Hintergrund: Nur die Verwirrung hilft

Mit der „Kirche der Angst“ bis nach Bayreuth: Schlingensiefs „Bambiland“-Adaption ist Teil eines weit verzweigten Kunst- und Theaterprojekts.

In ihrem Stück „Bambiland“ holt uns Elfriede Jelinek dort ab, wo wir uns am sichersten fühlen: zu Hause vor dem Fernseher. Wo man, stets live dabei, den Irak-Feldzug aus privilegierter Perspektive an vorderster Front erleben kann. Obszönes War-Entertainment, kurzgeschlossen mit dem erhabenen Tonfall der Aischylos-Tragödie „Die Perser“, einem Drama der Hybris, die ja kurz vor dem Fall kommt.
„Bambiland“ ist ein Medien-Junkie-Stück, die Autorin auch diesmal ein pointierter Durchlauferhitzer für Bilder und Texte von anderen („von schlechten Eltern, von den Medien“, sagt Jelinek). Natürlich interessiert Schlingensief weder vordergründige Medienkritik („Sie sind Bestandteil meines Wohnzimmers, ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde“) noch eine Festlegung auf den Irak-Krieg. „Die Beschreibung von Bomben ist mir zu gegenständlich, das Stück spielt auf der Netzhaut des Betrachters“, sagt er. „Wir haben einen Dauerflash, eine permanente Überbelichtung. Mich beschäftigt aber die Vor- und Nachbelichtung der Bilder.“

„Bambiland“ ist Teil eines größeren, mehrteiligen Projekts: Die mit Spannung erwartete Burg-Inszenierung ist verlinkt mit seiner (bei der Biennale in Venedig erstmals präsenten) „Church of Fear“-Bewegung und seiner „Atta Atta“-Inszenierung an der Berliner Volksbühne. Was bisher geschah: Die „Church of Fear“ – „die Dachorganisation aller Sekten und Terrorgeschädigten“, gegründet im März 2003 – proklamiert „Angst als vergessene Produktivkraft“. Die Politik, so Schlingensief, verbreite gerne den Eindruck, „dass wir nicht nur unsere Stimmen, sondern auch unsere Sorgen in der Wahlkabine abgeben können, aber das ist nicht so“. Was mit einem „Pfahlsitzen“ in Venedig begonnen hat, ist mittlerweile eine Bewegung, ähnlich Schlingensiefs einstiger Partei „Chance2000“. Aus dem „Wähle dich selbst“ seiner Arbeitslosenpartei wurde eine Aktionskirche.

Zur Premiere von „Atta Atta. Die Kunst ist ausgebrochen“ im Jänner 2003 an der Berliner Volksbühne schrieb die „Berliner Zeitung“ begeistert: „Nie war Christoph Schlingensief in seiner ratlosen Aggressivität gleichzeitig so zart und liebend.“ „Atta Atta“ denkt 9/11, Kunst und Familie ineinander. „Was macht der Junge da?“, fragt Josef Bierbichler, der Schlingensiefs fast blinden Vater spielt. „Kunst“, sagt Irm Hermann als Mutter. „Macht er wieder Schweinereien?“ – „Ja, ich kann gar nicht hingucken.“ „Bambiland“ ist nun die zweite Station auf dem „Atta Atta“-Weg, der sich selbst wie ein ritueller Bußgang anhört: nächste Pilgerstation Zürich, zuletzt Apotheose mit dem „Parsifal“ in Bayreuth.

Das Private, das Rituelle, das Filmische, Überlagerungen und Unschärferelationen – das sind Schlingensiefs gerade akute Obsessionen, die in Wien vielleicht ein bisschen leiser über die Bühne gehen werden, als man dies von Schlingensief erwartet hätte. Trotzdem bleibt als Motto auch diesmal: „Es kann nur noch Verwirrung helfen.“