weißen nicht der elitäre, arrogante Klub, der sie noch immer sind.